Gründerszene: Wie Startups den Funding-Winter überwinden
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8,4 Milliarden Euro Risikokapital flossen 2025 in deutsche Startups – ein Plus von 19 Prozent und das dritthöchste Ergebnis in der Geschichte des deutschen Ökosystems. Die Erholung nach dem Funding-Winter ist real. Aber sie sieht anders aus als der Boom zuvor: Das Kapital konzentriert sich auf wenige Gewinner, Defense-Tech überholt FinTech, und wer keine echten Umsätze vorweisen kann, geht leer aus.
Das Wichtigste in Kürze
- 8,4 Milliarden Euro Funding: Das deutsche Startup-Ökosystem hat 2025 rund 8,4 Milliarden Euro eingeworben – nach 7,0 Milliarden in 2024 und dem Tiefpunkt von 6,0 Milliarden in 2023 (EY Startup-Barometer 2025).
- 18 Mega-Runden über 100 Millionen: 18 Mega-Runden über 100 Millionen Euro trieben den Aufschwung – 2024 waren es nur 12. Das Kapital konzentriert sich auf bewiesene Gewinner.
- KI dominiert die Deals: Defense-Tech und Climate-Tech sind die neuen Leitbranchen: Helsing (600 Mio. Euro), Quantum Systems (340 Mio. Euro) und 1KOMMA5° (150 Mio. Euro) dominieren die größten Runden.
- Weniger Deals, mehr Kapital: Die Deal-Anzahl sinkt weiter – weniger Startups bekommen mehr Geld. Für Frühphasen-Gründer bleibt der Markt schwierig.
- Helsing mit Rekordbewertung: Helsing erreicht mit 12 Milliarden Euro Bewertung den höchsten Wert eines deutschen Defense-Tech-Startups – höher als die meisten börsennotierten Rüstungskonzerne Europas (Crunchbase, 2025).
Die Anatomie der Erholung
Die Zahlen erzählen eine Geschichte in zwei Akten. Akt eins: Deutschland erreicht 2022 mit rund 17 Milliarden Euro Risikokapital einen historischen Höhepunkt. Nullzinsen, FOMO und die Post-Covid-Euphorie treiben die Bewertungen. Jedes SaaS-Startup mit einem Pitch-Deck bekommt Geld.
Akt zwei: Die Zinswende kommt. 2023 stürzt das Volumen auf 6 Milliarden Euro ab – ein Rückgang von 65 Prozent in zwei Jahren. Die Venture-Capital-Branche spricht vom Funding-Winter. Startups, die auf ewiges Wachstum gebaut hatten, gehen die Mittel aus.
2025 zeigt den dritten Akt: Die Erholung. Aber sie folgt anderen Regeln. Investoren finanzieren nicht mehr Visionen, sondern Ergebnisse. Die 18 Mega-Runden des Jahres gingen ausnahmslos an Unternehmen mit nachgewiesenem Product-Market-Fit, realen Umsätzen oder strategischer Relevanz – ein Muster, das auch Deutschlands KI-Ökosystem mit 935 Startups zeigt.
Helsing: 600 Millionen für Europas Verteidigung
Die größte Startup-Runde des Jahres ging an ein Münchener Unternehmen, das 2021 gegründet wurde und KI-gestützte Verteidigungssoftware entwickelt. Helsing sammelte im Juni 2025 eine Series D über 600 Millionen Euro ein – bei einer Bewertung von 12 Milliarden Euro.
Hinter der Runde stehen Namen, die normalerweise nicht in deutsche Startups investieren: Prima Materia (der Fonds von Spotify-Gründer Daniel Ek), General Catalyst, Accel und der schwedische Rüstungskonzern SAAB. Europäische Verteidigungstechnologie ist kein Nischenthema mehr, sondern ein geopolitischer Imperativ – eine Dynamik, die auch die NIS2-Richtlinie im Cybersecurity-Sektor antreibt.
Helsings Software verarbeitet Sensordaten aus Luft, Land, See, Cyber und Weltraum in Echtzeit. Die Bundeswehr, die französische Armee und mehrere NATO-Partner setzen die Technologie bereits ein. Für deutsche Investoren ist das ein Paradigmenwechsel: Zum ersten Mal wird ein deutsches Defense-Tech-Startup höher bewertet als die meisten börsennotierten Rüstungskonzerne Europas.
„Europa hat bewiesen, dass es in jeder Phase des Startup-Lebenszyklus konkurrenzfähig ist. Die Rekordsummen bei Mega-Runden zeigen: Kapital bleibt dort, wo die besten Teams Ergebnisse liefern.“
– Tom Wehmeier, Partner Atomico, State of European Tech 2024
Quantum Systems: Drohnen aus München für die NATO
Das zweite große Signal kam aus dem gleichen Sektor. Quantum Systems, ein Münchener Hersteller unbemannter Drohnensysteme, schloss im November 2025 eine Series-C-Extension über 180 Millionen Euro ab – nachdem bereits im Mai 2025 eine Series C über 160 Millionen Euro geflossen war. Gesamtkapital 2025: 340 Millionen Euro, Bewertung über 3 Milliarden.
Unter den Investoren: Balderton Capital, Peter Thiel und die Porsche Automobil Holding. Quantum Systems ist kein Prototyp-Hersteller – die Drohnen sind bereits bei NATO-Partnern im Einsatz, unter anderem in der Ukraine. Die Fähigkeit, innerhalb von Monaten von der Entwicklung in die Serienproduktion zu gehen, unterscheidet Quantum Systems von europäischen Verteidigungsprojekten, die Jahre brauchen – ähnlich wie Deutschlands Hidden Champions ihre Agilität als Wettbewerbsvorteil nutzen.
Climate-Tech: Der stille Gewinner
Neben Defense-Tech war Climate-Tech der zweite große Gewinner des Jahres. 1KOMMA5° aus Hamburg – ein Anbieter für Heimelektrifizierung und virtuelles Kraftwerksmanagement – sicherte sich eine Pre-IPO-Runde über 150 Millionen Euro. Das Unternehmen gilt als Climate-Tech-Unicorn und bereitet nach eigenen Angaben einen Börsengang vor. Die Energiewende als Geschäftsmodell zieht damit nicht nur Industriekonzerne, sondern auch Wachstumskapital an.
Das Muster ist klar: Deutsche Startups, die reale physische Infrastruktur mit Software verbinden – Verteidigung, Energie, Hardware – bekommen Kapital. Reine Software-Plays ohne klare Differenzierung haben es deutlich schwerer als vor drei Jahren.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Für IT-Entscheider im Mittelstand hat die Startup-Erholung direkte Konsequenzen. Erstens: Die überlebenden Startups sind reifer, profitabler und zuverlässiger als Partner. Wer 2023 keinen Kunden überzeugen konnte, existiert nicht mehr. Zweitens: In Bereichen wie KI-gestützte Regulierung unter dem EU AI Act, Energiemanagement und industrielle Automatisierung entstehen deutsche Anbieter, die eine echte Alternative zu US-Plattformen darstellen.
Die Warnung: Die Erholung ist fragil. Sie hängt an wenigen Mega-Runden und einem geopolitischen Umfeld, das Defense-Spending begünstigt. Ob der Aufschwung in die Breite geht – zu Seed-Runden, zu B2B-SaaS, zu Deep-Tech-Ausgründungen aus Universitäten – wird sich 2026 zeigen.
Häufige Fragen
Weiterführende Lektüre
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- Cybersecurity-Trends 2026: Die 7 Entwicklungen, die Security-Entscheider kennen müssen – SecurityToday
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Quelle Titelbild: Pexels / RDNE Stock project

