Containerschiff im Hafen — Symbolbild Lieferketten
05.03.2026

Produktion zurück nach Europa: Lieferketten neu aufstellen

4 Min. Lesezeit

86 Prozent der befragten deutschen Unternehmen planen Reshoring oder Nearshoring, um ihre Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. 84 Prozent wollen in Robotik und Automatisierung investieren, um die höheren Lohnkosten zu kompensieren. Die Pandemie, Geopolitik und steigende Transportkosten haben die Illusion billiger Globalproduktion zerstört und eine Reindustrialisierungswelle ausgelöst, die Deutschland direkt betrifft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Reshoring-Boom: 86 Prozent der deutschen Unternehmen planen Reshoring oder Nearshoring, 84 Prozent investieren parallel in Robotik und Automatisierung (ABB Supply Chain Survey, 2025).
  • 4.700 Mrd. Dollar Reindustrialisierung: Europäische und US-Unternehmen planen Reindustrialisierungs-Investitionen von 4.700 Mrd. Dollar in drei Jahren – ein Anstieg von 3.400 Mrd. Dollar aus der Vorjahresschätzung (Capgemini, 2025).
  • Nearshoring nach Europa: ESMC Dresden (TSMC + Bosch + Infineon + NXP) und VW PowerCo Salzgitter investieren zusammen über 15 Milliarden Euro in europäische Halbleiter- und Batterieproduktion.
  • BIP-Risiko bei Voll-Reshoring: Das ifo Institut berechnet: Vollständiges Reshoring senkt das deutsche BIP um 9,7 Prozent. Nearshoring (EU + Türkei + Nordafrika) reduziert den Schaden auf 4,2 Prozent (ifo Institut, 2025).
  • 47 Prozent bereits investiert: 47 Prozent der großen europäischen und US-Unternehmen haben bereits in Reshoring investiert, 72 Prozent entwickeln eine Reindustrialisierungsstrategie (Capgemini, 2025).

„Neu ist, dass Unternehmen tatsächlich investieren – nicht aus Überzeugung, sondern aus Erfahrung.“

Warum Reshoring diesmal anders ist

Die Rückverlagerungsdebatte ist nicht neu. Seit 20 Jahren gibt es Studien über die Risiken globaler Lieferketten. Neu ist, dass Unternehmen tatsächlich investieren – nicht aus Überzeugung, sondern aus Erfahrung.

Covid hat gezeigt, was passiert, wenn Container-Schiffe im Suezkanal steckenbleiben. Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, was Energieabhängigkeit bedeutet. Die Taiwan-Krise hat gezeigt, was passiert, wenn 90 Prozent der fortgeschrittenen Chips von einer Insel kommen, die China als Teil seines Territoriums betrachtet. Gerade Deutschlands Hidden Champions spüren die Abhängigkeit besonders – ihre spezialisierten Lieferketten sind anfälliger als breit diversifizierte Konzerne.

Laut einer Capgemini-Studie haben 47 Prozent der großen europäischen und US-Unternehmen bereits in Reshoring investiert. 72 Prozent entwickeln eine Reindustrialisierungsstrategie. Die geplanten Investitionen: 4.700 Mrd. Dollar in drei Jahren.

Reindustrialisierung weltweit
4.700 Mrd. $
geplante Investitionen in drei Jahren (Capgemini, 2025)
86 %
planen Reshoring oder Nearshoring (ABB, 2025)
84 %
investieren in Robotik und Automatisierung (ABB, 2025)

ESMC und PowerCo: Die Leuchtturmprojekte

Die größten Reshoring-Projekte in Deutschland sind gleichzeitig die strategisch wichtigsten: Halbleiter und Batteriezellen. ESMC in Dresden – das Joint Venture aus TSMC, Bosch, Infineon und NXP – investiert über 10 Milliarden Euro in die erste europäische TSMC-Chipfabrik. Produktionsstart: Ende 2027. Die Chips: Automotive und Industrieelektronik, genau die Produkte, bei denen Europas Chip-Abhängigkeit am größten ist.

VW PowerCo baut in Salzgitter eine Batteriefabrik für Elektrofahrzeuge – das größte Einzelinvestment des Konzerns in Deutschland seit Jahrzehnten. CATL betreibt in Erfurt die erste europäische Gigafactory eines chinesischen Batterieherstellers, mit einer Kapazität von 14 GWh. Die Botschaft: Schlüsselkomponenten der Elektromobilität sollen künftig in Europa gefertigt werden, nicht nur importiert.

„Unternehmenslenker beschleunigen strategische Initiativen, um die Resilienz ihrer Lieferketten zu stärken, nationale Sicherheit in strategischen Sektoren wiederherzustellen und die industrielle Stärke zurückzugewinnen. Das ist ein struktureller Wandel.”
– Roshan Gya, CEO Capgemini Invent, Capgemini Reindustrialization Report 2024

Die Grenzen des Reshorings

Das ifo Institut warnt: Vollständige Rückverlagerung aller Lieferketten nach Deutschland würde das BIP um 9,7 Prozent senken. Arbeitsteilung ist kein Fehler – sie ist ein Grundprinzip effizienter Wirtschaft.

ifo-Warnung
-9,7%
BIP-Verlust bei vollständigem Reshoring
Quelle: ifo Institut, 2025
Nearshoring-Effekt
+1,3%
BIP-Gewinn bei EU-fokussiertem Ansatz

Die intelligente Strategie heißt nicht „alles zurückholen“, sondern „kritische Abhängigkeiten reduzieren“. Chips, Batterien, Pharma-Wirkstoffe – dort macht Reshoring Sinn. T-Shirts, Konsumgüter, Standardelektronik – dort nicht. Parallel dazu beschleunigt die Energiewende die Standortattraktivität: Günstiger Grünstrom senkt die Betriebskosten reshoring-fähiger Fabriken.

Hinzu kommt die Lohnkostenfalle: In Mittel- und Osteuropa steigen die Löhne 3,5-mal schneller als die Produktivität. Nearshoring nach Polen oder Ungarn ist keine dauerhafte Lösung, wenn die Kostenvorteile in wenigen Jahren verschwinden. Die nachhaltigste Antwort ist Automatisierung – und genau das planen 84 Prozent der reshoring-willigen Unternehmen. Wer dabei die digitale Resilienz der neuen Lieferketten nicht mitdenkt, tauscht ein Risiko gegen ein anderes.

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Häufige Fragen

Wie viele deutsche Unternehmen planen Reshoring?
Laut einer ABB Supply Chain Survey planen 86 Prozent der befragten deutschen Unternehmen Reshoring oder Nearshoring, um ihre Lieferketten resilienter zu machen. 84 Prozent wollen gleichzeitig in Robotik und Automatisierung investieren.
Welche Risiken hat Reshoring?
Das ifo Institut berechnet, dass vollständiges Reshoring das deutsche BIP um 9,7 Prozent senken würde. Nearshoring (innerhalb der EU) reduziert den Verlust auf 4,2 Prozent. Zudem steigen die Lohnkosten in Osteuropa 3,5-mal schneller als die Produktivität – Nearshoring-Vorteile erodieren schnell.
Was sind die wichtigsten Reshoring-Projekte in Deutschland?
ESMC in Dresden (TSMC-Chipfab, über 10 Mrd. Euro), VW PowerCo in Salzgitter (Batteriefabrik), CATL in Erfurt (Gigafactory, 14 GWh) und Bosch Dresden (300mm-Chipfab, über 1 Mrd. Euro plus 250 Mio. Erweiterung).

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Quelle Titelbild: Pexels / EqualStock IN

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