Aufnahme von EqualStock IN aus einer Fabrik zeigt zwei Textilarbeiterinnen an Nähmaschinen.
03.05.2026

Clean Industrial Deal: Mittelstand im Fokus

7 Min. Lesezeit

Die IFAT 2026 in München ist mehr als eine Fachmesse für Wasser- und Abfallwirtschaft. Sie signalisiert, was produzierenden Unternehmen ab 2027 regulatorisch bevorsteht: Der Clean Industrial Deal der EU-Kommission macht Kreislaufwirtschaft zur Pflicht, nicht zur Option. Wer im Mittelstand noch auf freiwillige CSR-Maßnahmen setzt, unterschätzt die Verbindlichkeit der kommenden Anforderungen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Clean Industrial Deal macht Kreislaufwirtschaft verbindlich. Ab 2027 gelten EU-Anforderungen an Produktpässe, erweiterte Herstellerverantwortung und Eco-Design für die meisten Produktkategorien im B2B-Bereich.
  • IFAT 2026 als Frühindikator. Die Messe zeigt welche Technologien für Kreislaufprozesse 2026 verfügbar sind – und welche Investitionslogik Unternehmen brauchen die ab 2027 compliant sein müssen.
  • Mittelstand-Pflichtaufgabe. Unternehmen mit über 250 Mitarbeitern oder mehr als 40 Mio. EUR Umsatz fallen in den primären Anwendungsbereich. Lieferkettenwirkung trifft aber auch kleinere Betriebe.
  • Drei konkrete Handlungsfelder bis Ende 2026. Produkt-Materialinventar aufbauen, ERP-Systeme für Rücknahme-Tracking vorbereiten, Lieferanten-Audits auf Recyclatanteile ausweiten.

Verwandt: CSRD Omnibus 2026: Berichtspflicht, ESRS-VSME und Mittelstand

Was ist der Clean Industrial Deal und wen betrifft er?

Was ist der Clean Industrial Deal? Der Clean Industrial Deal ist das wirtschaftspolitische Rahmenwerk der EU-Kommission für die dekarbonisierte Industrie, vorgestellt Ende 2025 als Nachfolge des Green Deal für den Industriesektor. Er enthält verbindliche Anforderungen an Kreislaufwirtschaft, Produktpässe (Digital Product Passports), erweiterte Herstellerverantwortung und Mindestquoten für Sekundärmaterialien – mit Umsetzungsfristen ab 2027.

Der entscheidende Unterschied zur CSRD: Während CSRD primär Berichtspflichten regelt, schreibt der Clean Industrial Deal Produktions- und Produktanforderungen fest. Es geht nicht mehr nur darum, über Nachhaltigkeit zu berichten – sondern darum, wie Produkte konstruiert, welche Materialien verwendet und wie sie am Ende des Lebenszyklus zurückgenommen werden.

Betroffen sind zunächst Unternehmen in den regulierten Produktkategorien: Elektronik, Textilien, Verpackungen, Batterien, Fahrzeuge und – zunehmend – Investitionsgüter aus der Fertigungsindustrie. Für Maschinenbauer, Anlagenbauer und Komponentenhersteller beginnt der Anpassungsdruck 2027.

Regulatorische Zeitlinie für produzierende Unternehmen

2025

CSRD Berichtspflicht startet für große Unternehmen (250+ MA)

2027

Clean Industrial Deal: Produktpass-Pflicht für erste Kategorien, EPR-Erweiterung

2028+

Sekundärmaterialquoten, vollständige Produktpass-Pflicht breite Kategorien

IFAT 2026 als strategischer Frühindikator

Die IFAT findet vom 26. bis 29. Mai 2026 auf dem Münchner Messegelände statt und ist mit über 3.000 Ausstellern die weltweit führende Fachmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft. Für Mittelständler aus der produzierenden Industrie ist sie kein naheliegendes Pflichttermin – sollte es aber werden.

Die Logik: Kreislaufwirtschaft als Produktionsstrategie braucht funktionierende Rückführungsinfrastruktur. Was auf der IFAT als verfügbare Technologie präsentiert wird – Sortieranlagen, Recyclingsysteme, Materialrückgewinnung – bestimmt, welche Kreislaufprozesse Fertigungsunternehmen realistischerweise bis 2027/2028 etablieren können.

Drei Bereiche der IFAT sind für Produktionsbetriebe besonders relevant: Materialrückgewinnung aus Produktionsabfällen, Wasser-Recycling in der Fertigung und Digitalisierung der Stoffstromverfolgung für den Digital Product Passport.

Drei Handlungsfelder für Mittelständler bis Ende 2026

Die Vorbereitung auf die regulatorischen Anforderungen ab 2027 lässt sich in drei operative Aufgaben unterteilen, die bis Ende 2026 angegangen werden müssen:

Schritt 1: Produkt-Materialinventar aufbauen

Für jeden Produkttyp muss ein Materialinventar entstehen: Welche Rohstoffe, welche Kunststofftypen, welche Verbundwerkstoffe sind verbaut? Das ist die Datenbasis für den Digital Product Passport. Wer hier 2024/2025 nicht mit der Datenerfassung begonnen hat, wird 2027 nicht compliant sein.

Schritt 2: ERP für Rücknahme-Tracking vorbereiten

Erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) bedeutet: Rücknahme dokumentieren, Recyclat-Anteil messen, Berichte liefern. Die meisten ERP-Systeme sind für diesen Datenfluss nicht vorbereitet. SAP S/4HANA hat entsprechende Module, aber die Konfiguration braucht Zeit und erfordert in der Regel externes Know-how.

Schritt 3: Lieferanten-Audits auf Recyclatanteile ausweiten

Sekundärmaterialquoten funktionieren nur wenn die Lieferkette nachweislich Recyclatmaterial bereitstellt. Das bedeutet: Lieferantenverträge um Recyclatanteil-Anforderungen ergänzen, Zertifizierungen fordern und unabhängige Audits einplanen. Dieser Prozess braucht 12-18 Monate Vorlaufzeit.

„Sie signalisiert, was produzierenden Unternehmen ab 2027 regulatorisch bevorsteht: Der Clean Industrial Deal der EU-Kommission macht Kreislaufwirtschaft zur Pflicht, nicht zur Option.“

Was Mittelständler jetzt prüfen sollten

Bereits gut aufgestellt

  • CSRD-Berichterstattung läuft schon
  • Materialinventare in PLM/ERP vorhanden
  • ISO 14001 zertifiziert
  • Lieferketten-Audits etabliert

Sofortbedarf: Lücken schließen

  • Keine Daten zu Materialzusammensetzung
  • ERP-System ohne EPR-Modul
  • Lieferanten ohne Recyclatnachweis
  • Keine Digital-Product-Passport-Strategie

Die IFAT 2026 bietet außerdem eine konkrete Möglichkeit, Technologiepartner für den Aufbau von Kreislaufprozessen zu identifizieren – von Recyclingsystemanbietern über Materialanalytik-Dienstleister bis zu Softwarehäusern die Digital Product Passport-Lösungen anbieten. Wer den Messebesuch strategisch plant, nutzt ihn als Scouting-Event für die Compliance-Agenda 2027.

Quelle Fakten: Europäische Kommission Clean Industrial Deal, IFAT 2026 Ausstellerstatistiken, ESRS-VSME Guidance.

Häufige Fragen

Ab wann gilt der Clean Industrial Deal für produzierende Unternehmen konkret?

Die ersten verbindlichen Anforderungen des Clean Industrial Deal greifen ab 2027. Die Umsetzungsfristen variieren je nach Produktkategorie: Batterien und Elektronik sind früher dran, Investitionsgüter und Maschinenbau folgen. Für DACH-Mittelständler ist Ende 2026 der realistische Planungshorizont, um rechtzeitig systemisch vorbereitet zu sein.

Was ist der Digital Product Passport und welche Daten muss er enthalten?

Der Digital Product Passport (DPP) ist ein digitales Informationsset das einem Produkt zugeordnet wird und Daten zu Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit, Recyclatanteil und Lieferketteninformationen enthält. Die genauen Datenanforderungen werden je Produktkategorie in delegierten Rechtsakten zur Ökodesign-Verordnung festgelegt. Die Grundstruktur ist über die EU-Dateninfrastruktur Catena-X und GS1-Standards ableitbar.

Wie verhält sich der Clean Industrial Deal zur CSRD-Berichtspflicht?

CSRD und Clean Industrial Deal greifen ineinander, adressieren aber unterschiedliche Ebenen. CSRD regelt die Berichtspflicht: Unternehmen müssen über ihre Nachhaltigkeitsmaßnahmen transparent berichten. Der Clean Industrial Deal setzt operative Anforderungen: wie Produkte gebaut werden müssen. Wer CSRD-Daten schon erhebt, hat eine bessere Ausgangsbasis für die DPP-Befüllung, aber CSRD-Compliance ersetzt die Clean-Industrial-Deal-Compliance nicht.

Gilt die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) auch für B2B-Investitionsgüter?

Die aktuelle EPR-Gesetzgebung konzentriert sich auf B2C-Produktkategorien (Elektrogeräte, Verpackungen, Batterien). Für B2B-Investitionsgüter wie Maschinen und Anlagen gibt es bislang keine direkte EPR-Pflicht auf EU-Ebene. Allerdings enthalten Clean Industrial Deal und Ökodesign-Verordnung Anforderungen an Reparierbarkeit und Recyclatanteil, die de facto EPR-ähnliche Effekte haben und ab 2027 greifen.

Welche SAP-Module sind für die Clean-Industrial-Deal-Compliance relevant?

Für die technische Umsetzung sind primär drei Bereiche im SAP-Ökosystem relevant: SAP Product Carbon Footprint Analytics für CO2-Fußabdrücke auf Produktebene, SAP Responsible Design and Production für EPR-Reporting und Abgabenverwaltung sowie SAP Sustainability Control Tower als zentrales Reporting-Layer. Für den Digital Product Passport gibt es erste Connector-Lösungen auf Basis von SAP Business Network und Integration Suite.

Eva Mickler schreibt für MyBusinessFuture über Nachhaltigkeitsregulierung, Mittelstandsstrategie und die Transformation der produzierenden Industrie.

Quelle Titelbild: Pexels / EqualStock IN (px:31047158)

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