Mybusinessfuture Gruenedigitalisierung - UK-Studie: Solarenergie ist im globalen Strommix auf der Überholspur
07.11.2023

Solarenergie dominiert den globalen Strommix

5 Min. Lesezeit

Aktualisiert am 11. Mai 2026 · Ursprünglich veröffentlicht 7. November 2023

Eine Studie der University of Exeter sieht den globalen Solar-Tipping-Point bereits überschritten: Photovoltaik wird laut Modellrechnung bis Mitte des Jahrhunderts mehr als die Hälfte des weltweiten Strommix stellen. Deutschland deckt heute zwar 44 Prozent aus Erneuerbaren, kommt bei Solar aber erst auf rund 10 Prozent – ein Hebel, der für Industriestandorte und Rechenzentrums-Betreiber im Mittelstand zur Strategiefrage wird.

Das Wichtigste in Kürze

  • Studie: University of Exeter (veröffentlicht in Nature Communications, DOI 10.1038/s41467-023-41971-7) sieht den globalen Solar-Tipping-Point überschritten – Solar wird bis Mitte des Jahrhunderts dominante Stromquelle.
  • DE-Status: 44 Prozent des 2022 erzeugten Stroms (571,3 Milliarden kWh) aus Erneuerbaren – Wind 21,7 Prozent, Photovoltaik 10,5 Prozent (Umweltbundesamt).
  • Preis-Wende: Ab 2027 wird Solar laut Modell günstigste Stromquelle in fast allen Märkten ausserhalb Skandinaviens, Norwegens und Schwedens.
  • Konsequenz: Standort- und PPA-Strategien (Power Purchase Agreements) für Rechenzentren und energieintensive Industrien rücken in Richtung Iberien, Nordafrika und sonnenreiche Süd-Märkte.

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Was die Exeter-Studie genau zeigt

Die Forschergruppe um Femke Nijsse hat in Nature Communications ein Energie-Modell vorgestellt, das die Lernkurve von Solar-Modulen, Speichern und Wechselrichtern über alle relevanten Märkte hinweg projiziert. Kernaussage: Die kumulierten Stückkostenrückgänge sind so stark, dass Solar in immer mehr Regionen ohne Subvention günstigster Stromträger wird. Der „Tipping-Point“ sei bereits überschritten, nicht mehr eine Frage von ob, sondern wie schnell.

Auch die University of Exeter selbst ordnet die Befunde in ihrer Faculty-of-Environment-Mitteilung ein: ohne flankierende Politik landet das System nicht automatisch bei Netto-Null, aber Solar wird ökonomisch zum Treiber, nicht zum Bremsklotz.

Deutschland in Zahlen: Wind führt, Solar holt auf

Laut Umweltbundesamt stammten 2022 rund 44 Prozent der 571,3 Milliarden Kilowattstunden Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Wind lag mit 21,7 Prozent vor Photovoltaik mit 10,5 Prozent, dahinter folgten Biomasse und Wasserkraft. Trotz Solar-Zubau bleibt der Anteil also unter den Erwartungen vieler Energieszenarien – der Engpass liegt vor allem bei Flächen, Netzanschluss-Wartezeiten und Speicherausbau.

Für Industriebetriebe und Mittelstands-Standorte heißt das: Eigenverbrauchs-PV auf Dächern und Industriebrachen liefert das schnellste Reduktionspotenzial bei Strombezugskosten. Wer 2026 plant, sollte Lieferzeiten für Mittelspannungs-Anschluss und Batteriespeicher früh budgetieren.

2027 als Preis-Schwelle

Die Exeter-Modellierung markiert das Jahr 2027 als Punkt, ab dem Solar in nahezu allen relevanten Regionen die günstigste Stromquelle wird. Ausnahmen bleiben Norwegen, Schweden, Estland, die Niederlande und Großbritannien, wo Wind die günstigere Option bleibt. Drei Jahre später soll Solar laut Modell selbst in den genannten Märkten Wind preislich einholen – ausser in Norwegen und Schweden.

Für IT-Verantwortliche ist das die eigentliche Nachricht: Strompreis-Annahmen in 5-Jahres-TCO-Modellen für Rechenzentren oder energieintensive Anwendungen (KI-Training, HPC) sollten Solar-Pfade als Default-Szenario hinterlegen, nicht mehr als Best-Case.

Was das für Rechenzentren und IT-Strategien heißt

Hyperscaler verlegen Neubauten verstärkt in sonnenreiche Regionen mit PPA-Verfügbarkeit. Iberien (Spanien, Portugal) und Nordafrika werden als Compute-Standorte attraktiver. Für deutsche Mittelständler und Konzern-Töchter heißt das: bei der Auswahl von Cloud-Regionen oder Colocation-Partnern zählt nicht nur Latenz, sondern auch die Strom-Herkunft. Scope-2-Reporting nach GHG-Protocol und CSRD verlangt zunehmend granulare Daten zur Energiequelle, nicht nur einen pauschalen Grünstrom-Hinweis.

Wer eigene Server-Räume betreibt, sollte die Hochrechnung aus PV-Eigenverbrauch plus Batteriespeicher plus Marktstrom-Rest neu kalkulieren. Speichersysteme im Industriemaßstab sind seit 2024 wirtschaftlich, die Skalen-Lernkurve setzt sich fort.

Häufige Fragen

Wie zuverlässig ist die Exeter-Studie?

Die Arbeit ist in Nature Communications peer-reviewed publiziert (Nijsse et al., 2023, DOI 10.1038/s41467-023-41971-7). Sie nutzt Lernkurven-Modelle, deren Annahmen offen liegen und in der Energiewirtschaft breit zitiert werden.

Warum stellt Deutschland nur 10 Prozent Solar, obwohl der Zubau Rekorde bricht?

Zubau und Erzeugung sind nicht dasselbe. Photovoltaik liefert nur bei Sonneneinstrahlung Strom (Kapazitätsfaktor rund 10 bis 12 Prozent in DE), Wind kommt auf höhere Vollaststunden. Erst mit Speichern und Sektorkopplung steigt der Solar-Anteil deutlich.

Was bedeutet das für PPA-Strategien im Mittelstand?

Langfristige Strom-Abnahmeverträge mit Solar-Anteil werden günstiger und kalkulierbarer. Wer 2026 PPAs verhandelt, sollte Laufzeiten von 7 bis 15 Jahren prüfen und Solar-Anteile mit Wind-Mischungen kombinieren.

Wird Atomkraft durch Solar verdrängt?

Wirtschaftlich ja, in vielen Märkten bereits heute. Politisch nicht überall: Frankreich und einige osteuropäische Länder bauen weiter Kernkraft aus. Solar verdrängt Atomstrom dort, wo Investitionsentscheidungen ohne Subvention erfolgen.

Welche Risiken gefährden den Pfad?

Engpässe bei Netzen, Speichern und kritischen Rohstoffen (Silber, Kupfer, Polysilicium), geopolitische Konzentration der Modulproduktion in China sowie Handelskonflikte. Diversifikation der Lieferketten ist die zentrale Risikoabwehr.

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