Erfahrener Facharbeiter Mitte fünfzig in einer Werkstatt - Symbol für das Erfahrungswissen, das mit der Babyboomer-Gener
24.06.2026

13,3 Millionen gehen in Rente: Die Boomer-Lücke kommt

7 Min. Lesezeit

In vielen Maschinenbau-Hallen sitzt das wichtigste Wissen auf zwei oder drei Stühlen. Die Leute, die wissen, warum die alte Anlage bei Feuchtigkeit zickt und welcher Lieferant wirklich liefert, sind Mitte fünfzig. In den nächsten fünfzehn Jahren gehen sie in Rente, und mit ihnen bundesweit 13,3 Millionen Erwerbspersonen, fast ein Drittel des heutigen Arbeitskräfteangebots. Das ist keine Konjunkturdelle, sondern Demografie, und die steht längst fest berechnet in der Tabelle.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bis 2040 verschwindet fast ein Drittel: 13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen in den nächsten 15 Jahren das Rentenalter, rund 30 Prozent des heutigen Arbeitskräfteangebots. Die Zahl stammt aus dem Mikrozensus 2025, sie ist keine Prognose mit viel Spielraum.
  • Die Nachrücker sind schlicht zu wenige: Die geburtenstarken Jahrgänge stellen die größten Gruppen am Arbeitsmarkt. Jede jüngere Kohorte ist kleiner, die Lücke lässt sich rechnerisch nicht schließen, nur abfedern.
  • Der Mittelstand spürt es zuerst: Wenig Arbeitgebermarke, viel unverschriftlichtes Spezialwissen, kein Personalpuffer. Wer erst reagiert, wenn der Erste geht, hat das Zeitfenster schon verpasst.

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Die Zahlen sind schon gerechnet

Das Statistische Bundesamt hat im Juni die Größenordnung sortiert. Auf Basis der Erstergebnisse des Mikrozensus 2025 erreichen bis 2040 rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. Das entspricht etwa 30 Prozent aller heute Erwerbstätigen. Anders gesagt: Fast ein Drittel der Menschen, die das Land heute am Laufen halten, ist in fünfzehn Jahren aus dem Arbeitsmarkt heraus.

Der Druck verteilt sich nicht gleichmäßig. Die jüngeren Babyboomer zwischen 55 und 59 Jahren sind mit 5,5 Millionen Erwerbstätigen die größte Altersgruppe überhaupt, und 85 Prozent von ihnen stehen noch im Job. Direkt dahinter folgen die 60- bis 64-Jährigen mit 4,5 Millionen. Diese beiden Blöcke verlassen den Arbeitsmarkt fast zeitgleich.

Das eigentliche Problem zeigt sich erst beim Blick auf die Nachrücker. Die 25- bis 34-Jährigen kommen auf 8,8 Millionen Erwerbstätige, die 35- bis 44-Jährigen auf 9,9 Millionen. Diese Jahrgänge sind erwerbstätiger denn je, ihre Beschäftigungsquoten liegen bei fast 89 Prozent. Sie sind nur zahlenmäßig kleiner als die Generation, die geht. Mehr Beteiligung gleicht weniger Köpfe nicht aus.

Was ist die demografische Lücke? Die demografische Lücke beschreibt die Differenz zwischen den Erwerbspersonen, die aus Altersgründen ausscheiden, und den jüngeren Jahrgängen, die nachrücken. In Deutschland klafft sie auf, weil die geburtenstarken Babyboomer in Rente gehen und keine Kohorte gleicher Größe nachfolgt.

13,3 Mio.
Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das gesetzliche Rentenalter, rund 30 Prozent des heutigen Arbeitskräfteangebots.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2025 (Erstergebnisse)

Warum es den Mittelstand zuerst spürt

Konzerne haben Puffer. Eine eigene Arbeitgebermarke, Personalabteilungen mit Pipeline-Denken, Standorte zur Auswahl. Der typische Mittelständler hat das nicht. Er hat einen Standort, eine Region und ein Team, das über Jahre zusammengewachsen ist. Genau diese Nähe wird jetzt zum Risiko, weil sie schwer zu ersetzen ist.

Dazu kommt die Sache mit dem Wissen. In vielen Betrieben steckt das entscheidende Know-how nicht im Handbuch, sondern in Köpfen. Wer eine Maschine seit zwanzig Jahren fährt, kennt ihre Eigenheiten besser als jede Dokumentation. Geht diese Person, geht das Wissen mit, falls niemand es vorher herausgeholt hat. Bei einem Abgang lässt sich das auffangen. Bei einer Welle von Abgängen in derselben Schicht nicht mehr.

Der Zeitpunkt ist das Tückische daran. Die Lücke kommt nicht als Knall, sondern als Sickern über Jahre. Das verführt dazu, sie zu verschieben. Doch der Aufbau von Nachfolgern, die Verschriftlichung von Abläufen und die Automatisierung von Routine brauchen alle Vorlauf. Diese Vorlaufzeit ist der eigentliche Hebel, und sie verfällt, wenn man wartet.

Der demografische Fahrplan
2025
Die Babyboomer der Jahrgänge um 1964 stehen mit 5,5 Millionen als größte Gruppe noch voll im Erwerbsleben. Der Zenit ist erreicht.
ab 2027
Die starken Jahrgänge erreichen Schritt für Schritt das Rentenalter. Die Abgänge beschleunigen sich, der Ersatzbedarf steigt jährlich.
um 2035
Die Mitte der Welle. Wer bis hierhin kein Wissensmanagement und keine Automatisierung aufgebaut hat, arbeitet im Dauer-Engpass.
2040
13,3 Millionen Erwerbspersonen haben das Rentenalter erreicht. Der Arbeitsmarkt ist dann dauerhaft kleiner, und das geht weit über eine Schwächephase hinaus.

Welche Hebel wirklich greifen

Die ehrliche Nachricht zuerst: Es gibt keinen einzelnen Hebel, der 30 Prozent Arbeitskräfte ersetzt. Recruiting allein reicht nicht, weil auch der Bewerbermarkt schrumpft. Automatisierung stößt an Grenzen, weil sich nicht jede Tätigkeit sinnvoll automatisieren lässt. Was hilft, ist eine Kombination, und die Reihenfolge entscheidet, ob sie kurzfristig entlastet oder langfristig trägt.

Was kurzfristig entlastet

  • Erfahrene Mitarbeitende mit flexiblen Modellen länger halten
  • Routine-Aufgaben automatisieren, wo es ohne Qualitätsverlust geht
  • Quereinsteiger gezielt einarbeiten statt auf den Idealkandidaten warten
  • Prozesse entschlacken, die nur aus Gewohnheit bestehen

Was strukturell trägt

  • Kritisches Wissen verschriftlichen, bevor die Träger gehen
  • Nachfolger jahrelang parallel aufbauen, nicht erst zum Abgang
  • Ausbildung wieder zur Chefsache machen
  • Eine Arbeitgebermarke aufbauen, die in der Region trägt

Automatisierung und KI gehören in die linke Spalte, nicht in die rechte. Sie nehmen Druck aus dem Tagesgeschäft, übernehmen Wiederkehrendes und machen kleinere Teams produktiver. Aber sie ersetzen kein über Jahre gewachsenes Erfahrungswissen, und sie bauen keine Beziehungen zu Kunden auf. Wer sie als alleinige Antwort verkauft, hat die Lücke nicht verstanden. Wer sie klug einsetzt, gewinnt Zeit für den Teil, der wirklich trägt.

Häufige Fragen

Woher stammt die Zahl von 13,3 Millionen?

Sie stammt aus den Erstergebnissen des Mikrozensus 2025, veröffentlicht vom Statistischen Bundesamt im Juni 2026. Gemeint sind Erwerbspersonen, die bis 2040 das gesetzliche Rentenalter von 67 Jahren erreichen. Im Vorjahr lag die Berechnung bei 13,4 Millionen.

Gleicht Zuwanderung die Lücke nicht aus?

Zuwanderung dämpft den Rückgang, kehrt ihn aber nicht um. Um 13,3 Millionen Abgänge auch nur teilweise zu kompensieren, wären über Jahre sehr hohe und gut integrierte Zuwanderungszahlen nötig. Für die Planung im einzelnen Betrieb ist das keine verlässliche Größe.

Warum trifft es kleine Betriebe härter als Konzerne?

Kleine Betriebe haben weniger Personalpuffer, oft keine eigene Arbeitgebermarke und viel Wissen, das nur in Köpfen steckt. Fällt eine Schlüsselperson weg, ist der Anteil am Gesamtteam größer und der Ersatz schwerer zu finden als in einem Großunternehmen mit interner Pipeline.

Kann KI den Fachkräftemangel lösen?

KI und Automatisierung entlasten, indem sie Routine übernehmen und kleinere Teams produktiver machen. Sie ersetzen aber kein Erfahrungswissen und keine Kundenbeziehung. Realistisch sind sie ein wichtiger Hebel unter mehreren, nicht die alleinige Antwort.

Wann sollte ein Betrieb anfangen?

Jetzt, denn die wirksamen Maßnahmen brauchen Vorlauf. Wissen zu verschriftlichen, Nachfolger aufzubauen und Prozesse zu automatisieren dauert Jahre. Wer erst reagiert, wenn die ersten Schlüsselkräfte gehen, hat den günstigen Zeitpunkt bereits verpasst.

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Quelle Titelbild: Pexels / Andrea Piacquadio (px:3846129)

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