Produktion zurück nach Europa: Lieferketten neu aufstellen
86 Prozent der befragten deutschen Unternehmen planen Reshoring oder Nearshoring, um ihre Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. 84 Prozent wollen in Robotik und Automatisierung investieren, um die höheren Lohnkosten zu kompensieren. Die Pandemie, Geopolitik und steigende Transportkosten haben die Illusion billiger Globalproduktion zerstört — und eine Reindustrialisierungswelle ausgelöst, die Deutschland direkt betrifft.
Das Wichtigste in Kürze
- ●86 Prozent der befragten deutschen Unternehmen planen Reshoring oder Nearshoring. 84 Prozent wollen gleichzeitig in Robotik und Automatisierung investieren, um die Verlagerung wirtschaftlich zu machen.
- ●Europäische und US-Unternehmen planen Reindustrialisierungs-Investitionen von 4,7 Billionen Dollar in den nächsten drei Jahren — ein Anstieg von 3,4 Billionen Dollar aus der Vorjahresschätzung.
- ●ESMC Dresden (TSMC + Bosch + Infineon + NXP) und VW PowerCo in Salzgitter sind die größten Reshoring-Projekte in Deutschland — zusammen über 15 Milliarden Euro Investition in europäische Wertschöpfung.
- ●Die Warnung: Das ifo Institut berechnet, dass vollständiges Reshoring das deutsche BIP um 9,7 Prozent senken würde. Nearshoring (EU + Türkei + Nordafrika) reduziert den Schaden auf 4,2 Prozent.
Warum Reshoring diesmal anders ist
Die Rückverlagerungsdebatte ist nicht neu. Seit 20 Jahren gibt es Studien über die Risiken globaler Lieferketten. Neu ist, dass Unternehmen tatsächlich investieren — nicht aus Überzeugung, sondern aus Erfahrung.
Covid hat gezeigt, was passiert, wenn Container-Schiffe im Suezkanal steckenbleiben. Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, was Energieabhängigkeit bedeutet. Die Taiwan-Krise hat gezeigt, was passiert, wenn 90 Prozent der fortgeschrittenen Chips von einer Insel kommen, die China als Teil seines Territoriums betrachtet.
Laut einer Capgemini-Studie haben 47 Prozent der großen europäischen und US-Unternehmen bereits in Reshoring investiert. 72 Prozent entwickeln eine Reindustrialisierungsstrategie. Die geplanten Investitionen: 4,7 Billionen Dollar in drei Jahren.
ESMC und PowerCo: Die Leuchtturmprojekte
Die größten Reshoring-Projekte in Deutschland sind gleichzeitig die strategisch wichtigsten: Halbleiter und Batteriezellen. ESMC in Dresden — das Joint Venture aus TSMC, Bosch, Infineon und NXP — investiert über 10 Milliarden Euro in die erste europäische TSMC-Chipfabrik. Produktionsstart: Ende 2027. Die Chips: Automotive und Industrieelektronik, genau die Produkte, bei denen Europas Abhängigkeit am größten ist.
VW PowerCo baut in Salzgitter eine Batteriefabrik für Elektrofahrzeuge — das größte Einzelinvestment des Konzerns in Deutschland seit Jahrzehnten. CATL betreibt in Erfurt die erste europäische Gigafactory eines chinesischen Batterieherstellers, mit einer Kapazität von 14 GWh. Die Botschaft: Schlüsselkomponenten der Elektromobilität sollen künftig in Europa gefertigt werden, nicht nur importiert.
Die Grenzen des Reshorings
Das ifo Institut warnt: Vollständige Rückverlagerung aller Lieferketten nach Deutschland würde das BIP um 9,7 Prozent senken. Arbeitsteilung ist kein Fehler — sie ist ein Grundprinzip effizienter Wirtschaft.
Die intelligente Strategie heißt nicht ‚alles zurückholen‘, sondern ‚kritische Abhängigkeiten reduzieren‘. Chips, Batterien, Pharma-Wirkstoffe — dort macht Reshoring Sinn. T-Shirts, Konsumgüter, Standardelektronik — dort nicht.
Hinzu kommt die Lohnkostenfalle: In Mittel- und Osteuropa steigen die Löhne 3,5-mal schneller als die Produktivität. Nearshoring nach Polen oder Ungarn ist keine dauerhafte Lösung, wenn die Kostenvorteile in wenigen Jahren verschwinden. Die nachhaltigste Antwort ist Automatisierung — und genau das planen 84 Prozent der reshoring-willigen Unternehmen.
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Quelle Titelbild: Pexels / EqualStock IN
