Embedded Finance 2026: Bankdienstleistungen im B2B-Alltag
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Embedded Finance verwandelt Nicht-Banken in Finanzdienstleister. Ein Maschinenbauer, der seinen Kunden direkt im Bestellprozess eine Finanzierung anbietet. Ein SaaS-Anbieter, der Working Capital über sein Dashboard bereitstellt. McKinsey prognostiziert für Europa 100 Milliarden Euro Umsatz bis 2030. Der B2B-Bereich wächst dabei fast viermal schneller als das Konsumentengeschäft. Was bedeutet das für den deutschen Mittelstand?
Das Wichtigste in Kürze
- 100-Milliarden-Markt in Europa: McKinsey prognostiziert bis 2030 Embedded-Finance-Umsätze von 100 Milliarden Euro in Europa, dreimal schneller gewachsen als klassische Bankprodukte in den letzten zehn Jahren.
- B2B-Payments vervierfachen sich: Laut Bain wachsen B2B-Embedded-Payments von 700 Mrd. US-Dollar (2021) auf 2.600 Mrd. US-Dollar bis 2026.
- 🇩🇪 Deutschland 33 Milliarden US-Dollar: Der deutsche Embedded-Finance-Markt erreicht 2025 rund 33 Milliarden US-Dollar, mit weiterem Wachstum auf 44 Milliarden bis 2030 (Research and Markets).
- BaFin-Warnsignal Solaris: 18 Monate Sonderaufsicht und 6,5 Millionen Euro Bußgeld gegen Deutschlands führenden BaaS-Anbieter zeigen die regulatorischen Risiken.
- PSD3 kommt: Die neue Payment Services Regulation ersetzt PSD2. Veröffentlichung im EU-Amtsblatt wird Ende Q2 2026 erwartet. Schärfere Open-Banking-Regeln und klarere Haftungsverteilung zwischen Plattform und Lizenzpartner.
Warum jedes B2B-Unternehmen Finanzprodukte einbetten kann
Embedded Finance funktioniert über ein dreistufiges Modell. Auf der untersten Ebene sitzt ein lizenzierter Finanzdienstleister, der die regulatorische Infrastruktur bereitstellt: Banklizenz, BaFin-Aufsicht, Compliance-Framework. In Deutschland ist Solaris SE der bekannteste Anbieter in diesem Segment, die sogenannte Banking-as-a-Service-Schicht (BaaS). Darüber liegt eine API-Schicht, die Finanzprodukte als programmierbare Bausteine bereitstellt: Konten, Zahlungen, Kredite, Versicherungen. Ganz oben steht die Plattform des Nicht-Finanzunternehmens, die diese Bausteine in ihr Produkt einbettet.
Das Ergebnis: Ein ERP-System kann seinem Nutzer direkt eine Rechnungsfinanzierung anbieten. Eine Beschaffungsplattform integriert Warenkredite in den Checkout. Ein Flottenmanager bietet Versicherungen pro Fahrzeug an, ohne selbst Versicherungsprodukte zu entwickeln. Die Plattform wird zum Finanzdienstleister, ohne je eine Banklizenz beantragt zu haben.
„Die Embedded-Finance-Revolution, die den Konsumentenzahlungsverkehr transformiert hat, verändert jetzt den B2B-Handel. 2025 integrieren Unternehmen Working Capital, virtuelle Karten und automatisierte Workflows direkt in ihre Plattformen.“
Sandy Weil, Chief Revenue Officer Galileo Financial Technologies (PYMNTS, 2025)
B2B überholt B2C
Die öffentliche Wahrnehmung von Embedded Finance ist stark konsumgetrieben: Klarna im Online-Shop, Apple Pay im Supermarkt, BNPL beim Schuhkauf. Doch die eigentliche Wachstumsdynamik liegt im B2B-Segment. Laut Bain wachsen B2B-Embedded-Payments von 700 Mrd. US-Dollar (2021) auf 2.600 Mrd. US-Dollar bis 2026, fast eine Vervierfachung. B2B-Lending steigt im selben Zeitraum von 12 auf 50 bis 75 Milliarden USD.
Der Grund: B2B-Zahlungen sind komplex, fragmentiert und oft noch papierbasiert. Rechnungskauf, Vorkasse, Zahlungsziele von 30 bis 90 Tagen, Skonti, Warenkreditversicherungen. Jeder dieser Schritte ist ein Reibungspunkt, den Embedded Finance eliminieren kann. Laut einer PYMNTS-Studie von 2026 berichten 54 Prozent aller B2B-Plattformen direkte Umsatzsteigerungen durch eingebettete Finanzprodukte. Bei Plattformen mit über einer Milliarde US-Dollar Jahresumsatz sind es 67 Prozent.
Deutschland: Solaris, Billie, Mondu und das BaFin-Problem
Das deutsche Embedded-Finance-Ökosystem hat in Berlin seine Hauptstadt. Solaris SE, 2016 gegründet und mit Vollbanklizenz seit 2017, war lange der bevorzugte BaaS-Partner für Fintechs wie Vivid Money und Grover. Billie und Mondu bieten B2B-spezifische Lösungen: Rechnungskauf und Ratenzahlung für Geschäftskunden, direkt in den Checkout integriert.
Doch das Solaris-Beispiel zeigt auch die Risiken. Im Januar 2023 ordnete die BaFin Maßnahmen gegen Solaris an: Defizite im Risikomanagement und in der Geldwäscheprävention. Ein Sonderbeauftragter wurde bestellt. Im März 2024 folgte ein Bußgeld von 6,5 Millionen Euro wegen systematisch verspäteter Verdachtsmeldungen. Über 18 Monate konnte Solaris keine neuen Fintech-Kunden onboarden.
Die Konsequenz für den Mittelstand: Eine Banklizenz zu halten ist aufwendiger als sie zu bekommen. Wer Embedded Finance über einen BaaS-Partner einbettet, übernimmt regulatorisches Risiko. Wenn der Partner unter Aufsicht gerät, steht die eigene Finanzdienstleistung still. Due Diligence beim Lizenzpartner ist keine Formalität, sondern geschäftskritisch.
Neuer CEO bei Solaris: Neustart unter verschärfter Aufsicht
Ende 2025 übernahm Steffen Jentsch die CEO-Position bei Solaris. Sein erklärtes Ziel: „Durable growth built on regulatory strength and commercial execution.“ Die Botschaft ist klar. Solaris positioniert sich nicht mehr als schnelles Fintech, sondern als regulatorisch robuster Infrastruktur-Anbieter. Für potenzielle Partner ist das ein positives Signal, weil es bedeutet, dass Compliance nicht mehr als Nebensache behandelt wird. Gleichzeitig zeigt der CEO-Wechsel, wie tief die BaFin-Intervention das Unternehmen getroffen hat.
Das breitere Ökosystem hat daraus gelernt. Neue BaaS-Anbieter setzen von Anfang an auf Multi-Partner-Strategien: Statt sich auf einen einzigen Lizenzgeber zu verlassen, arbeiten Plattformen mit mehreren Bankpartnern gleichzeitig. Das erhöht die Komplexität, reduziert aber das Single-Point-of-Failure-Risiko erheblich. Für den Mittelstand, der Embedded Finance einbettet, ist das eine strategische Überlegung, die in keinem Evaluierungsprozess fehlen sollte.
Otto, Ratepay und die Retail-Blaupause
Die Otto Group zeigt, wie ein Handelskonzern Finanzdienstleistungen zur eigenständigen Umsatzquelle macht. Das Financial-Services-Segment (über die Eos Group) erzielte im Geschäftsjahr 2024/25 einen Umsatz von knapp 1,1 Milliarden Euro, ein Plus von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Otto betreibt einen eigenen Payment Service Provider und kooperiert mit Ratepay für BNPL-Lösungen im Checkout.
Das Modell lässt sich auf B2B übertragen. Ein Maschinenbau-Zulieferer mit eigenem Webshop könnte Bestellfinanzierung integrieren, ohne Bankinfrastruktur aufzubauen. Ein Software-Anbieter könnte Vorauszahlungsrabatte automatisiert berechnen und anbieten. Die technischen Bausteine existieren, der regulatorische Rahmen ist definiert. Was fehlt, ist oft nur die strategische Entscheidung, Finanzprodukte als Teil des eigenen Wertangebots zu begreifen.
PSD3, DORA und die Compliance-Landschaft
Die regulatorische Landschaft für Embedded Finance wird komplexer. Die Payment Services Regulation (PSR), die zusammen mit PSD3 die bisherige PSD2 ablöst, wird voraussichtlich Ende Q2 2026 im EU-Amtsblatt veröffentlicht. Sie bringt schärfere Open-Banking-Anforderungen, stärkere Verbraucherrechte und eine klarere Haftungsverteilung zwischen BaaS-Anbieter und Frontend-Plattform.
Gleichzeitig greift seit Januar 2025 der Digital Operational Resilience Act (DORA). Alle regulierten Finanzmarktteilnehmer, also auch BaaS-Anbieter wie Solaris, müssen ICT-Risikomanagement, Incident Reporting und Third-Party-Risk-Management nachweisen. Ihre Kunden, die Plattformen, sind mittelbar betroffen: Wenn der Lizenzpartner DORA-Anforderungen nicht erfüllt, steht die gesamte Finanzdienstleistung auf dem Spiel.
Laut einer PwC-Analyse bezeichnen 80 Prozent der Sponsor Banks (also der Lizenzgeber) Compliance als „challenging“. Das Hauptproblem: fehlende Kontrolle über die Policy-Implementierung bei Fintech-Partnern. Die organisatorische Reife entscheidet über den Erfolg mindestens ebenso wie die technische Integration.
Warum B2C-BNPL abkühlt und B2B durchstartet
Im Konsumentengeschäft zeigen sich erste Sättigungseffekte. Die CAGR des deutschen BNPL-Marktes sank von 19,4 Prozent (2021 bis 2024) auf prognostizierte 8,3 Prozent für den Zeitraum 2025 bis 2030. Klarna, Ratepay und PayPal haben den Markt weitgehend aufgeteilt. Neue Anbieter finden kaum noch Nischen.
Im B2B-Segment ist die Dynamik eine andere. Hier dominieren noch manuelle Prozesse: Überweisungen, Zahlungsziele per Handschlag, Kreditprüfungen über die Hausbank. Jeder dieser Schritte ist ein Ansatzpunkt für Embedded Finance. Das Volumen ist höher, die Margen sind besser, und die Kundenbindung durch eingebettete Finanzprodukte ist stärker als im Konsumentengeschäft. Ein B2B-Kunde, der seine Beschaffungsfinanzierung über die Plattform seines Lieferanten abwickelt, wechselt nicht so leicht wie ein Konsument, der zwischen Klarna und PayPal hin und her springt.
Für den Mittelstand bedeutet das: Der Einstieg in Embedded Finance muss nicht über BNPL im Webshop laufen. Die ergiebigeren Anwendungsfälle liegen in der B2B-Finanzierung, im Working Capital Management und in der automatisierten Bonitätsprüfung. Unternehmen wie Creditsafe zeigen, wie sich Bonitätsprüfungen nahtlos in Beschaffungsprozesse integrieren lassen.
Einstiegsstrategien für den Mittelstand
● Payment-Integration als erster Schritt: Zahlungsoptionen im eigenen Webshop oder B2B-Portal erweitern. Rechnungskauf, SEPA-Lastschrift und Kartenzahlung über einen Embedded-Payment-Anbieter einbinden. Niedrigste regulatorische Hürde, schnellster ROI.
● Trade Credit für Bestandskunden: Bestehenden Kunden automatisierte Zahlungsziele oder Warenkredite anbieten. Billie und Mondu bieten fertige Integrationen für gängige Shop-Systeme.
● Working Capital als Plattform-Feature: SaaS-Anbieter und Marktplatzbetreiber können ihren Nutzern Betriebsmittelkredite als Feature anbieten. Der Umsatz wird zum Kreditkriterium, nicht die Bankbilanz.
● Due Diligence beim Lizenzpartner: BaFin-Status prüfen, Sonderbeauftragten-Historie recherchieren, Exit-Klauseln im Vertrag sicherstellen. Ein einzelner Lizenzpartner ist ein Single Point of Failure.
Was Embedded Finance für die Bilanz bedeutet
Embedded Finance verändert nicht nur Prozesse, sondern auch Bilanzkennzahlen. Plattformen, die Zahlungsverkehr einbetten, binden Liquidität auf neue Weise: Zahlungsziele, die der Plattformbetreiber seinen Kunden gewährt, erscheinen als Forderungen in der Bilanz. Working-Capital-Lösungen, die über die Plattform ausgereicht werden, verändern das Risikoprofil. Auch wenn der BaaS-Partner das Kreditrisiko formal trägt, können Rückbuchungen, Zahlungsausfälle und Dispute-Kosten auf die Plattform durchschlagen.
Für CFOs im Mittelstand heißt das: Embedded Finance ist kein reines IT-Projekt. Es muss im Finanzcontrolling abgebildet werden, in der Risikobewertung berücksichtigt und in der Wirtschaftsprüfung darstellbar sein. Unternehmen, die das von Anfang an mitdenken, vermeiden böse Überraschungen bei der nächsten Jahresabschlussprüfung. McKinseys Europa-Prognose von 100 Milliarden Euro bis 2030 klingt verlockend, aber diese Umsätze kommen nicht ohne neue Risikokategorien in der Bilanz.
Die gute Nachricht: Genau diese Komplexität schafft Differenzierung. Unternehmen, die Embedded Finance sauber implementieren, mit solider Governance, klaren Partnern und transparenter Bilanzierung, bauen einen Wettbewerbsvorteil auf, der schwer zu kopieren ist. Der Markt belohnt nicht die Schnellsten, sondern die Robustesten.
Fazit: Finanzprodukte werden zum Produktmerkmal
Embedded Finance ist keine Fintech-Nische mehr. Es ist ein Infrastrukturtrend, der die Grenze zwischen Finanz- und Nichtfinanzunternehmen auflöst. Für den B2B-Mittelstand liegt darin eine doppelte Chance: als Nutzer von Embedded Finance die eigene Wertschöpfungskette zu vereinfachen, und als Anbieter Finanzprodukte in das eigene Kundenangebot einzubetten.
Die Risiken sind real, wie Solaris zeigt. Aber die Alternative, Finanzdienstleistungen weiterhin als separaten, externen Prozess zu behandeln, wird zunehmend zum Wettbewerbsnachteil. 54 Prozent der B2B-Plattformen berichten bereits Umsatzsteigerungen. Wer wartet, bis die restlichen 46 Prozent aufgeholt haben, wird feststellen, dass der Einstieg dann teurer und der Markt enger geworden ist.
Häufige Fragen
Was ist Embedded Finance?
Embedded Finance bezeichnet die Integration von Finanzdienstleistungen in Nicht-Finanzprodukte. Statt zur Bank zu gehen, erhält der Kunde Zahlungen, Kredite oder Versicherungen direkt in der Plattform, die er bereits nutzt, etwa im ERP-System, im B2B-Marktplatz oder im Flottenmanagement.
Braucht mein Unternehmen eine Banklizenz für Embedded Finance?
Nein. Embedded Finance funktioniert über lizenzierte Partner (BaaS-Anbieter), die die regulatorische Infrastruktur bereitstellen. Ihr Unternehmen integriert die Finanzprodukte über APIs, ohne selbst eine BaFin-Lizenz zu benötigen. Allerdings tragen Sie ein mittelbares regulatorisches Risiko, wenn Ihr Partner unter Aufsicht gerät.
Wie groß ist der Embedded-Finance-Markt in Deutschland?
Der deutsche Markt erreicht laut Research and Markets 2025 rund 33 Milliarden US-Dollar und soll bis 2030 auf 44 Milliarden US-Dollar wachsen. Europaweit prognostiziert McKinsey 100 Milliarden Euro Umsatz bis 2030, was dann 10 bis 15 Prozent der gesamten Bankumsätze entspräche.
Was ist der Unterschied zwischen Embedded Finance und Open Banking?
Open Banking (PSD2) verpflichtet Banken, Kontodaten über APIs zugänglich zu machen. Embedded Finance geht weiter: Es integriert vollständige Finanzprodukte, nicht nur Daten, in Nicht-Finanzplattformen. Open Banking ist ein Enabler für Embedded Finance, aber nicht dasselbe.
Welche Risiken hat Embedded Finance für den Mittelstand?
Die drei Hauptrisiken sind: Regulatorisches Risiko durch Abhängigkeit vom Lizenzpartner (Solaris-Beispiel), Compliance-Aufwand durch DORA, PSD3 und BaFin-Anforderungen, sowie Datenschutz-Risiken durch die Verarbeitung sensibler Finanzdaten unter DSGVO. Due Diligence beim Partner und vertragliche Exit-Klauseln sind essenziell.
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Quelle Titelbild: Karolina Grabowska / Pexels

