133 Millionen für Waiblingen: STIHL bleibt dem Standort treu
6 Min. Lesezeit
Während 2024 viele Industriebetriebe über Standortverlagerung sprachen, investierte STIHL 133 Millionen Euro am Stammsitz Waiblingen und baute zugleich ein neues Werk im rumänischen Oradea. Beides gleichzeitig. Die Belegschaft in Waiblingen wuchs sogar um 61 auf 6.064 Mitarbeitende. Das ist eine nüchterne Rechnung, die jeder Mittelständler nachvollziehen kann, der eine Standortentscheidung vor sich hat.
Das Wichtigste in Kürze
- Antizyklisch statt abwartend: STIHL steckte 2024 rund 133 der weltweit 349 Millionen Euro Investitionen in den deutschen Stammsitz, mitten in einer schwächelnden Branche.
- Auslandswerk und Standort sind kein Widerspruch: Das neue Akkuwerk in Oradea und der Ausbau in Waiblingen liefen parallel, mit klarer Arbeitsteilung statt Verdrängung.
- Die Lektion für den Mittelstand: Eine Standortentscheidung trägt, wenn sie auf Funktion und Zahlen beruht, nicht auf Bauchgefühl oder Subventionsjagd.
Verwandt:Made for Germany: Zwischenbilanz mit Lücken / Predictive Maintenance im Mittelstand
1. Die Ausgangslage: Wachstum, wo andere schrumpfen
Die Branche für motorbetriebene Garten- und Forstgeräte hatte 2024 keinen Rückenwind. Trotzdem steigerte die STIHL Gruppe ihren Umsatz auf 5,33 Milliarden Euro, ein Plus von 1,1 Prozent gegenüber den 5,27 Milliarden des Vorjahres. Der Stammsitz Waiblingen allein kam auf 1,63 Milliarden Euro, nach 1,58 Milliarden 2023.
Was ist eine antizyklische Standortinvestition? Eine Investition in Kapazität, Anlagen oder Standorte gerade dann, wenn der Markt stagniert oder schrumpft, statt erst im nächsten Aufschwung. Sie senkt die Kosten pro Einheit, weil Bau- und Beschaffungspreise in der Flaute niedriger sind, und sichert Lieferfähigkeit, sobald die Nachfrage zurückkommt.
Genau diesen Hebel zog STIHL. Ein leichtes Umsatzplus klingt unspektakulär, ist im Marktumfeld aber ein Polster, das Spielraum für Investitionen schafft. Wer in der Flaute baut, zahlt weniger und ist früher fertig.
2. Die Entscheidung: Auslandswerk und Stammsitz zugleich
Der reflexhafte Verdacht bei einem neuen Werk in Osteuropa lautet: Verlagerung. Bei STIHL ist es Arbeitsteilung. In Oradea entsteht für über 100 Millionen Euro ein Werk für akkubetriebene Produkte und die zugehörigen Akkupacks, Einweihung im Oktober 2025. Parallel wuchs der Stammsitz. Das eine Werk ersetzt nicht das andere, es ergänzt es um eine Produktlinie mit eigener Logik.
Diese Trennung nach Funktion ist der eigentliche Kern der Entscheidung. Wer einen neuen Standort als reine Kostenarbitrage aufsetzt, baut sich Abhängigkeiten ein. Wer ihn nach Produkt und Markt schneidet, behält die Kontrolle über beide.
| Standort | Investition | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Waiblingen (DE) | 133 Mio € | EC-Motorenfertigung, Servicegebäude, Werksgelände-Zukauf |
| Oradea (RO) | über 100 Mio € | Akkubetriebene Produkte und Akkupacks |
Quelle: STIHL Jahresbilanz 2024, eigene Zusammenstellung
3. Die Maßnahme: Wohin die 133 Millionen flossen
Das Geld am Stammsitz verteilte sich auf drei sichtbare Posten. Erstens der Ausbau der EC-Motorenfertigung, dem Herzstück der Umstellung auf elektrifizierte Geräte. Zweitens ein neues Servicegebäude am Werk 2. Drittens der Zukauf des benachbarten Syntegon-Werksgeländes, der Fläche für künftiges Wachstum sichert, bevor sie jemand anderes belegt.
Auffällig ist die Reihenfolge. STIHL stärkt zuerst die Fertigungstiefe, die direkt zur Produktstrategie gehört, und sichert dann die physische Erweiterungsfläche. Keine Prestigebauten, sondern Posten, die auf eine konkrete Produktroadmap einzahlen.
4. Das Ergebnis: Die Belegschaft wächst
Der härteste Beleg gegen die Verlagerungsthese steht in der Personalstatistik. Die Belegschaft in Waiblingen wuchs 2024 um 61 auf 6.064 Mitarbeitende. In einem Jahr, in dem viele Industriebetriebe Stellen abbauten, ist ein Plus am teuersten Standort ein bewusstes Signal.
Für den Mittelstand ist das die relevanteste Zahl. Sie zeigt, dass ein deutscher Stammsitz wirtschaftlich tragfähig bleibt, wenn die Wertschöpfung dort sitzt, wo sie hingehört. Standorttreue wird nicht durch Bekenntnisse belegt, sondern durch Köpfe und Kapital.
Was ein Mittelständler daraus mitnimmt
STIHL ist ein Konzern, kein typischer Mittelständler. Aber die Entscheidungslogik skaliert nach unten. Drei Punkte lassen sich übertragen, egal ob das Werk in Waiblingen oder die Werkstatt im Allgäu steht.
Erstens: In der Flaute investieren kostet weniger und schafft Vorsprung, sobald die Nachfrage dreht. Zweitens: Ein zweiter Standort ist dann stark, wenn er eine eigene Funktion trägt, nicht wenn er nur billiger ist. Drittens: Die ehrlichste Kennzahl für Standorttreue ist die Beschäftigung, nicht die Pressemitteilung. Wer diese drei Fragen vor der nächsten Standortentscheidung beantwortet, trifft sie aus der Rechnung heraus, nicht aus dem Bauch.
Häufige Fragen
Wie viel investierte STIHL 2024 in den Stammsitz Waiblingen?
Rund 133 Millionen Euro flossen 2024 an den deutschen Stammsitz, vor allem in die EC-Motorenfertigung, ein neues Servicegebäude am Werk 2 und den Zukauf des benachbarten Syntegon-Werksgeländes. Insgesamt investierte die Gruppe 349 Millionen Euro.
Bedeutet das neue Werk in Rumänien eine Verlagerung aus Deutschland?
Nein. Das Werk in Oradea entsteht für über 100 Millionen Euro und konzentriert sich auf akkubetriebene Produkte und Akkupacks. Es ergänzt das Produktportfolio, während der Stammsitz parallel ausgebaut wurde und die Belegschaft dort wuchs.
Wie hat sich der Umsatz der STIHL Gruppe 2024 entwickelt?
Der Konzernumsatz stieg auf 5,33 Milliarden Euro, ein Plus von 1,1 Prozent gegenüber 5,27 Milliarden im Vorjahr. Der Stammsitz Waiblingen erwirtschaftete davon 1,63 Milliarden Euro, nach 1,58 Milliarden 2023.
Warum gilt die Investition als antizyklisch?
Weil sie in einem schwachen Marktumfeld erfolgte. Wer in der Flaute baut, profitiert von niedrigeren Bau- und Beschaffungskosten und ist lieferfähig, sobald die Nachfrage zurückkehrt. Das senkt die Kosten pro Einheit und verschafft einen Zeitvorsprung.
Was können kleinere Unternehmen aus dem STIHL-Beispiel lernen?
Drei Dinge: in der Flaute günstiger investieren, einen zweiten Standort nach Funktion statt nach reinen Kosten schneiden und Standorttreue an Beschäftigung statt an Bekenntnissen messen. Diese Logik lässt sich auf jede Größenordnung übertragen.
Lesetipps der Redaktion
- Sparprogramm vorbei: Produktivität zählt
- Hidden Champions vor der KI-Entscheidung des Jahrzehnts
- Bosch: Wie KI in 50 Werken die Null-Fehler-Produktion vorantreibt
Mehr aus dem MBF Media Netzwerk
Bildquelle: KI-generiert (Juni 2026), C2PA-Zertifikat im Bild hinterlegt
