Nach Anthropic-Ausfall: Jede zweite Firma ohne Plan B
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Zwei Wochen im Juni konnten deutsche Firmen die stärksten Anthropic-Modelle nicht nutzen; alles, was über die Programmierschnittstelle daran hing, stand still. Das ifo Institut hat danach rund 5.600 Unternehmen gefragt, was sie daraus machen. Die Antwort: Sie kennen ihre Abhängigkeit; vier von zehn derjenigen, die das Risiko sehen, planen trotzdem keine Gegenmaßnahme.
Das Wichtigste in Kürze
- Zwei Wochen im Juni waren die stärksten Anthropic-Modelle für deutsche Firmen gesperrt. Die US-Regierung hatte es angeordnet, Anthropic schaltete die betroffenen Firmenmodelle weltweit ab; das stärkere Mythos 5 blieb US-Kunden vorbehalten.
- Knapp neun von zehn deutschen Betrieben nutzen US-Digitalprodukte. Das ifo Institut hat im Juli rund 5.600 Unternehmen befragt.
- Vier von zehn der Besorgten planen trotzdem keine Gegenmaßnahme. Unter denen, die etwas planen, ist eine europäische Alternative die häufigste Nennung. Das Angebot dafür fehlt, sagt ifo-Präsident Clemens Fuest.
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Was ist digitale Abhängigkeit? Das ifo Institut versteht darunter, wie stark Betrieb, Daten und KI-Nutzung an Anbieter gebunden sind, deren Sitz und Recht außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Gemessen wird das als Selbsteinschätzung von rund 5.600 Betrieben aus dem ifo-Konjunkturpanel, nicht als Inventur ihrer Verträge.
Zwei Wochen ohne Modell
Am 12. Juni 2026 ordnete die US-Regierung an, ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu den leistungsfähigsten Anthropic-Modellen zu sperren, innerhalb wie außerhalb der Vereinigten Staaten. Anthropic sitzt in San Francisco und unterliegt US-Recht. Die Firma setzte die Anordnung nicht selektiv um, sie schaltete die betroffenen Modelle für sämtliche Kunden weltweit ab, auch für den deutschen Mittelständler, der über die Programmierschnittstelle seine Angebotstexte oder seinen Kundenservice daran hängt.
Der Ausfall dauerte zwei Wochen; eine Störungsmeldung und ein Ansprechpartner bei Anthropic fehlten. Am 30. Juni hob das US-Handelsministerium die Exportkontrollen wieder auf. Fable 5, das Claude-Modell für Firmenkunden, ist seit dem 1. Juli weltweit wieder verfügbar. Das stärkere Mythos 5, das ohnehin nur ausgewählte Organisationen bekommen, blieb US-Firmen vorbehalten. Das ifo Institut nahm den Vorfall zum Anlass für eine Sonderfrage in seinen Konjunkturumfragen vom Juli. Clemens Fuest, Jonas Hennrich und Klaus Wohlrabe veröffentlichten die Auswertung am 11. August unter dem Titel „Abhängig, aber gelassen?“.
Wohlrabe: Die Betriebe wissen, wo sie stehen
Rund 5.600 Unternehmen aus dem ifo-Konjunkturpanel antworteten, vom Bauhauptgewerbe bis zur Werbeagentur. Knapp 88 Prozent von ihnen nutzen digitale Produkte US-amerikanischer Anbieter, von der Cloud über Bürosoftware bis zum Sprachmodell. Knapp ein Drittel ordnet sich auf einer fünfstufigen Skala in den beiden oberen Stufen ein und nennt die eigene Abhängigkeit groß.
Klaus Wohlrabe, der die ifo-Befragungen leitet, fasst den Befund so zusammen: Die Betriebe wissen recht genau, wo sie stehen, ziehen daraus aber kaum Konsequenzen. Als Grund nennt er die Kosten der Risikovorsorge. Unklar bleibt, ob Lieferanten und Kunden eine solche Investition mittragen würden. Wer den Arbeitsalltag ohne US-Software nicht mehr denken kann, stuft den Zustand seltener als Notfall ein.
Wie unterschiedlich das verteilt ist, zeigt die Tabelle: Die Werbung ist am stärksten abhängig, der Bau am wenigsten. Und selbst dort, wo die Abhängigkeit groß ist, hält nur jeder zweite Nutzer sie für sehr riskant.
| Branche | stark abhängig (alle Betriebe der Branche) | hält das für sehr riskant (Nutzer von US-Diensten) |
|---|---|---|
| Werbung und Marktforschung | 69,8 Prozent | 51,3 Prozent |
| Dienstleistungssektor gesamt | 38,6 Prozent | 36,5 Prozent |
| Alle Befragten | 31,0 Prozent | 32,4 Prozent |
| Bauhauptgewerbe | 15,1 Prozent | 25,2 Prozent |
Quelle: ifo Institut, Sonderfrage der Konjunkturumfragen Juli 2026, Aufsatz „Abhängig, aber gelassen?“ im ifo Schnelldienst digital 12/2026 vom 11. August 2026, Tabelle 2.
Vier von zehn Besorgten planen nichts
Gut 3.000 Betriebe stufen ihre Abhängigkeit mindestens als teilweise riskant ein. Sie fragte ifo nach ihren Gegenmaßnahmen. Vier von zehn planen keine, die übrigen verteilen sich auf die Maßnahmen in der Tabelle. Auf alle Befragten gerechnet heißt das: Gut jedes fünfte Unternehmen hält seine Lage für riskant und tut nichts.
| Geplante Gegenmaßnahme | Anteil der Risikobewussten |
|---|---|
| Keine Maßnahme | 41,7 Prozent |
| Europäische Alternativen | 34,2 Prozent |
| Streuung über mehrere Anbieter | 29,8 Prozent |
| Open-Source-Software | 19,0 Prozent |
| Eigene IT-Infrastruktur | 18,2 Prozent |
Quelle: ifo Institut, Aufsatz vom 11. August 2026, N = 3.028 Unternehmen mit mindestens moderatem Risiko, Mehrfachnennungen möglich.
Eine Gruppe sticht heraus. Unter den IT-Dienstleistern plant nur gut jeder Fünfte das Nichtstun, fast die Hälfte sieht sich nach europäischen Alternativen um. IT-Dienstleister kennen die Lücken im Angebot, weil Kunden danach fragen; die reinen Anwender verschieben die Frage.
ifo selbst warnt davor, die Abhängigkeit zu unterschätzen. Ein Betrieb ohne jede US-Software sei in der Praxis kaum vorstellbar. Gut jeder neunte Betrieb gibt an, keine US-Produkte zu nutzen; die Autoren halten das eher für eine Fehleinschätzung als für einen belastbaren Anteil.
Fuest: Der Wille ist da, das Angebot fehlt
ifo-Präsident Clemens Fuest zieht aus den Zahlen einen Schluss, der über die einzelne Firma hinausgeht. Die Bereitschaft zum Wechsel sei vorhanden, das Angebot fehle. Gemeint sind Rechenzentren und Cloud-Plattformen in Europa. Eine fertige Produktliste gibt es nicht. Auf die Europäische Union entfallen nach den vom Institut zitierten Erhebungen weniger als fünf Prozent der weltweit erfassten Rechenkapazität für KI. Wer als Geschäftsführer „Europa“ als Maßnahme notiert, notiert damit eine Nachfrage, für die es bisher kaum Anbieter gibt.
Fuest verlangt deshalb schnellere Genehmigungen für Rechenzentren und Energieinfrastruktur, in Monaten statt Jahren. Der Staat solle Abnahmezusagen geben, weil verstreute private Nachfrage allein keine Planungssicherheit für neue Kapazität erzeugt. Das ist Standortpolitik mit einem Horizont von Jahren. Ein laufender SaaS-Vertrag mit automatischer Verlängerung läuft in Monaten ab.
Was offen bleibt
Die Umfrage nennt keine Produktnamen. Microsoft, Amazon, Google oder Anthropic stehen in keiner Tabelle. Die 34 Prozent Wechselwillen sagen nichts darüber, welches System ein Betrieb zuerst ersetzen würde.
Offen bleibt, welcher Vertrag bei der nächsten automatischen Verlängerung zuerst ersetzt wird und ob dann ein europäischer Anbieter mit Preis und Testzugang im Vertrag landet. Der Vorfall vom Juni ist beendet, die Zuständigkeit dafür bleibt: Ein Modell, das aus Washington abgeschaltet wurde, kann dort wieder abgeschaltet werden, beim nächsten Mal vielleicht ein anderes und bei einem anderen Anbieter.
Häufige Fragen
Meint die ifo-Zahl nur KI-Modelle?
Nein. Die Sonderfrage nannte Cloud-Dienste, Software und KI-Anwendungen als Beispiele. Die 88 Prozent Nutzung beschreiben den gesamten digitalen Betrieb, nicht ein einzelnes Sprachmodell.
Wie viele Betriebe halten ihre Abhängigkeit für riskant?
Gut 3.000 der rund 5.600 Befragten stufen ihre Abhängigkeit mindestens als teilweise riskant ein. Von diesen planen 41,7 Prozent keine Gegenmaßnahme; 31 Prozent aller Befragten nennen ihre Abhängigkeit groß.
Ist ein Umstieg auf europäische Cloud 2026 realistisch?
Als flächendeckender Ersatz nein. Der EU-Anteil an der erfassten KI-Rechenkapazität liegt nach ifo unter fünf Prozent. Die Umfrage weist nicht aus, welches System ein Betrieb zuerst ersetzen würde.
Reicht Open Source als Ausweg?
Open Source ist die viertgenannte Maßnahme, knapp vor eigener Infrastruktur. Sie senkt die Lizenzbindung und lässt Hosting, Gewährleistung und Fachkräfte offen. Ohne Betriebskonzept ersetzt sie keinen Anbieter.
Was ändert die aufgehobene Anthropic-Sperre?
Den Zugang, nicht die Zuständigkeit. Die ifo-Umfrage lief im Juli, also nach der Aufhebung. Die Gelassenheit beschreibt die Entscheidung der Betriebe, trotzdem nichts zu planen.
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