Digital vernetzter Klinikarbeitsplatz mit medizinischen Monitoren – Artikel zu krankenhaus und synaforce
03.03.2026

Krankenhaus: ePA-Sanktionen ab April – Jetzt handeln

5 Min. Lesezeit

75 Millionen elektronische Patientenakten sind angelegt. Aktiv genutzt werden sie von weniger als vier Prozent der Versicherten. In den Kliniken hat gerade einmal jede vierte den Pilotbetrieb gestartet. Gleichzeitig drohen ab 2026 Digitalisierungsabschläge von bis zu zwei Prozent pro Abrechnungsfall. Die ePA ist das grösste Digitalisierungsprojekt des deutschen Gesundheitswesens – und sie steckt fest.

Das Wichtigste in Kürze

  • 75 Millionen ePAs angelegt, unter 4% genutzt: Die Opt-out-Quote liegt bei nur 5%, aber kaum jemand öffnet seine Akte (borncity, AOK, KZV BW, 2026).
  • 40% der Kliniken im Pilotbetrieb: Das klingt nach Fortschritt – im September 2025 waren es noch 7%. Aber 43% erwarten krankenhausweiten Einsatz erst ab Q3 2026 (DKI Blitzumfrage, März 2026).
  • Bis zu 2% Abschlag pro Fall: Fünf digitale Pflichtdienste müssen beauftragt sein, sonst greifen Digitalisierungsabschläge auf jeden stationären Fall (§5 Abs.3h KHEntgG).
  • Deutschland auf Platz 16 von 17: Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung landet Deutschland knapp vor Polen. Estland und Dänemark zeigen, wie es funktioniert.
  • 7 Mrd. Euro Einsparpotenzial: Allein durch die ePA könnten laut McKinsey Doppeluntersuchungen und Kommunikationsbrüche reduziert werden. Realisiert davon: fast nichts.

Was ist Krankenhaus?

Krankenhaus ist 2026 ein konkreter Hebel für Unternehmen, weil das Thema direkt über digitale Versorgungsprozesse, Datenschutz und Klinik-IT entscheidet. Der Beitrag zeigt am Beispiel von synaforce, welche Anforderungen, Kennzahlen und operativen Schritte in der Praxis zählen.

75 Millionen Akten, 4 Prozent Nutzer: Die ePA in Zahlen

Seit dem bundesweiten Rollout im April 2025 hat jeder gesetzlich Versicherte in Deutschland automatisch eine elektronische Patientenakte – sofern er nicht aktiv widersprochen hat. Das Opt-out-Modell funktioniert: Nur rund 5% der Versicherten haben Widerspruch eingelegt, bei der AOK sind es 4,3%, bei der Techniker Krankenkasse 7%, bei der KKH sogar 10%.

Das Problem liegt nicht in der Anlage der Akten, sondern in ihrer Nutzung. Laut aktuellen Erhebungen haben sich nur rund 4,2 bis 4,6 Millionen Versicherte eine Gesundheits-ID registriert – etwa 6% der GKV-Mitglieder. Die tatsächliche aktive Nutzung liegt noch darunter: Geschätzt 3,6% öffnen ihre ePA regelmässig.

75 Mio.
ePAs angelegt
Quelle: GKV, 2026
~4 %
aktive Nutzer
Quelle: borncity, Jan. 2026
~5 %
Opt-out-Quote
Quelle: KZV BW, AOK, TK, 2025

Für Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte bedeutet das: Die Infrastruktur existiert auf dem Papier, aber im Versorgungsalltag kommt sie kaum an. Wer heute eine Klinik-Aufnahme durchläuft, erlebt in den meisten Fällen noch immer den bekannten Mix aus Papierformularen, gefaxten Befunden und telefonischen Rückfragen.

Der Bund hat über das Krankenhauszukunftsgesetz 4,3 Milliarden Euro bereitgestellt, um genau das zu ändern. McKinsey beziffert das Einsparpotenzial der ePA auf 7 Milliarden Euro jährlich – weniger Doppeluntersuchungen, schnellerer Datenaustausch, effizientere Kommunikation zwischen Hausarzt, Klinik und Facharzt. Vom gesamten Digitalisierungspotenzial von 42 Milliarden Euro pro Jahr wurde bisher nur ein Bruchteil realisiert: 1,4 Milliarden Euro (McKinsey eHealth Monitor, 2025).

Warum es in den Kliniken hakt: KIS-Updates, Personal, Prozesse

Die DKI-Blitzumfrage vom März 2026, an der 489 Krankenhäuser teilnahmen, zeichnet ein differenziertes Bild. 90% der befragten Häuser haben mit der technischen Implementierung begonnen. 40% sind bereits im Pilotbetrieb in Versorgungsprozessen – ein deutlicher Sprung von gerade einmal 7% im September 2025.

Aber: 18% der Kliniken warten über fünf Monate nach dem Pflichttermin noch auf das nötige Update ihres Krankenhausinformationssystems. 43% erwarten den krankenhausweiten Einsatz der ePA erst ab dem dritten Quartal 2026. Der Flaschenhals ist nicht die Technik allein – es sind die Prozesse dahinter.

„Die Einführung der ePA im Krankenhaus ist ein echtes Transformationsprojekt, das viele verfahrenstechnische und organisatorische Anpassungen erfordert. Krankenhäuser können nicht einfach einen Schalter umlegen, damit es funktioniert.“ – Prof. Dr. Henriette Neumeyer, stv. Vorstandsvorsitzende DKG (DKG-Pressemitteilung, März 2026)

Die organisatorischen Hürden wiegen schwerer als die technischen. Die ePA muss in bestehende Aufnahmeprozesse integriert werden, Zugriffsrechte müssen definiert, Datenschutzkonzepte angepasst und medizinisches Personal geschult werden. Das kostet Zeit und Personalkapazität – beides Ressourcen, die in deutschen Kliniken ohnehin knapp sind.

Hinzu kommen technische Rückschläge, die Vertrauen kosten. Im Februar 2026 legte ein Rauchmelder-Alarm in einem Frankfurter Rechenzentrum die gesamte Telematikinfrastruktur für acht Stunden lahm – ePA, E-Rezept, KIM und VSDM waren nicht erreichbar. Ebenfalls im Februar wurden bei der AOK Bayern 6.400 ePAs durch einen Software-Fehler irrtümlich gesperrt und geleert. In beiden Fällen gingen Daten nicht verloren, aber die Vorfälle bestätigten die Skeptiker.

Und ein unterschätztes Problem bleibt der Konnektor-Austausch: Rund 7.900 TI-Konnektoren mit veralteter RSA-Verschlüsselung müssen zwingend bis Ende 2026 ersetzt werden, weil eine Zertifikatsverlängerung technisch nicht möglich ist. Der eHBA-Kartentausch läuft parallel bis zum 30. Juni 2026. Für Kliniken, die noch nicht einmal ihr KIS-Update haben, stapeln sich die Baustellen.

Digitalisierungsabschlag: Was Kliniken ab 2026 konkret kostet

Definition

Digitalisierungsabschlag bezeichnet einen prozentualen Abzug auf jeden voll- und teilstationären Abrechnungsfall, der greift, wenn ein Krankenhaus bestimmte digitale Pflichtdienste nicht fristgerecht beauftragt oder umgesetzt hat. Rechtsgrundlage ist §5 Abs.3h KHEntgG.

Seit dem 1. Januar 2026 greifen die Abschläge auf fünf digitale Pflichtdienste. Wer bis zum 31. Dezember 2025 nicht mindestens die Beauftragung nachweisen konnte, zahlt bei jedem Abrechnungsfall drauf:

Pflichtdienst Abschlag
Patientenportale 0,5 %
Digitale Pflege- und Behandlungsdokumentation 0,6 %
Klinische Entscheidungsunterstützungssysteme 0,2 %
Digitales Medikationsmanagement 0,4 %
Digitale Leistungsanforderung 0,3 %
Maximaler Gesamtabschlag 2,0 %

Für ein mittelgrosses Krankenhaus mit 15.000 stationären Fällen pro Jahr und einem durchschnittlichen Erlös von 5.000 Euro pro Fall bedeutet der maximale Abschlag von 2% einen Verlust von 1,5 Millionen Euro jährlich. Das sind keine theoretischen Zahlen – das ist der Betrag, den Kliniken verlieren, die alle fünf Pflichtdienste nicht fristgerecht beauftragt haben.

Die Eskalation geht weiter: Ab Ende 2027 müssen mindestens 60% der stationären Fälle digital dokumentiert werden, ab Ende 2028 sind es 70%. Wer die Beauftragung zwar nachweist, aber die Nutzungsquoten verfehlt, wird erneut sanktioniert.

Estland, Dänemark, Deutschland: Ein ernüchternder Vergleich

Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung, der 17 OECD-Länder vergleicht, belegt Deutschland Platz 16. Nur Polen schneidet schlechter ab. An der Spitze stehen Estland und Dänemark, die seit über einem Jahrzehnt vormachen, wie digitale Gesundheitsversorgung funktioniert.

In Estland haben 99% der Bevölkerung eine digitale Patientenakte, 100% der Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken sind an das nationale System ENHIS angebunden. Das Fundament ist die X-Road-Infrastruktur, die seit 2002 alle öffentlichen und privaten IT-Systeme des Landes interoperabel verbindet.

Dänemark erreicht nahezu 100% bei E-Rezepten und eine Nutzungsrate von über einem Drittel der Bevölkerung beim Gesundheitsportal sundhed.dk – monatlich 1,7 Millionen Zugriffe. Die Anbindung der Allgemeinärzte und Apotheken liegt bei 100%, Fachärzte bei 98%.

Was beide Länder verbindet: eine zentrale politische Steuerung mit verbindlichen Zielen, klare Interoperabilitätsstandards von Anfang an und einen sichtbaren Nutzen für die Bürger. Die Bertelsmann Stiftung identifiziert fünf Erfolgsfaktoren: starke Governance, zentrale Steuerung statt föderalem Flickenteppich, klare Interoperabilitätsstandards, eine positive Fehlerkultur und sichtbaren Mehrwert für Bürger.

Deutschland hat stattdessen 130 Krankenkassen mit unterschiedlichen Apps, eine Gematik, die zwischen Ministerialsteuerung und Industriekoordination zerrieben wird, und 16 Bundesländer mit eigenen Digitalisierungsstrategien. Das Ergebnis: selbst das ambitionierte KHZG-Förderprogramm konnte die strukturelle Fragmentierung nicht überwinden. PwC schätzt, dass Kliniken rund 16% der Digitalisierungskosten selbst tragen müssen, die laufenden Betriebskosten sogar zu 50 bis 100% (PwC, November 2023).

Was IT-Verantwortliche jetzt tun sollten

Die Situation ist unbefriedigend, aber nicht aussichtslos. Wer jetzt die richtigen Prioritäten setzt, kann die Abschläge vermeiden und gleichzeitig die Grundlage für eine echte Digitalisierung des Klinikbetriebs legen.

1. KIS-Update-Status klären und eskalieren. 18% der Kliniken warten noch auf ihr Update. Wenn der KIS-Hersteller nicht liefert, muss das schriftlich dokumentiert werden – auch als Nachweis gegenüber den Kostenträgern, dass die Verzögerung nicht selbstverschuldet ist.

2. Pilotstation definieren und starten. Der Sprung von 7% auf 40% Pilotbetrieb zeigt: Wer anfängt, kommt voran. Eine Station reicht für den Anfang. Wichtig ist, dass nicht nur die Technik steht, sondern dass Ärzte und Pflegekräfte die ePA in ihren Workflow integrieren.

3. Beauftragungsnachweise für alle fünf Pflichtdienste sichern. Die Abschläge greifen bei fehlender Beauftragung – nicht erst bei fehlender Umsetzung. Ein unterzeichneter Vertrag oder Projektauftrag kann den Abschlag verhindern, auch wenn die Implementierung noch läuft.

4. Schulungskonzept aufsetzen. Die DKI-Umfrage zeigt klar: Der Engpass liegt nicht in der Technik, sondern in der Organisation. Schulungen für Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal sollten parallel zur technischen Implementierung laufen – nicht erst danach.

5. Den Blick nach vorn richten. Die ePA ist kein isoliertes IT-Projekt. Sie ist die Grundlage für den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS), der ab 2029 den grenzüberschreitenden Austausch von Patientendaten vorsieht. Wer jetzt die Basis schafft, positioniert sein Haus für die nächste Stufe der Vernetzung. Wer wartet, muss in drei Jahren unter noch grösserem Zeitdruck nachziehen.

Häufige Fragen

Wie hoch ist die Opt-out-Quote bei der ePA?

Im Durchschnitt haben rund 5% der gesetzlich Versicherten der ePA widersprochen. Die Quote variiert je nach Krankenkasse: Bei der AOK liegt sie bei 4,3%, bei der Techniker Krankenkasse bei 7%, bei der KKH bei 10%. Die Widerspruchszahlen stagnieren seit dem Rollout im April 2025.

Was passiert, wenn ein Krankenhaus den Digitalisierungsabschlag nicht vermeidet?

Der Abschlag wird auf jeden voll- und teilstationären Abrechnungsfall erhoben und kann bis zu 2% des Fallerlöses betragen. Für ein Haus mit 15.000 Fällen pro Jahr und 5.000 Euro durchschnittlichem Erlös sind das bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich. Ab Ende 2027 werden zusätzlich Nutzungsquoten von mindestens 60% geprüft.

Wie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich bei der digitalen Patientenakte ab?

Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung belegt Deutschland Platz 16 von 17 untersuchten OECD-Ländern. Estland (Platz 1) hat 99% Abdeckung und 100% Arzt-Anbindung seit über einem Jahrzehnt. Dänemark erreicht nahezu 100% bei E-Rezepten mit 1,7 Millionen monatlichen Nutzern des nationalen Gesundheitsportals.

Wie hoch ist das Einsparpotenzial durch die ePA?

Laut McKinsey eHealth Monitor 2025 könnte die ePA allein rund 7 Milliarden Euro einsparen – durch weniger Doppeluntersuchungen, effizientere Kommunikation zwischen Leistungserbringern und schnelleren Zugang zu Patientendaten. Das Gesamtpotenzial der Digitalisierung im Gesundheitswesen beziffert McKinsey auf 42 Milliarden Euro pro Jahr.

Ist die ePA sicher?

Der Chaos Computer Club deckte Ende 2024 theoretische Zugriffsmöglichkeiten auf fremde Akten auf, die Gematik schloss die Lücke vor dem bundesweiten Rollout. Im Februar 2026 kam es zu zwei Vorfällen: einem achtstündigen TI-Ausfall durch einen Rechenzentrumsfehler und einer Datenpanne bei der AOK Bayern, bei der 6.400 Akten irrtümlich gesperrt wurden. In keinem Fall gingen Daten verloren, aber die Vorfälle zeigen, dass die Infrastruktur noch reift.

Quelle Titelbild: Pexels / MART PRODUCTION (px:7089625)

Quelle Titelbild: Pexels / Pavel Danilyuk (px:8442619)

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