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11.01.2026

Green IT: Nachhaltige Rechenzentren werden

6 Min. Lesezeit

Deutsche Rechenzentren verbrauchen rund 20 Terawattstunden Strom pro Jahr. Bis 2030 könnten es über 30 Terawattstunden werden, getrieben durch KI-Workloads. Gleichzeitig verschärft das Energieeffizienzgesetz die Anforderungen: Ab Juli 2027 dürfen Bestandsanlagen einen PUE von 1,5 nicht überschreiten. Wer Nachhaltigkeit als reinen Kostenfaktor begreift, verpasst den eigentlichen Punkt: Grüne Rechenzentren werden zum Standortfaktor.

Das Wichtigste in Kürze

  • Stromverbrauch steigt rasant: Deutsche Rechenzentren verbrauchen 2025 rund 21 Terawattstunden. Bis 2030 prognostiziert Bitkom über 30 TWh, bis 2045 potenziell 80 TWh.
  • EnEfG setzt Fristen: Ab Juli 2027 gilt für Bestandsanlagen ein maximaler PUE von 1,5, ab 2030 von 1,3. Neubauten müssen ab Juli 2026 einen PUE von 1,2 einhalten (Energieeffizienzgesetz §11).
  • 100 Prozent Erneuerbare ab 2027: Das EnEfG verlangt ab Januar 2027 eine vollständige Stromabdeckung durch nicht-subventionierte erneuerbare Energien.
  • Abwärme als Heizquelle: NTT DATA versorgt in Berlin über 1.000 Gebäude mit Rechenzentrumsabwärme. Laut Bitkom könnte die Abwärme deutscher RZ jährlich 350.000 Wohnungen heizen.
  • windCORES als Vorreiter: Rechenzentren direkt in Windkraftanlagen erreichen 11 Gramm CO2 pro Kilowattstunde statt 380 Gramm bei konventionellen Anlagen (WestfalenWIND).

Das KI-Paradox: Mehr Leistung, mehr Verbrauch

Dieselben Unternehmen, die Nachhaltigkeitsziele formulieren, treiben durch KI-Workloads den Energieverbrauch massiv nach oben. KI-Rechenzentren machen aktuell rund 15 Prozent der in Deutschland installierten Kapazität aus. Bitkom prognostiziert, dass sich dieser Anteil bis 2030 vervierfachen wird. Training und Inferenz großer Sprachmodelle benötigen ein Vielfaches der Rechenleistung klassischer Enterprise-Workloads.

Deutschland steht damit vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits wächst der Bedarf an Rechenkapazität exponentiell – für KI-Agenten im Mittelstand, für autonome Systeme, für datenintensive Industrieprozesse. Andererseits setzt das Energieeffizienzgesetz klare Grenzen für den Energieverbrauch. Beide Entwicklungen gleichzeitig zu managen ist die eigentliche Management-Aufgabe.

„2024 erreichte Equinix eine Abdeckung von 96 Prozent erneuerbarer Energie über das gesamte globale Rechenzentrumsportfolio – zum siebten Mal in Folge.“
Equinix Sustainability Report 2024

Energieeffizienzgesetz: Was ab 2027 gilt

Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG), in Kraft seit November 2023, definiert erstmals verbindliche Effizienzstandards für Rechenzentren in Deutschland. Die Anforderungen in §11 betreffen drei Bereiche: Energieeffizienz (PUE), erneuerbare Energien und Abwärmenutzung.

Bei der Energieeffizienz unterscheidet das Gesetz zwischen Bestands- und Neubauten. Bestandsanlagen, die vor dem 1. Juli 2026 in Betrieb genommen wurden, müssen ab Juli 2027 einen PUE von maximal 1,5 einhalten, ab 2030 von 1,3. Neubauten ab Juli 2026 starten direkt mit einem PUE-Limit von 1,2. Der EU-Durchschnitt liegt aktuell bei 1,6, was bedeutet: Ein erheblicher Teil der deutschen Bestandsanlagen muss nachrüsten.

Bei den erneuerbaren Energien wird es ab Januar 2027 ernst. Rechenzentren müssen dann ihren gesamten Strombedarf durch nicht-subventionierte erneuerbare Quellen abdecken. Das schließt alte EEG-Anlagen aus und zwingt Betreiber zu eigenen Power Purchase Agreements (PPAs) oder direkten Abnahmeverträgen.

Die Abwärmenutzung bildet den dritten Pfeiler. Neubauten ab Juli 2026 müssen mindestens zehn Prozent ihrer Abwärme weiterverwerten, ab 2027 steigt der Anteil auf 15 Prozent. Dazu kommt eine jährliche Berichtspflicht: Bis zum 31. März jeden Jahres müssen Betreiber ihre Effizienz- und Energiedaten elektronisch an den Bund melden.

20 TWh
Stromverbrauch 2024
30+ TWh
Prognose 2030
3,9 %
Anteil am Gesamtstrom DE
Quelle: Bitkom, iwd.de (2025)

windCORES: Rechnen im Windrad

Das wohl ungewöhnlichste Konzept kommt aus Paderborn. windCORES, ein Tochterunternehmen von WestfalenWIND, betreibt Rechenzentren direkt in den Türmen von Windkraftanlagen. Der Strom wird am Entstehungsort verbraucht, ohne lange Transportwege und ohne Netzentgelte. Die CO2-Intensität liegt bei rund 11 Gramm pro Kilowattstunde, verglichen mit 380 Gramm bei konventionellen Rechenzentren, die aus dem deutschen Strommix gespeist werden.

Die Vorteile gehen über die Ökobilanz hinaus. windCORES kann neue Kapazitäten in zehn Monaten bereitstellen statt der üblichen vier Jahre für klassische Rechenzentrumsbauten. Das windCORES-II-Konzept erweitert das Prinzip auf mehrstöckige Rechenzentren im Turm einer Windenergieanlage. Im Dezember 2025 erhielt WestfalenWIND dafür den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Über 90 Prozent des Stroms stammen direkt aus Windkraft.

NTT DATA Berlin: Abwärme heizt Wohnviertel

Was mit Rechenzentrumsabwärme möglich ist, zeigt NTT DATA in Berlin in zwei Projekten. Im Marienpark versorgen 2 Megawatt Abwärme über 1.000 Gebäude mit Heizung und Warmwasser. Der geplante Ausbau soll bis zu 37 Megawatt liefern. Das zweite Projekt in Spandau, „Das Neue Gartenfeld“, startet Anfang 2025: Aus zwei Rechenzentren fließen bis zu 8 Megawatt Heizleistung in ein neues Wohn- und Gewerbeviertel. NTT DATA beziffert die jährliche CO2-Einsparung auf rund 6.000 Tonnen.

Laut Bitkom könnte die Abwärme deutscher Rechenzentren jährlich rund 350.000 Wohnungen versorgen, das entspricht einer Energiemenge von bis zu 8 Terawattstunden. Das Potenzial ist da. Der Engpass liegt nicht an der Technik, sondern an der fehlenden Infrastruktur: Fernwärmenetze müssen bis an die Rechenzentren heranreichen, und die Stadtplanung muss Wärmeabnehmer in der Nähe von Rechenzentrumsstandorten vorsehen. Das EnEfG adressiert dieses Problem zumindest teilweise, indem es Neubauten ab 2026 zur Abwärmenutzung verpflichtet und damit einen regulatorischen Anreiz schafft, Rechenzentren näher an Wärmesenken zu platzieren.

Global betrachtet hat NTT DATA seine Emissionen im Geschäftsjahr 2023 um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr reduziert und den Anteil erneuerbarer Energien um 15 Prozent gesteigert. Das Unternehmen hat sich Net-Zero für Scope 1 und 2 bis 2030 vorgenommen. Für den deutschen Markt sind die Berliner Projekte damit nicht nur Leuchtturmprojekte, sondern der Anfang einer systematischen Strategie.

Equinix, T-Systems, Open Telekom Cloud: Wer liefert

Neben den spezialisierten Anbietern setzen auch die großen Betreiber auf Nachhaltigkeit. Equinix erreichte 2024 eine globale Abdeckung von 96 Prozent erneuerbarer Energie und schloss allein in diesem Jahr Power Purchase Agreements über 370 Megawatt ab. Am Standort Frankfurt FR13 kombiniert der Anbieter LEED-Zertifizierung mit 100 Prozent Erneuerbaren und einer Living Wall mit 17.000 Pflanzen.

T-Systems betreibt die Rechenzentren in Biere bei Magdeburg mit einem PUE von 1,3 und LEED-Gold-Zertifizierung. Seit 2021 läuft die Open Telekom Cloud zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien. T-Systems ist zudem Unterzeichner des Climate Neutral Data Centre Pact, der europäischen Selbstverpflichtung der Branche.

Für den Mittelstand, der Colocation- oder Cloud-Kapazitäten einkauft, bieten diese Anbieter einen konkreten Hebel: Die Wahl eines zertifizierten, nachhaltigen Providers verbessert die eigene Scope-3-Bilanz, ohne dass interne Infrastruktur umgebaut werden muss. Das wird spätestens relevant, wenn ERP-Systeme in die Cloud migriert werden und der Energieverbrauch der IT-Infrastruktur im Nachhaltigkeitsbericht auftaucht.

Der europäische Green-Data-Center-Markt

Der europäische Markt für grüne Rechenzentren wurde 2024 auf rund 8,9 Milliarden USD beziffert. Bis 2029 soll er auf 12,8 Milliarden USD wachsen, getrieben durch steigende Energiekosten, CSRD-Berichtspflichten und den regulatorischen Druck des EnEfG. Deutschland ist dabei der größte Einzelmarkt in Europa, vor den Niederlanden und Irland, die als traditionelle Hub-Standorte gelten.

Frankfurt bleibt der wichtigste Rechenzentrumsstandort in Kontinentaleuropa, konkurriert aber zunehmend mit nordeuropäischen Standorten, die natürliche Kühlung und günstigere erneuerbare Energien bieten. Für deutsche Mittelständler mit Latenzanforderungen an ihre IT-Systeme bleibt Frankfurt die erste Wahl. Für weniger zeitkritische Workloads wie Backup, Archivierung oder Batch-Processing kann ein Standort in Skandinavien die günstigere und nachhaltigere Option sein.

Ist PUE noch der richtige Maßstab?

Der Power Usage Effectiveness (PUE) ist seit Jahren die Standardmetrik für Rechenzentrumseffizienz. Er misst das Verhältnis zwischen Gesamtenergieverbrauch und der Energie, die tatsächlich für IT-Systeme genutzt wird. Ein PUE von 1,0 wäre perfekt, 2,0 bedeutet: Die Hälfte der Energie geht für Kühlung, Beleuchtung und Infrastruktur verloren.

Doch die Metrik hat blinde Flecken. Equinix stellte im November 2025 die provokante Frage: „Is PUE Dead?“ Der Indikator misst nicht, ob der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Ein Rechenzentrum mit PUE 1,1, das Kohlestrom bezieht, steht rechnerisch besser da als eines mit PUE 1,4 und 100 Prozent Windenergie. Auch die Effizienz der IT-Workloads selbst bleibt außen vor: Ein überprovisiertes, wenig ausgelastetes System hat denselben PUE wie ein optimal dimensioniertes.

Für den Mittelstand, der Rechenzentrumskapazitäten einkauft statt selbst zu betreiben, heißt das: PUE allein reicht als Auswahlkriterium nicht. Fragen nach dem Energiemix, der Abwärmenutzung und der tatsächlichen Auslastung sind mindestens ebenso relevant.

Warum grüne Rechenzentren kein Luxus sind

Die wirtschaftliche Logik hat sich verschoben. Noch vor drei Jahren galt die Faustregel: Nachhaltige Infrastruktur kostet mehr. Das stimmt bei den Investitionskosten weiterhin – LEED-Zertifizierung, Abwärmesysteme und PPA-Verträge erhöhen den CapEx. Aber die Gesamtrechnung kippt, weil drei externe Faktoren die Gleichung verändern.

Erstens: Steigende Energiepreise. Wer heute in Effizienz investiert, senkt morgen die Betriebskosten. Ein PUE-Unterschied von 0,3 (etwa von 1,6 auf 1,3) spart bei einem Rechenzentrum mit 1 Megawatt IT-Last rund 200.000 Euro pro Jahr allein an Stromkosten. Zweitens: Regulatorische Kosten. Wer EnEfG-Anforderungen nicht erfüllt, riskiert Bußgelder und verliert den Zugang zu bestimmten Kundengruppen, die ESG-konforme Lieferanten voraussetzen. Drittens: Die CSRD zwingt berichtspflichtige Unternehmen, den CO2-Fußabdruck ihrer IT-Infrastruktur offenzulegen. Ein nachhaltiger Provider wird damit zum Wettbewerbsvorteil in der Lieferantenbewertung.

Für Mittelständler, die keine eigenen Rechenzentren betreiben, sondern Colocation oder Cloud nutzen, ist die Handlungsempfehlung klar: Bei der nächsten Vertragsverlängerung die Nachhaltigkeitskennzahlen des Providers einfordern und in die Entscheidung einbeziehen. Der Aufwand ist gering, der strategische Effekt erheblich.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Hosting-Verträge prüfen: Welchen PUE hat der aktuelle Provider? Nutzt er erneuerbare Energien? Gibt es ein dokumentiertes Energie-Reporting? Die EnEfG-Compliance liegt beim Betreiber, aber das Reputationsrisiko beim Kunden.

TCO um CO2-Kosten erweitern: Das Modell „GreenOps“ macht Nachhaltigkeit zum Bilanzposten. Wer CSRD-berichtspflichtig ist oder wird, muss den CO2-Fußabdruck seiner IT ohnehin quantifizieren.

Abwärme als Asset denken: Für Unternehmen mit eigenem Rechenzentrum oder Serverraum: Gibt es Wärmeabnehmer in der Nähe? Kommunale Energieversorger sind zunehmend an Kooperationen interessiert.

Workload-Optimierung vor Hardware: Bevor neue Kapazitäten aufgebaut werden: Sind die bestehenden Workloads effizient dimensioniert? Cloud-native Architekturen, Containerisierung und automatisiertes Scaling reduzieren den Energieverbrauch oft deutlich, bevor physische Maßnahmen nötig werden.

Lieferantenbewertung anpassen: ESG-Kriterien in die Lieferantenbewertung integrieren. Rechenzentrumsanbieter, die heute in Nachhaltigkeit investieren, werden morgen wettbewerbsfähigere Preise bieten, weil sie regulatorische Kosten antizipiert haben.

Fazit: Nachhaltigkeit wird zum Differenzierungsmerkmal

Green IT im Rechenzentrum ist kein Wohlfühlthema mehr. Das EnEfG setzt harte Fristen, die CSRD erzwingt Transparenz, und KI-Workloads treiben den Bedarf. Wer diese drei Kräfte zusammendenkt, erkennt: Nachhaltige Infrastruktur ist kein Kostentreiber, sondern eine strategische Investition in regulatorische Sicherheit, Standortattraktivität und langfristig niedrigere Betriebskosten.

Die Vorreiter zeigen, dass es funktioniert. windCORES mit 11 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, NTT DATA mit Abwärme für ganze Stadtviertel, Equinix mit 96 Prozent Erneuerbaren. Für den Mittelstand bedeutet das: Die Frage ist nicht, ob Green IT kommt, sondern ob man bei der Auswahl seiner Partner auf die richtigen setzt.

Häufige Fragen

Was schreibt das EnEfG für Rechenzentren vor?

Das Energieeffizienzgesetz (§11) verlangt ab Juli 2027 einen maximalen PUE von 1,5 für Bestandsanlagen, ab 2030 von 1,3. Neubauten müssen ab Juli 2026 einen PUE von 1,2 einhalten. Zusätzlich gilt ab 2027 die Pflicht zu 100 Prozent erneuerbaren Energien und zur Abwärmenutzung (10-15 Prozent). Betreiber müssen jährlich bis zum 31. März ihre Energiedaten melden.

Was bedeutet PUE und was ist ein guter Wert?

PUE (Power Usage Effectiveness) misst das Verhältnis von Gesamtenergieverbrauch eines Rechenzentrums zur IT-Nutzenergie. Ein PUE von 1,0 wäre ideal (keine Energieverluste), 2,0 bedeutet, dass die Hälfte für Kühlung und Infrastruktur verbraucht wird. Der EU-Durchschnitt liegt bei 1,6. Top-Anbieter wie AWS erreichen 1,15, Google sogar 1,09.

Wie viel Strom verbrauchen deutsche Rechenzentren?

Deutsche Rechenzentren verbrauchten 2024 rund 20 Terawattstunden, was 3,9 Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs entspricht. Bitkom prognostiziert einen Anstieg auf über 30 TWh bis 2030, getrieben vor allem durch KI-Workloads. KI-Rechenzentren machen aktuell 15 Prozent der installierten Kapazität aus.

Kann Rechenzentrumsabwärme wirklich zum Heizen genutzt werden?

Ja, und es passiert bereits. NTT DATA versorgt in Berlin über 1.000 Gebäude mit Rechenzentrumsabwärme. Bitkom schätzt, dass die Abwärme deutscher Rechenzentren jährlich rund 350.000 Wohnungen heizen könnte. Die Herausforderung liegt in der Infrastruktur: Fernwärmenetze müssen an Rechenzentrumsstandorte heranreichen, und Abnehmer müssen in räumlicher Nähe existieren.

Wie kann ein mittelständisches Unternehmen seine IT nachhaltiger gestalten?

Drei konkrete Schritte: Erstens die Hosting-Verträge auf PUE, Energiemix und Abwärmenutzung prüfen. Zweitens die eigene IT-Infrastruktur auf Auslastung und Effizienz optimieren, zum Beispiel durch Containerisierung und automatisiertes Scaling. Drittens ESG-Kriterien in die Lieferantenbewertung aufnehmen, besonders bei Rechenzentrumsanbietern.

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Quelle Titelbild: Brett Sayles / Pexels

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