Titelbild zu Quantum, Computing und Deutschland im redaktionellen Magazinkontext
03.04.2026

Quantum Computing in Deutschland: Vom Forschungslabor in die Industrie

7 Min. Lesezeit

Deutschland hat in den vergangenen Jahren rund 3 Milliarden Euro in Quantencomputing investiert. 2025 war das erste Jahr, in dem Forschungsversprechen zu konkreten kommerziellen Projekten heranreiften – darunter ein Münchner Startup, das den Deutschen Gründerpreis gewann, Europas schnellster Supercomputer in Jülich, der an den Start ging, und ein Industriekonsortium, das konkrete Logistik- und Mobilitätsaufgaben anpackt. Doch wie nah ist der echte wirtschaftliche Durchbruch?

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die deutsche Bundesregierung fördert Quantentechnologien bis 2026 mit rund 3 Milliarden Euro – eines der größten öffentlichen Quantum-Computing-Programme (QC) weltweit.
  • Das Münchner Startup planqc gewann 2025 den Deutschen Gründerpreis und baut am Leibniz-Rechenzentrum einen Quantencomputer mit 1.000 Qubits.
  • IQM Quantum Computers (München/Espoo) strebt für 2026 einen Börsengang an der Nasdaq an – als erstes europäisches QC-Unternehmen – mit einer Bewertung von rund 1,65 Milliarden Euro.
  • JUPITER in Jülich ist seit September 2025 Europas schnellster Supercomputer und wird mit einem D-Wave-Quanten-Annealer integriert.
  • Deutsche Konzerne darunter BMW, Volkswagen und SAP arbeiten im QUTAC-Konsortium zusammen, um konkrete Anwendungen zu entwickeln.

Was 2025 wirklich passiert ist

Die Vereinten Nationen haben 2025 zum Internationalen Jahr der Quantenwissenschaft ausgerufen – zum 100. Jahrestag der grundlegenden Arbeiten, die Quantenmechanik überhaupt erst möglich machten. Doch während Wissenschaftler und Politik dies feiern, stellen Entscheider in deutschen Unternehmen eine andere Frage: Wann fängt das an, Geld zu bringen oder zu sparen?

Die ehrliche Antwort: Nicht morgen – aber früher, als viele erwarten. Und wer heute zögert, die eigene Infrastruktur und die Talentpipeline vorzubereiten, wird in drei bis fünf Jahren mit hohen Aufholkosten konfrontiert.

Die öffentliche Quantenstrategie Deutschlands fällt durch ihren Ambitionsgrad und ihre Größenordnung auf. Die Bundesregierung hat bis 2026 rund 3 Milliarden Euro für Quantentechnologien reserviert – verteilt über mehrere Ministerien, mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als größtem Förderer. Das Ziel: technologische Souveränität, ein eigenes Ökosystem, das Forschung und Industrie verbindet, und am Ende ein wettbewerbsfähiger universeller Quantencomputer „Made in Germany“.

Ob diese Vision bis 2026 vollumfänglich realisiert wird, bleibt fraglich. Unbestritten ist: Das Ökosystem ist real, und die ersten wirtschaftlich relevanten Projekte laufen bereits.

Globaler Markt 2035
bis zu 89 Milliarden Euro
Gesamtvolumen des Quantentechnologiemarkts, laut McKinsey Quantum Technology Monitor 2025
QT-Startup-Investments 2024
1,8 Milliarden Euro
+50 % gegenüber 2023 – globale Venture-Capital-Finanzierungen in Quantentechnologien (McKinsey 2025)
Öffentliche Förderung Deutschland
~3 Milliarden Euro
Aktionsplan der Bundesregierung zu Quantentechnologien bis 2026

Die deutschen Akteure: Wer baut was

Drei Unternehmen verdienen im deutschen Quanten-Ökosystem besondere Aufmerksamkeit – nicht weil sie nur forschen, sondern weil sie liefern oder kurz davor stehen.

planqc (Garching bei München) entstand 2022 als erstes Startup der Munich Quantum Valley Initiative aus dem Max-Planck-Institut für Quantenoptik. Das Unternehmen entwickelt Quantenprozessoren auf Basis neutraler Atome – ein Ansatz, der sich von den supraleitenden Chips großer US-Spieler unterscheidet und theoretisch besser skalierbar ist.

Im Juli 2024 schloss planqc eine 50-Millionen-Euro-Series-A-Runde unter Führung von CATRON Holding und DTCF ab, mit Beteiligung von Bayern Kapital und dem BMBF. Ende 2024 sicherte sich das Unternehmen ein mit 20 Millionen Euro öffentlich gefördertes Projekt am Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) in Garching: Ein universell programmierbares Quantensystem mit über 1.000 Qubits soll bis etwa 2027 fertiggestellt sein. 2025 wurde planqc mit dem Deutschen Gründerpreis als Startup des Jahres ausgezeichnet.

Parallel dazu arbeitet planqc im QCMobility-Programm des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit der Beratung d-fine zusammen und bearbeitet praxisnahe Optimierungsprobleme im intermodalen Güterverkehr – genau die Art hochkomplexer Planungsaufgaben, an denen klassische Computer an ihre Grenzen stoßen.

IQM Quantum Computers mit Hauptsitz in Espoo, Finnland, unterhält seinen europäischen F&E-Hub in München. Das Unternehmen baut supraleitende Quantenprozessoren und schloss im September 2025 eine 315-Millionen-Euro-Series-B-Runde ab. Die Bewertung überstieg damit eine Milliarde Euro. Im Februar 2026 kündigte IQM an, über einen SPAC-Merger an die Nasdaq zu gehen – bewertet auf rund 1,65 Milliarden Euro. Das wäre der erste Börsengang eines europäischen Quantum-Computing-Unternehmens.

Forschungszentrum Jülich nahm im September 2025 JUPITER in Betrieb – Europas schnellster Supercomputer. Auf der globalen TOP500-Liste auf Rang 4, ist JUPITER das erste System in Europa, das ein ExaFLOP überschreitet. Im Februar 2025 integrierte das Zentrum einen D-Wave-Quanten-Annealer – der im direkten Hybridmodus mit JUPITER betrieben wird. Das ist keine Theorie mehr: Es ist Live-Infrastruktur – klassisches Hochleistungsrechnen und Quantensysteme arbeiten an derselben Berechnung.

„Die praktische Anwendung von Quantum Computing in der Industrie steckt noch in den Kinderschuhen – wer jetzt nicht in die Vorbereitung investiert, wird das Fenster komplett verfehlen.“

– BMW Group, Quantum Computing Jahresbericht 2025

QUTAC: Wenn DAX-Konzerne gemeinsam experimentieren

Das Quantum Technology and Application Consortium (QUTAC) zeigt, wie deutsche Blue-Chip-Unternehmen an Quantum Computing herangehen: kooperativ statt wettbewerbsorientiert – weil der Markt für proprietäre Insellösungen noch zu früh ist.

Zu den Gründungsmitgliedern gehören BASF, BMW Group, Boehringer Ingelheim, Bosch, Infineon, Merck, Munich Re, SAP, Siemens und Volkswagen. Deutsche Telekom und Lufthansa Industry Solutions sind kürzlich beigetreten. Das Konsortium hat einen QC-Monitor entwickelt – ein Modell mit 24 regelmäßig aktualisierten Indikatoren, die den Fortschritt bei industriellen Quantenanwendungen messbar machen.

BMW nutzt QUTAC beispielsweise für Projekte in der Materialwissenschaft, für aerodynamische Simulationen und die Pfadplanung von Robotern. Konkrete Kooperationen laufen mit Classiq und Nvidia (Optimierung von Antriebsstrang und Kühlsystem) sowie mit Airbus (Quantum Computing Challenge). Deutsche Telekom entwickelt Quantenalgorithmen für die Netzwerkoptimierung und Quantenkryptografie-Plattformen.

BMWs offenes Fazit: industriell relevante Ergebnisse bleiben schwer fassbar – aber die Richtung ist unmissverständlich.

Das unangenehme Thema: Post-Quanten-Kryptografie

Während die meisten Quantum-Computing-Diskussionen um die Erzählung „Wann kommt der Durchbruch?“ kreisen, ist ein mit Quanten verbundenes Thema für jede Organisation bereits dringend: Post-Quanten-Kryptografie (PQC).

Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) hat eine klare Position bezogen: Die klassische asymmetrische Verschlüsselung muss bis Ende 2031 durch quantenresistente Verfahren ersetzt werden. Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat 2024 seine ersten standardisierten Post-Quanten-Algorithmen finalisiert: FIPS-203, FIPS-204 und FIPS-205. Das BSI hat zusammen mit 17 europäischen Partnern dazu aufgerufen, die sensibelsten Anwendungen bis 2030 zu migrieren.

Das Problem? „Harvest Now, Decrypt Later“ (jetzt ernten, später entschlüsseln). Staatsakteure und ressourcenstarke Angreifer können heute verschlüsselte Daten abfangen und speichern – in der Hoffnung, dass künftige Quantencomputer sie später entschlüsseln. Krankenakten, Verträge, geistiges Eigentum, die heute mit RSA oder ECC verschlüsselt sind, könnten innerhalb eines Jahrzehnts lesbar werden.

Das bedeutet: Die Frist ist nicht 2031. Sie ist jetzt. Jede Organisation, die mit sensiblen Daten umgeht, deren Vertraulichkeit langfristig gesichert sein muss – Banken, Versicherer, Pharmaunternehmen, Behörden – muss sofort mit der Prüfung der eigenen Kryptografiesysteme beginnen. Das ist kein Quantum-Computing-Projekt. Das ist IT-Sicherheitshygiene.

Was Entscheider jetzt tun können

Quantum Computing ist nicht etwas, das Führungskräfte an die F&E delegieren und in fünf Jahren wieder aufgreifen können. McKinsey bezifferte die Investitionen in Quantum-Tech-Startups 2024 auf 1,8 Milliarden Euro – ein Plus von 50 % gegenüber dem Vorjahr. Wer heute startet, baut sich einen Informationsvorsprung auf, der sich auszahlt.

Drei konkrete Handlungsfelder:

1. Kryptografie-Inventar erstellen. Welche internen Systeme nutzen RSA oder Elliptic-Curve-Kryptografie? Welche Datenbestände benötigen langfristigen Schutz? Das sind die kritischen Einstiegspunkte für die PQC-Migration. Sowohl BSI als auch NIST haben Implementierungshilfen veröffentlicht – und die Migration selbst dauert Jahre, nicht Monate.

2. Das QUTAC-Modell beobachten. Das Konsortium zeigt, wie Unternehmen gemeinsam Quantenkompetenz aufbauen können, ohne die vollen F&E-Kosten allein zu tragen. Branchenverbände, Industrie- und Handelskammern und Forschungseinrichtungen bieten ähnliche Einstiege – besonders für den Mittelstand.

3. Anwendungsfälle identifizieren. Quantencomputer lösen bestimmte Optimierungsprobleme effizienter als klassische Systeme – Routenplanung, Portfoliooptimierung, Simulation von Molekülstrukturen. Organisationen, die ihre eigenen Optimierungsengpässe kennen, können Pilotprojekte gezielt aufsetzen.

Auf den „großen Durchbruch“ zu warten, bevor man handelt, ist ein strategischer Fehler. Wettbewerbsvorteile liegen nicht darin, den Quantencomputer zu besitzen – sie liegen darin, früh und präzise zu verstehen, wo und wann er eine Rolle spielt.

Häufige Fragen

Wann sind Quantencomputer für normale Unternehmen nutzbar?

Funktionale Pilotprojekte für spezifische Optimierungsprobleme existieren bereits – Logistik, finanzielle Portfolios, Molekülsimulationen. Universell programmierbare Quantencomputer werden erst für die Mitte bis das Ende der 2030er erwartet. Dennoch lohnt sich ein Start jetzt – über die Kryptografie-Migration und die gezielte Suche nach Anwendungsfällen.

Was ist Post-Quanten-Kryptografie – und warum ist sie dringend?

PQC umfasst Verschlüsselungsverfahren, die gegen Angriffe durch Quantencomputer resistent sind. Das BSI empfiehlt, die klassische asymmetrische Verschlüsselung bis 2031 zu ersetzen. Die Dringlichkeit ergibt sich aus „Harvest Now, Decrypt Later“: Angreifer sammeln heute verschlüsselte Daten, um sie später zu entschlüsseln. Das NIST hat 2024 seine ersten offiziellen PQC-Standards ratifiziert.

Wie unterscheidet sich der deutsche Quanten-Ansatz vom US-Modell?

US-Spieler wie IBM, Google und IonQ setzen stark auf supraleitende Qubits und schnelle Skalierung. Deutsche Startups wie planqc experimentieren mit neutralen Atomen – eine potenziell besser skalierbare Architektur. Deutschland setzt zudem stark auf Konsortien und öffentliche Förderung, mit klarem Fokus auf technologische Souveränität.

Wie kann der Mittelstand ohne eigene Quanten-Expertise einsteigen?

Der Einstieg mit der niedrigsten Hürde ist das Kryptografie-Inventar – ohne Quanten-Expertise, nur mit Standard-IT-Sicherheits-Know-how. Darüber hinaus bieten das Fraunhofer-Kompetenznetzwerk Quantencomputing und IHK-Netzwerke Orientierung. Cloud-Anbieter wie IBM Quantum (über Fraunhofer Ehningen) oder Microsoft Azure Quantum ermöglichen erste Pilotexperimente – ohne eigene Hardware.

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Bildquelle Header: Pachon in Motion / Pexels

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