Materialengpässe: Was Einkauf und GF steuern
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17,2 Prozent der Industrieunternehmen meldeten im Juni Materialengpässe – nach 15,9 Prozent im Mai. Die Straße von Hormus ist wieder passierbar. Die Nachwirkungen sitzen trotzdem im Einkauf: Chemikalien, Elektronik und elektrische Ausrüstung bleiben eng. Für Geschäftsführung und Einkauf zählen steuerbare Hebel in Bestand, Dual-Sourcing und Vertragspreis.
Das Wichtigste in Kürze
- Engpassquote steigt. ifo: 17,2 Prozent der Industrie im Juni mit Materialproblemen, besonders Chemie, Elektronik und Elektroausrüstung.
- Hormus ist vorbei, der Puffer nicht. Lieferketten normalisieren sich langsam – wer nur auf Spotpreise reagiert, zahlt doppelt.
- GF-Hebel sind intern. Sicherheitsbestand, Zweitlieferant, Indexklauseln und Make-or-Buy schlagen Appelle an den Weltmarkt.
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Was ist ein Materialengpass? Ein Materialengpass liegt vor, wenn Unternehmen Vorprodukte, Rohstoffe oder Komponenten nicht in der benötigten Menge, Qualität oder Frist beschaffen können. Die ifo-Quote misst den Anteil der Betriebe, die solche Beschaffungsprobleme melden – branchenfein und monatlich.
Was die ifo-Zahlen wirklich sagen
Das ifo Institut fragt monatlich, wo Vorprodukte fehlen. Im Juni 2026 lag der Anteil betroffener Industrieunternehmen bei 17,2 Prozent, nach 15,9 Prozent im Mai. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen, ordnet ein: Die Straße von Hormus sei wieder passierbar, die Folgen der Störungen wirkten aber nach. Bis zur vollen Normalisierung der internationalen Lieferketten brauche es Zeit.
Die Branchenverteilung ist der eigentliche Befund. In der chemischen Industrie spricht fast ein Drittel (29,5 Prozent) von Materialengpässen. Bei Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen stieg der Anteil von 25,5 auf 34,2 Prozent. Elektrische Ausrüstungen lagen bei 27,7 Prozent. Der Maschinenbau blieb mit 15,6 Prozent nahezu stabil. In der Automobilindustrie stieg der Wert von 10,0 auf 15,7 Prozent. Entspannt hat sich die Lage bei Gummi- und Kunststoffwaren: von 23,7 auf 11,3 Prozent. Getränkehersteller meldeten weiterhin keine Engpässe.
Elektronik/Optik mit Materialengpässen im Juni
Quelle: ifo Institut, Pressemitteilung 7. Juli 2026
Für den Mittelstand heißt das: Der Engpass ist kein abstraktes Makro-Thema. Er sitzt in den Stücklisten der chemischen Vorprodukte, in der Halbleiter- und Sensorik-Kette und in den elektrischen Komponenten, die ohnehin lange Lead-Times haben. Wer nur den Gesamtindex liest, unterschätzt die Hotspots im eigenen Portfolio.
Warum Hormus vorbei sein kann und der Einkauf trotzdem eng bleibt
Transportwege öffnen sich schneller als Bestände. Wenn Reedereien und Speditionen wieder fahren, braucht es noch Wochen und Monate, bis Zwischenlager, Konsignationsbestände und Produktionsprogramme nachziehen. Gleichzeitig reagieren viele Lieferanten mit knapper Allokation: Wer in der Krise treu abgenommen und früh bestellt hat, bekommt Vorrang. Wer nur auf den günstigsten Spot gesetzt hat, rutscht nach hinten.
Dazu kommt die Preiskomponente. Materialengpässe treiben Verfügbarkeit, Zuschläge, Mindestbestellmengen und Stornoklauseln gleichzeitig. Die Geschäftsführung sieht das oft erst in der Marge des Folgequartals. Der Einkauf sieht es in den Bestätigungen der Lieferanten – wenn er die Abweichungen systematisch trackt.
| Branche (ifo) | Engpassquote Juni | Lesart für den Mittelstand |
|---|---|---|
| Elektronik/Optik | 34,2 % | Längste Lead-Times, Dual-Sourcing prüfen |
| Chemie | 29,5 % | Vorprodukte und Spezialchemikalien absichern |
| Elektrische Ausrüstung | 27,7 % | Komponenten für Maschinen und Anlagen |
| Automobil | 15,7 % | Zulieferer: OEMs diktieren oft Allokation |
| Maschinenbau | 15,6 % | Stabiler, aber nicht entwarnen |
| Gummi/Kunststoff | 11,3 % | Entspannung – Kapazität neu verhandeln |
Quelle: ifo Institut, Materialengpässe Industrie, 7. Juli 2026. Gesamtindustrie: 17,2 %.
Vier Hebel, die die Geschäftsführung selbst dreht
1. Sicherheitsbestand mit Preisschild. Puffer ohne Kapitalkostenrechnung ist teuer. Puffer ohne Service-Level-Ziel ist willkürlich. Pro A-Teil: Wie viele Tage Ausfallkosten stehen gegen Lagerzins und Obsoleszenz? Die Antwort gehört in die Monatsliste der GF, nicht nur in die Excel des Disponenten.
2. Zweitlieferant mit realer Qualifikation. „Dual-Sourcing“ auf dem Papier hilft nicht, wenn der Zweite nie bemustert, nie auditiert und nie in der ERP-Stammdatenpflege gelandet ist. Für kritische Teile gilt: Qualifikation läuft, bevor der Erstlieferant streikt – nicht danach.
3. Preis- und Mengenklauseln. Indexklauseln, Mengenstaffeln und klare Force-Majeure-Grenzen senken den Verhandlungsdruck im Akutfall. Wer im Boom nur den niedrigsten Festpreis wollte, zahlt in der Engpassphase mit Verfügbarkeit.
4. Make-or-Buy und Design-to-Availability. Manche Engpässe lösen sich in der Konstruktion: alternative Spezifikation, Standardbauteil statt Spezial, lokale Fertigung für kritische Untermengen. Das ist Risikomanagement an der Stückliste.
„Die Straße von Hormus ist zwar wieder passierbar, doch die Folgen der Störungen wirken nach.“
– Klaus Wohlrabe, ifo Institut
Hinweis zur Zitation: Der Satz stammt aus der ifo-Pressemitteilung vom 7. Juli 2026. Er beschreibt den Zeitverzug zwischen geöffnetem Seeweg und normalisierter Industrieversorgung – genau den Abstand, den operative Planung schließen muss.
Was der Monatsrhythmus der GF jetzt braucht
Ein taugliches Engpass-Dashboard ist kurz. Es listet die Top-20-Teile nach Umsatz- und Ausfallrisiko, den Status Erst-/Zweitlieferant, bestätigte vs. zugesagte Liefertermine und den offenen Preis-Eskalationsbetrag. Dazu einmal im Monat: Welche drei Entscheidungen braucht der Einkauf von der GF – Budget für Puffer, Freigabe Zweitlieferant, Redesign-Auftrag?
Wer das mit dem Lieferkettengesetz und Standortfragen verknüpft, gewinnt Kohärenz: China+1 und Dual-Sourcing sind Antworten auf dieselben Zahlen, die ifo jetzt wieder nach oben treibt. Der Unterschied zwischen reaktiven und vorbereiteten Häusern zeigt sich in der nächsten unbestätigten Bestellung.
Häufige Fragen
Was genau misst die ifo-Engpassquote?
Den Anteil der Industrieunternehmen in der ifo-Umfrage, die von Problemen bei der Beschaffung von Vorprodukten berichten. Es ist ein Stimmungs- und Betroffenheitsmaß – branchenfein und monatlich.
Reicht es, wieder auf den günstigsten Lieferanten zu setzen?
Nur wenn Verfügbarkeit und Qualität mitspielen. In Engpassphasen schlägt der Gesamtlanded-Cost inkl. Stillstand oft den reinen Stückpreis. Dual-Sourcing und transparente Klauseln senken das Risiko.
Welche Branchen sind aktuell am stärksten betroffen?
Laut ifo Juni besonders Elektronik/Optik (34,2 Prozent), Chemie (29,5 Prozent) und elektrische Ausrüstungen (27,7 Prozent). Gummi- und Kunststoffwaren haben sich spürbar entspannt.
Wie hängen Materialengpässe und Standortstrategie zusammen?
Engpässe machen die Abhängigkeit von einzelnen Korridoren und Lieferanten sichtbar. Zweiter Standort, Nearshoring oder Dual-Sourcing sind dann Capex- und Governance-Themen der GF, nicht nur Operative im Einkauf.
Was sollte die GF in den nächsten 30 Tagen entscheiden?
Top-A-Teile mit Risiko-Score, Budget für gezielte Sicherheitsbestände, Status der Zweitlieferanten-Qualifikation und ob für zwei bis drei kritische Spezifikationen ein Design-to-Availability-Auftrag läuft.
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