Drei Profis besprechen SAP-Migrationsstrategie
14.03.2026

SAP S/4HANA-Migration: Mittelstand vor 2027 wissen muss

7 Min. Lesezeit

Ende 2027 stellt SAP den Mainstream-Support für ECC ein. Wer bis dahin nicht auf S/4HANA migriert hat, zahlt Aufschläge für Extended Maintenance – und findet trotzdem kaum noch Berater, die das alte System kennen. 60 Prozent aller bisherigen Migrationsprojekte sind über Budget, über Zeit oder beides. Trotzdem ist Abwarten die teuerste Option.

Das Wichtigste in Kürze

  • Support-Deadline naht: SAP beendet ECC-Mainstream-Support Ende 2027, Extended Maintenance bis 2030 kostet extra (SAP, 2025).
  • Projekte überlaeufen regelmaessig: 60 Prozent der S/4HANA-Migrationen weichen bei Budget, Zeit oder Qualität ab (Horváth-Studie 2025).
  • Berater werden knapp: Consulting-Rates für SAP-Migration steigen 2026/27 um bis zu 50 Prozent gegenüber 2024.
  • Geschäftsprozesse unterschaetzt: 49 Prozent der Unternehmen nennen Prozess-Aenderungen als größte Hürde bei der Migration (Horváth, 2025).
  • Geschäftsleitung fehlt: Nur 14 Prozent der kleineren Unternehmen lassen den CEO das S/4HANA-Projekt leiten.

Die Deadline, die diesmal nicht verschoben wird

SAP hat den Termin mehrfach nach hinten geschoben – 2025, dann 2027, mit Extended Maintenance bis 2030. Das hat viele Mittelständler in eine gefährliche Komfortzone gewiegt. Doch die Rechnung ändert sich: Extended Maintenance kostet einen Aufpreis auf die reguläre Wartungsgebühr, und SAP investiert keine Entwicklungsressourcen mehr in ECC. Neue Funktionen, Sicherheitspatches für aktuelle Bedrohungen, Integration mit Cloud-Diensten – all das gibt es nur noch für moderne Systemlandschaften.

Der eigentliche Druck kommt von drei Seiten gleichzeitig:

Berater-Engpass: Die Zahl der verfügbaren SAP-Berater mit ECC-zu-S/4HANA-Erfahrung sinkt, während die Nachfrage 2026/27 ihren Höhepunkt erreicht. Laut Branchenbeobachtern steigen die Tagessätze um bis zu 50 Prozent gegenüber 2024.

Compliance-Risiken: NIS2, DORA und der EU AI Act stellen neue Anforderungen an Daten-Governance und Transparenz. Ein ECC-System ohne aktive Weiterentwicklung wird zum Compliance-Risiko.

Wettbewerbsnachteil: Unternehmen auf S/4HANA können SAPs Business AI und die Business Data Cloud nutzen – KI-gestützte Prognosen, automatisierte Beschaffung, Echtzeit-Reporting. Wer auf ECC bleibt, schaut zu.

Migrationsprojekte
60 %
weichen bei Budget, Zeit oder Qualität ab (Horváth, 2025)
Roadmap vorhanden
24 %
der Unternehmen haben eine definierte Migrations-Roadmap (Mittelstand Heute, 2024)
RISE Adoption
48 %
nutzen oder planen RISE with SAP – 2024 waren es 16 % (DSAG, 2025)

Warum 76 Prozent ohne Roadmap dastehen

Die Horváth-Studie unter 200 SAP-Nutzerunternehmen im DACH-Raum zeigt ein wiederkehrendes Muster: Die Migration wird als IT-Projekt behandelt, obwohl sie ein Transformationsprojekt ist. 49 Prozent der Befragten nennen Geschäftsprozess-Änderungen als größte Hürde, 44 Prozent Customizations aus Jahrzehnten Systempflege, 37 Prozent organisatorischen Widerstand.

Das ist keine Überraschung. Ein mittelständisches Fertigungsunternehmen, das seit 15 Jahren auf einem angepassten ECC läuft, hat Hunderte von Z-Transaktionen, eigene Reports und gewachsene Schnittstellen. Diese technische Schuld verschwindet nicht durch ein Upgrade – sie muss bewusst aufgelöst oder bewusst migriert werden.

„Die Migration auf S/4HANA ist mehr als die Einführung neuer Software – sie bedeutet die Transformation alteingesessener Abläufe hin zu zukunftsorientierten Geschäftsprozessen.“
– IT-Matchmaker / Trovarit AG, SAP-Trends 2026

Nur 17 Prozent der Unternehmen begleiten ihre Migrationsvorbereitung mit Change-Management-Maßnahmen wie Schulungen oder Prozess-Workshops. Bei kleineren Unternehmen leitet in nur 14 Prozent der Fälle der CEO das S/4HANA-Projekt, CFO oder COO sind in gerade 7 Prozent eingebunden. Das heißt: Die teuerste IT-Entscheidung des Jahrzehnts wird ohne Geschäftsführungs-Sponsorship durchgezogen.

SAPs Incentive-Programm: Warum das erste Halbjahr 2026 der richtige Zeitpunkt ist

SAP hat sein Transformation Incentive Programm für das erste Halbjahr 2026 neu aufgelegt – mit einer wesentlichen Änderung: 50 Prozent des Incentive-Werts fließen jetzt als Implementation Credit direkt in die Projektkosten. Das ist kein Marketing-Rabatt, sondern eine echte Budgetentlastung.

Konkret: Für jede zusätzliche Line of Business (Finance, HR, Procurement), die in die Cloud-Migration einbezogen wird, steigt die Gutschrift um 10 Prozent. Wer also neben dem Kern-ERP auch drei weitere Bereiche migriert, kommt auf 30 Prozent Aufschlag auf den Basis-Credit. Das Programm läuft bis zum 30. Juni 2026 und gilt rückwirkend ab dem 16. Februar.

Die Abwicklung erfolgt über autorisierte SAP-Partner. Das ist wichtig: Nicht jeder Berater kann den Incentive aktivieren. Wer das Programm nutzen will, muss mit einem zertifizierten Implementierungspartner arbeiten.

Aber: Das Incentive-Programm ist kein Allheilmittel. Es reduziert die Projektkosten, nicht die Komplexität. Wer ohne klare Roadmap und Prozessanalyse in die Migration startet, verbrennt den Credit in Nacharbeiten und Scope-Erweiterungen. Das Incentive belohnt vorbereitete Unternehmen – nicht überstürzte.

Brownfield, Greenfield oder Hybrid: Was für den Mittelstand funktioniert

Die SAP-Community diskutiert seit Jahren Brownfield vs. Greenfield. Für den typischen Mittelständler – 500 bis 5.000 Mitarbeiter, gewachsenes ECC, begrenztes IT-Team – ist die Antwort meist pragmatischer als die Theorie.

Brownfield (System-Conversion): Das bestehende System wird konvertiert, Daten und Customizations bleiben erhalten. Vorteil: Geringeres Risiko, kürzere Downtime. Nachteil: Technische Schuld wird mitgenommen. Governance-Anforderungen wie CSRD oder NIS2 erfordern dann oft Nacharbeiten.

Greenfield (Neuimplementierung): Prozesse werden neu gedacht, das System wird von Grund auf aufgesetzt. Vorteil: Maximale Innovation, Clean Start. Nachteil: Deutlich teurer, längere Laufzeit, hohes Change-Management-Risiko.

Selective Data Transition (Hybrid): Neue Prozesse werden auf S/4HANA aufgebaut, relevante Stamm- und Bewegungsdaten selektiv migriert. Unternehmen wie die Heinzel Group setzen auf diesen Ansatz – mit mehreren Release-Phasen, die das Risiko verteilen.

Der Trend geht eindeutig zu RISE with SAP: Die DSAG-Erhebung zeigt, dass 48 Prozent der Unternehmen RISE nutzen oder planen – gegenüber 16 Prozent im Vorjahr. Der Grund: RISE bündelt Lizenz, Infrastruktur und Migration in einem Paket und reduziert die Anzahl der Entscheidungen, die ein Mittelständler treffen muss.

„● Selective Data Transition (Hybrid): Neue Prozesse werden auf S/4HANA aufgebaut, relevante Stamm- und Bewegungsdaten selektiv migriert.“

Die 90-Tage-Roadmap: Was jetzt zu tun ist

Wer heute noch keine Migrationsstrategie hat, muss nicht in Panik verfallen – aber er muss jetzt anfangen. Drei Monate reichen für die Grundlagen:

Woche 1–4 – Bestandsaufnahme: Alle Z-Transaktionen, Custom Reports und Schnittstellen inventarisieren. SAPs Application Value Assessment (AVA) nutzen – kostenlos, liefert eine erste Migrationskomplexitätsanalyse.

Woche 5–8 – Prozessanalyse: Die 20 Kernprozesse identifizieren, die 80 Prozent des Geschäftswerts ausmachen. Für jeden entscheiden: Übernehmen, vereinfachen oder neu denken? Hier muss die Geschäftsführung am Tisch sitzen – nicht nur die IT.

Woche 9–12 – Partnerwahl und Incentive sichern: Drei SAP-Partner evaluieren, RISE-Angebot einholen, Transformation Incentive bis 30. Juni 2026 beantragen. Parallel: Change-Management starten, Key User identifizieren, erste Schulungen planen.

Der größte Fehler ist nicht die falsche Migrationsstrategie – sondern gar keine zu haben. 76 Prozent der Unternehmen stehen ohne definierte Roadmap da. Das ist die eigentliche Kostenfalle: Nicht die Migration selbst, sondern die Improvisation unter Zeitdruck.

Häufige Fragen

Was passiert wenn ich ECC nach 2027 weiter betreibe?

SAP bietet Extended Maintenance bis 2030 an, allerdings gegen Aufpreis auf die reguläre Wartungsgebühr. Neue Funktionen und Sicherheitspatches gibt es nicht mehr. Das System funktioniert weiter, wird aber zunehmend zum Risiko – insbesondere bei Compliance-Anforderungen wie NIS2 oder DORA.

Wie lange dauert eine typische S/4HANA-Migration im Mittelstand?

Brownfield-Migrationen dauern typischerweise 9 bis 15 Monate, Greenfield-Projekte 12 bis 24 Monate. Die tatsächliche Dauer hängt stark von der Anzahl der Customizations und der Komplexität der Prozesslandschaft ab. Selective-Data-Ansätze mit mehreren Release-Phasen können die Einzelphasen auf 6 Monate verkürzen.

Was kostet eine S/4HANA-Migration?

Die Kosten variieren stark: Für ein mittelständisches Unternehmen mit 500 bis 2.000 Usern liegen Brownfield-Migrationen typischerweise zwischen 500.000 und 2 Millionen Euro, Greenfield-Projekte können das Doppelte kosten. SAPs Transformation Incentive kann einen Teil der Implementierungskosten abfangen. Entscheidend ist eine saubere Vorbereitung – 60 Prozent der Budgetabweichungen entstehen durch unzureichende Prozessanalyse.

Lohnt sich RISE with SAP für den Mittelstand?

RISE bündelt Lizenz, Cloud-Infrastruktur und Migrationsservices in einem Vertrag. Für Unternehmen ohne große interne SAP-Teams vereinfacht das die Beschaffung erheblich – man hat einen Ansprechpartner statt fünf. Die DSAG-Erhebung 2025 zeigt: 48 Prozent der DACH-Unternehmen nutzen oder planen RISE, gegenüber 16 Prozent im Vorjahr.

Brownfield oder Greenfield – was empfehlen Berater aktuell?

Für die Mehrheit der Mittelständler empfehlen Berater einen pragmatischen Brownfield-Ansatz oder die Selective-Data-Transition. Ein reines Greenfield lohnt sich nur, wenn die bestehenden Prozesse grundlegend veraltet sind oder ein Carve-out ansteht. Unternehmen wie QD Group haben sich bewusst für Brownfield entschieden, um Downtime und Change-Management-Aufwand zu minimieren.

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Quelle Titelbild: Kampus Production / Pexels

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