Asien-Sourcing: was den Mittelstand wirklich kostet
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Ein Werkzeug kostet bei Alibaba vier Euro. Beim deutschen Großhändler steht dasselbe Teil für elf. Der Einkäufer rechnet kurz, bestellt direkt in Shenzhen und bekommt sechs Wochen später einen Zollbescheid, der die Ersparnis auffrisst. Der Stückpreis war nie der Preis, er war die Anzahlung auf eine Rechnung, die erst an der EU-Außengrenze fällig wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Stückpreis täuscht. Zoll und Einfuhrumsatzsteuer werden nicht auf den Warenwert berechnet, sondern auf den CIF-Wert inklusive Fracht und Versicherung. Die echte Landed-Cost-Rechnung beginnt erst danach.
- Ab Juli 2026 wird es enger. Die Zollbefreiung für Kleinsendungen unter 150 Euro soll entfallen. Sehr günstige Direktimporte verlieren damit einen Preisvorteil, der bisher still mitlief.
- Die Haftung sitzt in der Geschäftsführung. Bei nicht entrichteten Zöllen und grober Fahrlässigkeit kann die Leitung persönlich haften. Auch Lieferkettensorgfalt wird für Zulieferer zunehmend zum Thema.
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Der Stückpreis ist nur die Anzahlung
Die Szene wiederholt sich in jedem zweiten Mittelstandsbüro. Jemand findet auf Alibaba ein Bauteil, eine Verpackung oder ein Zubehörteil zu einem Bruchteil des hiesigen Preises, und die Rechnung im Kopf ist sofort gemacht. Was in dieser Rechnung fehlt, ist alles, was zwischen dem Werk in Guangdong und dem eigenen Lager passiert. Genau dort entsteht der echte Preis.
Für die Zollberechnung zählt nicht der nackte Warenwert, sondern der Transaktionswert inklusive Fracht und Versicherung bis zur EU-Außengrenze. Auf diesen sogenannten CIF-Wert wird der Zollsatz erhoben, und auf die Summe aus Warenwert, Zoll und bestimmten Nebenkosten bis zum ersten Bestimmungsort kommt die Einfuhrumsatzsteuer von 19 Prozent. Wer mit dem Lieferantenpreis kalkuliert, rechnet mit der falschen Basis.
Was ist Landed Cost? Landed Cost ist der vollständige Preis einer importierten Ware bis zur Ankunft im eigenen Lager. Er umfasst den Einkaufspreis, internationale Fracht, Versicherung, Zoll, Einfuhrumsatzsteuer, Zollabwicklung und Inlandstransport. Erst diese Zahl ist mit einem deutschen Angebot vergleichbar.
Wo die Rechnung wirklich entsteht
Neben den kalkulierbaren Abgaben gibt es eine zweite Ebene, die sich nicht in einer Zollrechner-App abbilden lässt: das regulatorische Risiko. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz verpflichtet direkt zwar erst Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten. Den Mittelstand erreicht es trotzdem, nämlich über die großen Kunden, die ihre Sorgfaltspflichten vertraglich nach unten weiterreichen. Wer als Zulieferer Asien-Ware verbaut, sollte seine Lieferkette also kennen, auch wenn ihn das Gesetz nicht unmittelbar bindet. An den Marktplatz delegieren lässt sich diese Frage ohnehin nicht.
Dazu kommt die Haftungsfrage, die im Tagesgeschäft gern verdrängt wird. Bleiben Zölle oder Einfuhrsteuern unbezahlt, oder wird eine Sendung falsch deklariert, kann die Geschäftsführung bei Organisationsverschulden oder grober Fahrlässigkeit persönlich mit dem Privatvermögen einstehen. Ein vermeintliches Schnäppchen im Einkauf wird so schnell zum Fall für die Geschäftsleitung, nicht für die Sachbearbeitung.
Wann der Marktplatz die falsche Wahl ist
Nicht jede Ware gehört in den Direktimport, und das ehrlich zu benennen ist Teil der Kalkulation. Bei sicherheitsrelevanten Bauteilen, bei allem mit CE-Pflicht oder bei kleinen Stückzahlen kippt die Rechnung schnell. Mindestbestellmengen binden Kapital, das im Mittelstand selten ungenutzt herumliegt, und eine Reklamation über zehntausend Kilometer ist teuer und langsam. Ein funktionierender Rücksendeprozess existiert in der Praxis kaum.
Dazu kommt der Faktor Zeit. Wenn eine Lieferung sechs Wochen unterwegs ist, ist der Preisvorteil aufgezehrt, sobald einmal kurzfristig nachproduziert werden muss. Der Marktplatz spielt seine Stärke bei standardisierten, unkritischen Teilen mit planbarem Bedarf aus. Je spezifischer, sicherheitskritischer oder zeitsensibler die Ware wird, desto eher schlägt der lokale Lieferant trotz höherem Stückpreis.
So wird der wahre Preis kalkulierbar
Asien-Sourcing ist deshalb keine schlechte Idee, es ist eine, die man zu Ende rechnen muss. Vier Schritte trennen den belastbaren Vergleich vom Bauchgefühl.
- CIF statt Stückpreis ansetzen. Fracht und Versicherung bis zur EU-Grenze in die Kalkulationsbasis nehmen, bevor irgendetwas verglichen wird.
- Zollsatz und 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer aufschlagen. Die korrekte Zolltarifnummer der Ware bestimmt den Satz, nicht eine Schätzung. Die Einfuhrumsatzsteuer ist für vorsteuerabzugsberechtigte Unternehmen ein durchlaufender Posten, belastet aber die Liquidität.
- Abwicklung und Inlandstransport addieren. Zollanmeldung, Dienstleisterhonorar und der Weg vom Hafen ins Lager gehören in die Landed-Cost-Rechnung.
- Compliance- und Haftungspuffer einplanen. Lieferantenprüfung, Dokumentation der Herkunft und ein Risikozuschlag für Reklamation oder Falschlieferung sind Teil des Preises, nicht außerhalb davon.
Wer so rechnet, stellt oft fest, dass der Direktimport noch immer günstiger ist, nur mit deutlich kleinerem Abstand, als der Stückpreis verspricht. Diese ehrliche Zahl ist die einzige, mit der sich eine Sourcing-Entscheidung verteidigen lässt, vor dem eigenen Controlling und im Zweifel vor dem Finanzamt.
Häufige Fragen
Worauf wird der Zoll beim Import aus China berechnet?
Auf den CIF-Wert, also den Warenwert plus internationale Fracht und Versicherung bis zur EU-Außengrenze. Auf die Summe aus diesem Wert und dem Zoll kommt zusätzlich die Einfuhrumsatzsteuer von 19 Prozent.
Was ändert sich für Kleinsendungen ab Juli 2026?
Die bisherige Zollfreigrenze von 150 Euro entfällt. Auch kleine Sendungen werden dann zoll- und meldepflichtig, was den stillen Preisvorteil sehr günstiger Direktimporte spürbar verkleinert.
Haftet die Geschäftsführung für Zollfehler?
Ja. Bei nicht entrichteten Zöllen oder Steuern und bei grober Fahrlässigkeit oder Organisationsverschulden kann die Geschäftsführung persönlich mit dem Privatvermögen haften. Saubere Deklaration und Dokumentation sind daher Chefsache.
Welche Rolle spielt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz?
Es verlangt, dass Unternehmen ihre Lieferkette kennen und Risiken prüfen. Beim Direktimport über einen Marktplatz lässt sich diese Sorgfaltspflicht nicht abgeben, die vorgelagerte Lieferantenprüfung bleibt beim importierenden Unternehmen.
Lohnt sich der Direktimport trotzdem?
Oft ja, aber mit kleinerem Abstand als der Stückpreis suggeriert. Entscheidend ist die vollständige Landed-Cost-Rechnung inklusive Abgaben, Abwicklung und Compliance. Erst diese Zahl ist mit einem deutschen Angebot vergleichbar.
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Bildquelle: KI-generiert (Juni 2026), C2PA-Zertifikat im Bild hinterlegt
