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10.08.2026

CDP, ESRS, Catena-X: Welche Scope-3-Daten Zulieferer liefern müssen

7 Min. Lesezeit

Mittelständische Zulieferer spüren 2025 und 2026 vor allem den Druck der eigenen Kunden: Großabnehmer brauchen Scope-3-Daten für ESRS E1, CDP und OEM-Standards. Parallel begrenzt die EU den Trickle-down über VSME und Value-Chain-Cap. Wer im Einkauf klar trennt, was rechtlich verlangt wird und was der Markt ohnehin fordert, spart Zeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Scope 3 umfasst 15 Kategorien und häufig den Großteil des Unternehmensfußabdrucks; Kunden fragen typischerweise vor allem Kategorie 1, Energie- und Prozessdaten sowie Transport ab.
  • Datenqualität steigt von spend-based über activity-based bis zu lieferanten- und produktspezifischen Werten; Hybrid ist der Normalfall.
  • Recht vs. Markt: VSME und Value-Chain-Cap begrenzen Abfragen an kleine Partner; CDP, Portale und Catena-X laufen parallel weiter.
  • Praxis: Ein kleiner Kreis der Lieferanten nach Spend deckt in vielen Portfolios den Großteil der beschaffungsbezogenen Emissionen ab; dort lohnen PCF und Tools.

Was ist Scope-3? Scope-3 umfasst indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette außerhalb der eigenen Anlagen – von eingekauften Vorleistungen bis zur Nutzung verkaufter Produkte. Für Mittelständler wird das relevant, sobald Kunden oder Berichtspflichten Lieferantendaten verlangen.

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Kundengetriebener Druck statt eigener CSRD-Pflicht

Viele Zulieferer im Mittelstand sind selbst noch nicht CSRD-pflichtig. Sie liefern dennoch Daten, weil ihre Großkunden Scope-3-Inventare füllen müssen: für ESRS E1, für CDP Supply Chain und für branchenspezifische OEM-Anforderungen. Scope 3 steht dabei für die übrigen Emissionen der Wertschöpfungskette jenseits der eigenen direkten Emissionen (Scope 1) und der eingekauften Energie (Scope 2). Das GHG Protocol teilt Scope 3 in 15 Kategorien auf und liefert dazu Berechnungsmethoden.

Der Größenordnung nach ist das der dominante Teil des Fußabdrucks. Scope 3 macht häufig den Großteil aus, je nach Sektor. CDP stellt fest, dass Scope-3-Emissionen im Schnitt etwa 26-mal höher liegen als die operativen Emissionen. Gleichzeitig bleibt die Sicht in die Lieferkette bei vielen Unternehmen dünn. Genau dort entsteht der Nachfragedruck auf den Mittelstand: wer an große Reporter liefert, wird Teil deren Inventararbeit.

CBAM zielt auf importierte Waren und eingebettete Emissionen an der EU-Grenze und ersetzt damit keine generische Scope-3-Lieferantenabfrage im B2B-Einkauf. Wer CBAM-relevante Materialien liefert, hat oft zusätzlich PCF- und Prozessdatenbedarf; das ist ein eigenes Thema.

Was Einkauf und Kunden 2026 wirklich abfragen

Für KMU-Zulieferer sind die Abfragen der Kunden relevanter als die eigene 15-Kategorien-Vollständigkeit. Upstream und Downstream sind kanonisch getrennt. Upstream umfasst unter anderem purchased goods and services, capital goods, fuel- and energy-related activities, upstream transport and distribution, waste, business travel, employee commuting und upstream leased assets. Downstream folgt mit transport, processing, use of sold products, end-of-life, leased assets, franchises und investments.

Im Tagesgeschäft der Zulieferer tauchen vor allem vier Datenblöcke auf. Erstens Kategorie 1: gekaufte Waren und Dienstleistungen auf Kundenseite bedeuten in der Praxis oft den Product Carbon Footprint der gelieferten Teile, meist cradle-to-gate. Zweitens Energie- und Prozessdaten des Lieferanten, also dessen Scope 1 und 2 und teilweise Scope 3. Drittens Transport in den Kategorien 4 und 9. Viertens seltener Abfall oder Business Travel des Lieferanten. Wer diese Blöcke sauber vorbereitet, beantwortet den Großteil der realen Portale und Fragebögen.

CDP Supply Chain bleibt der skalierende Marktmechanismus. Rund 45.000 Lieferanten wurden im Programm 2025 zur Disclosure angefragt; mehr als 270 Corporate Buyers nutzen das Format. Die Mitglieder setzen Lieferantendaten unter anderem für das Scope-3-Inventar und standardisierte Scores ein, inklusive Datenprodukten wie dem S3-Inventory-Report. Parallel laufen bilaterale Excel-Sheets, Einkaufsportale und branchenspezifische PCF-Standards. Die rechtliche Decke und die markliche Abfrage laufen damit nebeneinander.

26×
höher liegen Scope-3-Emissionen im Schnitt als die operativen Emissionen
Quelle: CDP Supply Chain Report (Datenbasis 2023, veröffentlicht 2024)

Spend-based, Activity-based und die Grenzen der Excel-Illusion

Die Datenqualität folgt in der Praxis vier Stufen: spend-based, average bzw. activity-based, supplier-specific und product-specific inklusive PCF. Hybrid ist der Normalfall. Spend-based multipliziert Euro-Ausgaben mit einem Emissionsfaktor pro Euro, oft aus EEIO-Quellen wie EXIOBASE. Activity-based nutzt physische Mengen wie Kilogramm, Kilowattstunden oder Tonnenkilometer mal aktivitätsspezifischem Faktor. Primärdaten sind lieferanten-, standort- oder produktbezogene Mess- und Allokationswerte. Sekundärdaten bleiben Branchenmittel und Durchschnitts-LCA-Datenbanken.

Spend-based ist schnell, vergleichsweise günstig und GHG-konform als Einstieg. Es ist anfällig für Preisinflation und trennt gute von schlechten Lieferanten kaum. Wer Inflation über Mehrjahresperioden unbereinigt lässt, riskiert spürbare Genauigkeitseffekte. ClimatePartner zeigte in einem Fall zu purchased services, dass spend-based die Emissionen um etwa 37 Prozent gegenüber activity-based überschätzte. Teams, die monatelang nur Spend-Faktoren pflegen und hoffen, Hotspots damit steuern zu können, verbrennen Kapazität. Die Methode eignet sich für den Long Tail und für eine erste Priorisierung, kaum für Lieferantensteuerung.

Priorisierung lohnt messbar: typisch decken die ein kleiner Kreis der Lieferanten nach Spend oft den Großteil der beschaffungsbezogenen Emissionen ab. Dort gehören activity-basierte Mengen, supplier-specific Werte und produktbezogene PCF hin. Für den Rest bleiben Sekundärfaktoren und schlanke Excel- oder ERP-Exports oft ausreichend. Tools rechnen sich, wenn die Hotspot-Menge wächst, wenn mehrere OEM-Portale dieselben Primärdaten verlangen oder wenn Catena-X-fähige PCF-Austauschformate Pflicht werden.

VSME, Value-Chain-Cap und der Markt-Rest

Die EU begrenzt den Trickle-down formal. Die Kommission hat am 30. Juli 2025 die Empfehlung zum Voluntary SME Sustainability Reporting Standard (VSME) veröffentlicht. EFRAG hatte den VSME im Dezember 2024 geliefert und ihn als vereinfachtes Tool positioniert, unter anderem als Ersatz für Teile der Banken- und Großkunden-Fragebögen. Omnibus I vom 26. Februar 2025 zielt darauf, die CSRD-Pflicht auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden zu reduzieren und einen Value-Chain-Cap zu setzen: CSRD-pflichtige Unternehmen sollen von kleinen Wertschöpfungspartnern nicht mehr verlangen als den freiwilligen SME-Standard vorsieht.

Rechtlich engt das endloses Abfragen ein. Marktlich bleiben CDP, Einkaufsportale und OEM-PCF-Standards wirksam, weil sie außerhalb der reinen CSRD-Berichtspflicht laufen oder als Lieferbedingung formuliert werden. Für den Mittelstand heißt das: VSME als Antwortgerüst und Dokumentationsbasis nutzen, gleichzeitig die Hotspot-Kunden mit Primärdaten und PCF bedienen und die restlichen Abfragen standardisieren. Wer jedes bilaterale Sheet neu befüllt, skaliert ins Leere.

Automotive als Härtetest: Catena-X und PCF

In der Automobilzulieferung verdichtet sich die Anforderung. BMW macht seit April 2025 die Catena-X-Registrierung zum integralen Bestandteil des Einkaufsprozesses. „Catena-X ready“ bedeutet technische Voraussetzungen für den Datenaustausch; Readiness Booster unterstützen das Onboarding. Catena-X PCF bringt Rulebook, Exchange-Standard, Primary Data Share und einen Verifikationsrahmen mit Together for Sustainability. Ziel sind vergleichbare, multi-tier-fähige Product Carbon Footprints statt bilateraler Excel-Wildnis.

Für KMU im Tier-2- und Tier-3-Umfeld verschiebt sich die Frage von „ob“ zu „in welcher Tiefe“. Ein stabiles Mindestpaket umfasst: Scope-1- und Scope-2-Werte der relevanten Standorte, Energiemengen und Energieträger, Materialmengen und Allokationslogik pro Produktfamilie, Transportmodi und -distanzen wo verfügbar sowie einen nachvollziehbaren PCF cradle-to-gate für die umsatzstarken Teile. Verifikation und Primary Data Share werden dort relevant, wo OEM-Verträge oder Catena-X-Use-Cases es fordern. Excel reicht für interne Vorbereitung und Long-Tail-Antworten. Für den Serienaustausch mit OEMs lohnt der Übergang auf standardisierte Formate und Tools, sobald mehr als ein Großkunde dieselben Primärdaten periodisch verlangt.

Mindestpaket für Einkauf und Vertrieb

Operativ trennen erfolgreiche Teams drei Schichten. Schicht eins ist die Inventar-Basis: konsistente Scope-1- und Scope-2-Zahlen, dokumentierte Methodik und eine klare Systemgrenze. Schicht zwei ist die Kunden-Hotspot-Liste: die Abnehmer, die CDP, ESRS-nahe Lieferantenportale oder Catena-X-PCF anstoßen, inklusive der geforderten Kategorien und Formate. Schicht drei ist die Datenpipeline: activity-basierte Mengen für die umsatz- und emissionsstarken Produktlinien, spend-based nur für den Rest, Hybrid als Leitprinzip und ein wiederverwendbares Datenblatt statt zehn paralleler Fragebögen.

Der Nutzpunkt für 2026 ist nüchtern: Mindestens lieferbar sind standortbezogene Energie- und Prozessdaten, eine transparente Allokation und ein belastbarer PCF für die Kernprodukte. Excel bleibt vertretbar, solange die Hotspot-Menge klein und die Abfragefrequenz niedrig ist. Tools und standardisierte PCF-Austauschwege lohnen, wenn mehrere Kunden Primärdaten, Primary Data Share oder Verifikation verlangen. Spend-based allein steuert keine Lieferkette; es sortiert den Long Tail und hält das Inventar voll. Wer Priorisierung, Methodikstufen und Marktkanäle trennt, liefert das, was Kunden wirklich brauchen und spart die Runden, die nur Sekundärfaktoren in neuen Farben lackieren.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Scope 1, 2 und 3?

Scope 1 sind direkte Emissionen des Unternehmens. Scope 2 umfasst eingekaufte Energie. Scope 3 deckt die übrige Wertschöpfungskette in 15 Kategorien ab, vom GHG Protocol Corporate Value Chain Standard definiert.

Welche Lieferantendaten fragen Kunden am häufigsten ab?

Am häufigsten Kategorie 1 in Form von PCF der gelieferten Teile, Energie- und Prozessdaten des Lieferanten (dessen Scope 1 und 2, teils Scope 3) sowie Transport in den Kategorien 4 und 9. Abfall und Business Travel des Lieferanten kommen seltener.

Wann reicht Excel und wann lohnt ein Tool oder PCF?

Excel eignet sich für Einstieg, Long Tail und niedrige Abfragefrequenz. Tools und produktbezogene PCF lohnen bei Hotspot-Lieferanten, bei mehreren OEM-Portalen und dort, wo Catena-X oder Primary Data Share periodisch gefordert werden.

Was bewirken VSME und Value-Chain-Cap für KMU?

VSME ist der freiwillige SME-Standard (Kommissions-Empfehlung 30.07.2025). Der Value-Chain-Cap im Omnibus-Pfad soll begrenzen, wie viel CSRD-pflichtige Unternehmen von kleinen Partnern verlangen dürfen. Marktkanäle wie CDP und OEM-Standards laufen parallel weiter.

Warum ist spend-based allein riskant?

Spend-based ist schnell und GHG-konform als Einstieg, bleibt aber anfällig für Preisinflation und unterscheidet Lieferantenqualität kaum. Fallbeispiele zeigen deutliche Abweichungen gegenüber activity-based; Inflationseffekte können über Mehrjahresperioden spürbare Abweichungen Genauigkeit kosten.

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