Fachkräfte-Wende: 5 Strategien gegen Fachkräftemangel
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Deutschland fehlen bis 2030 vier Millionen Fachkräfte. Wer nur auf den Arbeitsmarkt wartet, verliert. Fünf Unternehmen haben aufgehört zu klagen und angefangen, das Problem selbst zu lösen – mit Strategien, die der Rest der Wirtschaft kopieren sollte.
Das Wichtigste in Kürze
- 90 Milliarden Euro jährliche Kosten: Der Fachkräftemangel kostet die deutsche Wirtschaft jährlich geschätzte 90 Milliarden Euro an entgangener Wertschöpfung. Die Lücke wird sich bis 2030 auf vier Millionen unbesetzte Stellen vergrößern (IW Köln, 2025).
- Fünf Unternehmen zeigen Lösungen: Fünf Unternehmen aus verschiedenen Branchen zeigen, dass der Fachkräftemangel lösbar ist – wenn man bereit ist, traditionelle Recruiting-Wege zu verlassen.
- Vier Millionen Stellen bis 2030: Die fünf Strategien: Internationale Talentpipelines (Viessmann), radikale Ausbildungsoffensive (Würth), Quereinsteiger-Programme (Deutsche Bahn), KI-Augmentation (Trumpf) und Employer Branding als CEO-Aufgabe (Ottobock).
- Eigeninitiative statt Abwarten: Der gemeinsame Nenner: Kein Unternehmen wartet darauf, dass der Markt das Problem löst. Alle investieren in eigene Lösungen – und behandeln Fachkräftegewinnung als strategische Aufgabe, nicht als HR-Thema.
- Jetzt die Weichen stellen: Für den Mittelstand bedeutet das: Wer 2026 die besten Leute will, muss 2025 die cleversten Wege gehen.
Die Anatomie einer Krise
Lassen Sie uns ehrlich sein: Der Fachkräftemangel ist keine Überraschung. Seit 15 Jahren zeigen die demografischen Modelle, was passieren wird. Die Babyboomer gehen in Rente. Die nachfolgenden Jahrgänge sind kleiner. Die Zuwanderung kompensiert die Lücke nicht. Die Rechnung war immer klar.
Trotzdem hat die deutsche Wirtschaft das Problem kollektiv verdrängt. Zu lange. Die Folge: 2025 sind über 700.000 Stellen unbesetzt – ein Rekordwert. In technischen Berufen beträgt die durchschnittliche Vakanzzeit 180 Tage. Für spezialisierte IT-Positionen: über 200 Tage. Und jede unbesetzte Stelle kostet – je nach Position – zwischen 30.000 und 150.000 Euro pro Jahr an entgangener Wertschöpfung.
Die folgenden fünf Unternehmen haben aufgehört, die Schuld bei „dem Markt“, „der Politik“ oder „der Generation Z“ zu suchen. Stattdessen haben sie eigene Lösungen entwickelt. Keine davon ist einfach. Alle funktionieren.
Strategie 1: Internationale Talentpipelines – Viessmann
Viessmann – der Allendorfer Heizungsbauer, der nach dem Teilverkauf an Carrier seine Klimasparte unabhängig weiterführt – stand vor einem spezifischen Problem: Für die Transformation zum Wärmepumpen-Hersteller fehlten Hunderte von Kältetechnikern, Elektrikern und Installateuren. In Deutschland gibt es davon schlicht nicht genug.
Die Lösung: Viessmann hat internationale Recruiting-Büros in Portugal, Spanien und Kolumbien eröffnet. Nicht als Leiharbeiter-Vermittlung, sondern als vollwertige Talentpipeline: Sprachkurse vor Ort, begleitete Einreise, strukturiertes Onboarding, Wohnungssuche inklusive. Der Prozess von Erstkontakt bis zum ersten Arbeitstag in Allendorf dauert sieben Monate.
Die Investition ist erheblich – rund 15.000 Euro pro rekrutiertem Mitarbeitenden, inklusive Sprachkurs, Umzugshilfe und Einarbeitung. Aber der Vergleichswert ist klar: Eine unbesetzte Stelle kostet mehr. Und die Retention-Rate der international rekrutierten Mitarbeitenden liegt bei 87 Prozent Retention-Rate internationaler Rekruten bei Viessmann nach 24 Monatenländische Neueinstellungen.
Die Lektion: Internationales Recruiting funktioniert im Mittelstand, wenn man es als langfristige Investition begreift, nicht als kurzfristige Lückenüberbrückung. Der Schlüssel ist die Integrationsbegleitung – wer seine internationalen Fachkräfte nach der Einstellung allein lässt, verliert sie innerhalb von 18 Monaten.
„Viele Unternehmen haben ihre Investitionen verschoben oder gestrichen. Wenn Unternehmen aufhören zu expandieren und anfangen abzuwarten, entsteht eine Kettenreaktion, die zu einer systemischen Bremse werden kann.“
– Hermann Simon, Ökonom und Hidden-Champions-Forscher, Mai 2025
Strategie 2: Radikale Ausbildungsoffensive – Würth
Würth – der Schrauben-Konzern aus Künzelsau – hat ein Ausbildungsprogramm, das in der deutschen Wirtschaft seinesgleichen sucht. 1.800 Auszubildende weltweit. 35 Ausbildungsberufe. Eine eigene Akademie mit fest angestellten Dozenten.
Das Besondere ist nicht die Größe, sondern der Ansatz. Würth bildet nicht für den aktuellen Bedarf aus, sondern für den Bedarf in fünf Jahren. Das Ausbildungsprogramm ist direkt an die Unternehmensstrategie gekoppelt: Wenn die Digitalstrategie neue Kompetenzen erfordert, passt Würth die Ausbildungsinhalte an – nicht in drei Jahren, wenn die Lehrpläne aktualisiert werden, sondern sofort.
Drei Beispiele:
- Seit 2024 enthält die kaufmännische Ausbildung bei Würth ein Pflichtmodul „KI im Vertrieb“ – inklusive Arbeit mit echten KI-Tools, die der Außendienst einsetzt.
- Die technische Ausbildung wurde um 3D-Druck und additive Fertigung erweitert – nicht als Wahlfach, sondern als Kernkompetenz.
- Würth hat ein eigenes Programm für Studienabbrecher aufgelegt: Wer nach zwei oder drei Semestern merkt, dass das Studium nicht passt, bekommt bei Würth eine verkürzte Ausbildung mit Anrechnung akademischer Leistungen. 140 ehemalige Studierende haben das Programm seit 2023 durchlaufen.
Die Investition: Würth gibt pro Auszubildenden rund 35.000 Euro pro Jahr aus – deutlich über dem Branchendurchschnitt. Aber die Übernahmequote liegt bei 92 Prozent. Und die Kosten für eine Ausbildung über drei Jahre (105.000 Euro) sind immer noch günstiger als eine externe Rekrutierung für eine qualifizierte Fachkraft (75.000–120.000 Euro all-in, bei unsicherer Passung).
Strategie 3: Quereinsteiger-Programme – Deutsche Bahn
Die Deutsche Bahn hat ein Problem, das größer ist als das jedes anderen deutschen Arbeitgebers: 30.000 offene Stellen. Lokführer, Fahrdienstleiter, Ingenieure, IT-Fachkräfte – in fast jeder Berufsgruppe fehlt Personal. Und die Bahn kann nicht ins Ausland ausweichen: Ein Fahrdienstleiter muss Deutsch sprechen, die deutschen Sicherheitsvorschriften kennen und in Deutschland leben.
Die Lösung: Die Bahn hat das ambitionierteste Quereinsteiger-Programm der deutschen Wirtschaft aufgebaut. Über 40 Berufe sind für Quereinsteiger geöffnet – vom Lokführer (9 Monate Ausbildung) über den Fahrdienstleiter (12 Monate) bis zum Instandhaltungstechniker (6 Monate). Die Einstiegshürden sind bewusst niedrig: Kein bestimmter Schulabschluss, keine Branchenerfahrung. Was zählt: Motivation, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft.
Die Zahlen für 2025: 7.800 Quereinsteiger hat die Bahn eingestellt – von der ehemaligen Bäckereifachverkäuferin bis zum umgeschulten Bankkaufmann. Die Abbrecherquote während der Ausbildung liegt bei 18 Prozent – niedriger als erwartet. Die Zufriedenheit der Quereinsteiger nach 12 Monaten: 78 Prozent „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“.
Was andere davon lernen können: Viele Mittelständler definieren ihre Anforderungsprofile zu eng. „Drei Jahre Berufserfahrung in genau diesem Segment“ schließt 90 Prozent des Arbeitsmarktes aus. Wer bereit ist, in Einarbeitung zu investieren, öffnet einen Talentpool, den die Konkurrenz nicht auf dem Schirm hat.
Strategie 4: KI-Augmentation – Trumpf
Trumpf hat einen anderen Ansatz gewählt: Wenn man die fehlenden Fachkräfte nicht finden kann, muss man die vorhandenen produktiver machen. Die These: Ein Ingenieur mit KI-Unterstützung leistet so viel wie zwei Ingenieure ohne.
Drei konkrete Umsetzungen:
KI-gestützte Konstruktion: Trumpf-Ingenieure nutzen ein KI-System, das auf Basis der Kundenanforderungen automatisch Erst-Entwürfe für Laseroptiken generiert. Der Ingenieur optimiert, statt von Null zu starten. Zeitersparnis pro Konstruktionsaufgabe: 40 bis 60 Prozent.
Intelligente Inbetriebnahme: Ein KI-System analysiert die Maschinendaten während der Inbetriebnahme und schlägt optimale Parameter vor. Wo früher ein erfahrener Servicetechniker drei Tage brauchte, reichen jetzt anderthalb – und der Techniker kann in der gesparten Zeit die nächste Maschine in Betrieb nehmen.
Wissenstransfer-Plattform: Die Erfahrung älterer Mitarbeitender wird systematisch digitalisiert. Wenn ein Senior-Techniker ein Problem löst, dokumentiert das KI-System die Lösung und macht sie für alle Kollegen zugänglich – inklusive Kontext, Varianten und Fehlervermeidung.
Die Kalkulation von Trumpf: Durch KI-Augmentation hat das Unternehmen die Wertschöpfung pro Mitarbeitendem um 12 Prozent gesteigert – ohne eine einzige neue Stelle zu besetzen. Umgerechnet entspricht das einer virtuellen Personalaufstockung um 320 Vollzeitstellen.
Strategie 5: Employer Branding als CEO-Aufgabe – Ottobock
Ottobock aus Duderstadt – 9.000 Mitarbeitende, Weltmarktführer für Prothesen – hat ein Problem, das viele Hidden Champions teilen: Niemand kennt uns. Oder genauer: Die Leute, die wir brauchen, wissen nicht, dass wir existieren.
CEO Oliver Jakobi hat Employer Branding zur Chefsache gemacht. Nicht delegiert an HR, nicht outsourced an eine Agentur, sondern persönlich verantwortet. Seine These: In einer Welt, in der Talente die Arbeitgeber wählen und nicht umgekehrt, muss der CEO das Gesicht der Firma sein.
Drei konkrete Maßnahmen:
- CEO auf LinkedIn: Schulte-Noelle postet wöchentlich persönliche Einblicke – keine PR-geglätteten Unternehmensstatements, sondern ehrliche Einblicke in Entscheidungen, Herausforderungen und Erfolge. Follower-Zahl in 12 Monaten: von 3.000 auf 28.000.
- Purpose als Recruiting-Argument: Ottobock hat seine Employer-Value-Proposition komplett auf Purpose ausgerichtet. Nicht „attraktives Gehalt und Obstkorb“, sondern „Wir geben Menschen ihre Mobilität zurück.“ In Bewerberbefragungen nennen 64 Prozent den Purpose als Hauptgrund für ihre Bewerbung – vor Gehalt, Standort und Karrieremöglichkeiten.
- Regionale Verankerung: Duderstadt hat 21.000 Einwohner. Nicht gerade ein Talent-Hotspot. Ottobock hat in Infrastruktur investiert, die den Standort attraktiver macht: Kooperation mit der Universität Göttingen (45 Min. entfernt), Unternehmens-Kindergarten, E-Bike-Leasing, hybride Arbeitsmodelle und ein Relocation-Service für internationale Mitarbeitende.
Die Ergebnisse: Die Bewerberzahlen sind 2025 um 43 Prozent gestiegen. Die Time-to-Hire (Zeit von Stellenausschreibung bis Vertragsunterschrift) ist von 95 auf 52 Tage gesunken. Und Ottobock hat erstmals mehr Bewerbungen aus dem Ausland als aus dem Inland erhalten.
Das Muster: Fachkräftegewinnung ist Strategie, nicht Verwaltungung
Was alle fünf Unternehmen verbindet:
Fachkräftegewinnung ist keine HR-Aufgabe. In jedem dieser Unternehmen ist das Thema im Vorstand oder der Geschäftsführung verankert. Es hat Budget, KPIs und einen direkten Reporting-Line zur Unternehmensleitung. Wer Fachkräfte als „HR-Problem“ delegiert, wird es nicht lösen.
Die Investitionsbereitschaft ist hoch. 15.000 Euro pro internationalem Rekrut. 35.000 Euro pro Auszubildendem pro Jahr. Millionen für Quereinsteiger-Programme. Diese Unternehmen haben verstanden, dass Talentgewinnung eine Investition ist – keine Kostenstelle.
Die Zeithorizonte sind lang. Keine dieser Strategien liefert Ergebnisse in drei Monaten. Alle erfordern einen Planungshorizont von mindestens zwei Jahren. Wer Fachkräftegewinnung als kurzfristiges Problem behandelt, wird immer hinterherrennen.
Der Fachkräftemangel ist real. Er wird nicht verschwinden. Aber er ist kein Naturgesetz. Er ist eine unternehmerische Herausforderung – und wie jede unternehmerische Herausforderung lässt er sich mit Kreativität, Investition und Konsequenz lösen. Die fünf Unternehmen in diesem Artikel beweisen das. Jeden Tag.
Häufige Fragen
Wie groß ist der Fachkräftemangel in Deutschland tatsächlich?
Welche Branchen sind am stärksten betroffen?
Was kostet eine unbesetzte Stelle?
Ist internationale Rekrutierung für Mittelständler realistisch?
Können KI und Automatisierung den Fachkräftemangel lösen?
Was sollten Mittelständler als Erstes tun?
Weiterführende Lektüre
- Workforce Analytics: Datenbasierte Personalentscheidungen – MyBusinessFuture
- 149.000 offene IT-Stellen: KI-Copiloten als Fachkräftersatz – Digital Chiefs
- KI-Projekte in der Fertigung – cloudmagazin
Quelle Titelbild: Pexels / Pixabay

