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12.07.2026

China+1 durchgerechnet: Wann sich der zweite Standort lohnt

6 Min. Lesezeit

Ein zweiter Beschaffungsstandort neben China klingt nach Konzernprojekt. Für einen Mittelständler mit drei Leuten im Einkauf ist es eine reine Rechenaufgabe: Ab welchem Volumen und welchem Zollszenario spielt der teurere zweite Lieferant seinen Aufpreis wieder ein. Wer diese Rechnung nicht aufmacht, entscheidet aus dem Bauch. Und der Bauch liegt bei China+1 fast immer daneben.

Das Wichtigste in Kürze

  • China+1 heisst behalten, nicht wechseln. Der Hauptlieferant bleibt, ein zweiter Standort in Vietnam, Indien oder Mexiko kommt daneben. Über den Nutzen entscheidet das Jahresvolumen der Kategorie.
  • Die Kapitalbindung ist der blinde Fleck. Acht bis zwölf Wochen Sicherheitsbestand binden über die Lagerhaltungskosten vier bis acht Prozent des Einkaufswerts pro Jahr. Das taucht in keiner Frachtrechnung auf und dreht trotzdem das Ergebnis.
  • Als Faustregel dreht die Rechnung ab rund zwei Millionen Euro. Darunter frisst der Setup-Aufwand jeden Lohnvorteil. Der beliebte kleine Testauftrag rechnet sich fast nie allein.

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Ich verkaufe seit Jahren Kampagnen an Mittelständler und höre in jedem zweiten Gespräch denselben Satz: Wir müssen unabhängiger von China werden. Danach passiert meistens nichts, weil niemand die Zahlen auf den Tisch legt. Dabei ist China+1 ein nüchterner Business Case mit fünf Stellschrauben, keine Frage der Weltanschauung. Wer sie einzeln durchrechnet, sieht schnell, ob der zweite Standort ein Marge-Killer oder ein Cashflow-Hebel ist. Diese fünf Punkte entscheiden die Rechnung.

1. Wie viel Zollrisiko steckt wirklich in deinem China-Volumen

Der erste Posten ist eine Wette auf die Handelspolitik. Die EU hat seit Oktober 2024 zusätzliche Ausgleichszölle von bis zu 35 Prozent auf chinesische Elektrofahrzeuge verhängt, die zusammen mit dem Basiszoll effektiv fast 45 Prozent erreichen, dazu laufen Safeguard-Verfahren bei Stahl und Anti-Dumping-Prüfungen bei weiteren Gütern. Die meisten Industriebauteile liegen zwar weiter im niedrigen einstelligen Bereich, aber die Richtung ist gesetzt. Die eigentliche Frage lautet: Welcher Anteil deines Einkaufs sitzt in Kategorien, die morgen einen Zollaufschlag bekommen könnten.

Hier zahlt sich ein Standort in einem Land mit Freihandelsabkommen aus. Vietnam bringt über das EVFTA für viele Industriegüter einen Zoll von null Prozent, während dieselbe Ware aus China zwei bis acht Prozent trägt, in strategischen Kategorien mehr. Das ist kein Freibrief für einen Komplettumzug. Es ist ein Argument, den zweiten Standort genau auf die zollgefährdeten Kategorien zu legen und den Rest in China zu lassen.

2. Die Kapitalbindung, die niemand einrechnet

Der teuerste Posten ist zugleich der unsichtbarste. Wer nur Fracht und Zoll vergleicht, übersieht das Geld, das im Container und im Lager schläft. Ein reiner China-Weg bedeutet 30 bis 45 Tage Seetransit plus Puffer, in Summe oft acht bis zwölf Wochen Sicherheitsbestand. Bei Lagerhaltungskosten von 15 bis 25 Prozent pro Jahr auf den Warenwert, also Zins, Handling, Schwund und Obsoleszenz zusammen, sind das schnell vier bis acht Prozent des Einkaufspreises, die jedes Jahr verpuffen.

4 bis 8 %
des jährlichen Einkaufswerts binden acht bis zwölf Wochen Sicherheitsbestand bei einer reinen China-Strategie. Direkter Cashflow-Effekt, kein Theorieposten.
Grössenordnung nach branchenüblichen Lagerhaltungskosten

Ein zweiter Standort mit kürzeren oder stabileren Wegen senkt diesen Puffer, weil das Risiko eines Totalausfalls auf zwei Quellen verteilt liegt. Dazu kommt die Frachtseite: Seit den Umleitungen um das Kap der Guten Hoffnung liegen die Containerraten deutlich über Vorkrisenniveau, mit Aufschlägen von mehreren Hundert Euro pro Container. Vietnam liegt hier in vielen Fällen gleichauf oder leicht darunter, Mexiko und Indien teurer. Der Frachtvorteil allein trägt selten, die Kombination aus Fracht und freigesetztem Kapital dagegen schon.

3. Warum die ersten zwölf Monate den Lohnvorteil auffressen

Der Lohn ist das Argument, mit dem jede China+1-Diskussion beginnt. Er ist zugleich der Grund, warum viele Projekte scheitern. Ja, die fully-loaded Fertigungslöhne in Vietnam oder Indien liegen oft bei 40 bis 60 Prozent des chinesischen Niveaus. Bei lohnintensiven Produkten wie Baugruppen, Textil oder einfacher Mechanik ergibt das einen Stückpreisvorteil von fünf bis fünfzehn Prozent. Bei materialdominierten Produkten schrumpft er auf null oder wird negativ.

Der Haken steckt in der Anlaufphase. Die ersten Serien aus einem neuen Land haben systematisch höhere Nacharbeit und Ausschussquoten, oft das Zwei- bis Fünffache eines eingespielten China-Lieferanten. In den ersten sechs bis zwölf Monaten kann dieser Ramp-up den kompletten Lohnvorteil eines Jahres neutralisieren. Die Rechnung dreht sich meist erst ab dem zweiten Audit-Zyklus oder bei einem Volumen, das die Anlaufkosten schnell verdünnt.

Kostenblock China-only China+1 (Vietnam als Zweitquelle)
Fertigungslohn Basis 40 bis 60 % des China-Niveaus
Einfuhrzoll EU 2 bis 8 %, in Sonderfällen mehr oft 0 % via EVFTA
Seefracht Basis (Rotes-Meer-Aufschlag) gleichauf bis leicht günstiger
Sicherheitsbestand 8 bis 12 Wochen niedriger durch Risikoteilung
Anlauf und Ausschuss eingespielt, niedrig 6 bis 12 Monate erhöht

4. Was die Qualifizierung kostet und wann sie drin ist

Einen neuen Lieferanten aufzubauen ist Projektarbeit mit echtem Preisschild. Audits, Muster, Probeläufe, Reisen und die ersten Serienabnahmen summieren sich für einen Mittelständler realistisch auf 5.000 bis über 25.000 Euro pro Lieferant, je nach Produkt und Prüftiefe. Dazu kommt der laufende Aufwand für den Dualbetrieb: geteilte Bestellungen, doppelte Qualitätsüberwachung und Koordination schlagen mit fünf bis zehn Prozent Overhead zu Buche.

Diese Fixkosten sind der Grund, warum Volumen alles entscheidet. Bei einem Jahresvolumen von unter 500.000 bis einer Million Euro pro Kategorie amortisiert sich der Setup fast nie, egal wie günstig der Lohn ist. Der zweite Standort muss die Anlaufinvestition in zwölf bis achtzehn Monaten wieder einspielen, sonst bleibt er ein teures Sicherheitsnetz. Genau hier lohnt sich der Blick eines kleinen Players: sofort messen, ob die Kategorie das Volumen trägt, statt eine Strategiefolie zu bauen.

5. Der Kipppunkt, ab dem sich der zweite Standort dreht

Alle Posten laufen an einem Punkt zusammen. China+1 wird in der Totalrechnung günstiger als China-only, wenn in dieser Rechnung drei Bedingungen zusammenkommen: ein Jahresvolumen ab rund zwei Millionen Euro in der Kategorie, ein Lohnanteil über 25 bis 30 Prozent und ein messbares Störfall-Risiko. Rechne ein realistisches Szenario durch, etwa einen Zollsprung von 30 Prozent oder eine sechswöchige Blockade der China-Route. Der vermiedene Risiko-Erwartungswert kippt die Bilanz dann oft allein.

Der häufigste Denkfehler ist der kleine Testauftrag. Wir tasten uns mal ran, heisst es. Genau dieser Test rechnet sich fast nie, weil er die Fixkosten trägt, ohne das Volumen zu liefern, das sie verdünnt. Wer China+1 ernst meint, verlagert eine relevante Kategorie mit ausreichendem Volumen oder lässt es. Ein Argument liefert der Vertrieb gleich mit: Eine tariff-resiliente Zweitquelle ist ein Verkaufsargument gegenüber Kunden mit US-Geschäft, die selbst nach stabilen Lieferketten fragen. Diese Zahl steht in keiner Frachttabelle und entscheidet trotzdem manches Angebot.

Häufige Fragen

Ist China+1 dasselbe wie Nearshoring?

Nein. Nearshoring bedeutet die Verlagerung in geografische Nähe, etwa nach Osteuropa oder Nordafrika. China+1 heisst, China als Hauptlieferant zu behalten und einen zweiten Standort daneben aufzubauen, häufig in Vietnam, Indien oder Mexiko. Der Zweck ist Risikoverteilung, der Hauptlieferant bleibt bestehen.

Ab welchem Einkaufsvolumen lohnt sich ein zweiter Standort?

Als Faustregel amortisiert sich der Setup unter 500.000 bis einer Million Euro Jahresvolumen pro Kategorie kaum. Ab etwa zwei Millionen Euro, einem Lohnanteil über 25 Prozent und einem messbaren Störfall-Risiko dreht die Rechnung positiv. Kleine Testaufträge tragen die Fixkosten selten allein.

Welche versteckten Kosten werden meistens übersehen?

Zwei Blöcke. Erstens die Kapitalbindung im Sicherheitsbestand, die bei langer China-Route vier bis acht Prozent des Einkaufswerts pro Jahr kostet. Zweitens der Qualitäts-Ramp-up beim neuen Lieferanten, der in den ersten sechs bis zwölf Monaten den Lohnvorteil auffressen kann.

Reduziert Vietnam wirklich die Zölle gegenüber China?

Für viele Industriegüter ja. Das Freihandelsabkommen EVFTA senkt die Einfuhrzölle in die EU für zahlreiche Kategorien auf null oder stark reduzierte Sätze, während dieselbe Ware aus China zwei bis acht Prozent trägt. Der Vorteil ist kategorieabhängig und sollte pro Produkt geprüft werden.

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Bildquelle: KI-generiert (Juli 2026)

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