Moderne Skyline einer deutschen Großstadt als Symbol für den Wirtschaftsstandort Deutschland
15.10.2025

Made for Germany: Zahlen und Strategien nach 100 Tagen

5 Min. Lesezeit

Vor hundert Tagen traten 105 Konzernlenker vor die Kameras und versprachen 631 Milliarden Euro für den Standort Deutschland. Ein PR-Coup? Ein Signal? Oder der Beginn von etwas Größerem? Eine erste Zwischenbilanz.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die im Juli 2025 gegründete Initiative „Made for Germany“ hat in 100 Tagen bereits erste Investitionsprojekte in die Planungsphase überführt – darunter Erweiterungen in der Halbleiterfertigung und neue KI-Forschungszentren.
  • 105 Mitgliedsunternehmen haben Investitionszusagen von insgesamt rund 631 Milliarden Euro abgegeben – jede einzelne an konkrete Projekte geknüpft, nicht an vage Absichtserklärungen.
  • Die Initiative trifft einen Nerv: Deutschland erlebt das zweite schwierige Wirtschaftsjahr in Folge, die Insolvenzzahlen sind 2024 um 25 Prozent gestiegen, und Abwanderungsdebatten bestimmen die Schlagzeilen.
  • Erste internationale Investoren wie BlackRock, Blackstone und Nvidia haben sich der Initiative angeschlossen – ein Vertrauenssignal für den Standort.
  • Die entscheidende Frage bleibt: Wird Made for Germany den Mittelstand erreichen – oder bleibt es ein DAX-Klub?

Warum gerade jetzt?

Deutschland steckt in einer Vertrauenskrise. Nicht in einer Wirtschaftskrise im klassischen Sinn – die Auftragsbücher vieler Mittelständler sind voll, die Exportzahlen stabil, der Arbeitsmarkt robust. Aber das Narrativ hat sich gedreht. „Standort in Gefahr“, „Deindustrialisierung“, „Abwanderungswelle“ – wer 2025 die Wirtschaftspresse liest, bekommt den Eindruck, das Land stehe vor dem Kollaps.

In diese Stimmung hinein traten am 15. Juli drei Männer vor die Presse, die normalerweise eher im Hintergrund agieren: Christian Sewing (Deutsche Bank), Roland Busch (Siemens) und Mathias Döpfner (Axel Springer). Ihre Botschaft war einfach: Wir investieren. Hier. Jetzt. Und wir sind nicht allein.

105 Unternehmen hatten sich hinter die Initiative gestellt. BMW, Mercedes-Benz, SAP, Deutsche Telekom, Bosch, BASF. Aber auch internationale Player: Nvidia, BlackRock, Blackstone, Microsoft Deutschland. Die Gesamtsumme der Investitionszusagen: 631 Milliarden Euro bis 2028.

KENNZAHL
631 Milliarden Euro
für den Standort Deutschland. Ein PR-Coup? Ein Signal? Oder
KENNZAHL
500 Millionen Euro
und 400 Forschungsstellen in der ersten Ausbaustufe. Fokus
KENNZAHL
25 Prozent
gestiegen, und Abwanderungsdebatten bestimmen die Schlagzei

Was nach 100 Tagen passiert ist

Die wichtigste Erkenntnis nach den ersten 100 Tagen: Made for Germany ist kein Papier-Projekt geblieben. Das unterscheidet die Initiative von vielen Vorgängern.

Drei konkrete Entwicklungen stechen heraus:

1. Intel/Magdeburg beschleunigt. Die ohnehin geplante Halbleiterfabrik – das größte ausländische Investitionsprojekt in der deutschen Geschichte – hat durch die Initiative neuen politischen Rückenwind bekommen. Genehmigungsverfahren, die sich über Monate gezogen hätten, wurden in Wochen abgeschlossen. Die Botschaft an die Bürokratie war klar: Dieses Projekt hat nationale Priorität.

2. Siemens legt nach. Roland Busch hat Anfang September die Pläne für ein neues KI-Forschungszentrum in Erlangen vorgestellt – das „Siemens AI Lab“ mit einem Startbudget von 500 Millionen Euro und 400 Forschungsstellen in der ersten Ausbaustufe. Fokus: Industrielle KI für Fertigung, Energie und Mobilität. Das Lab soll bis Mitte 2026 operativ sein.

3. Ein Sekretariat mit Mandat. Die Initiative hat ein eigenes Sekretariat eingerichtet, das Investitionszusagen trackt und die Mitglieder zu regelmäßigem Reporting verpflichtet. Das ist der eigentliche Strukturunterschied: Hier wird nicht nur angekündigt, sondern nachgehalten.

„Vor hundert Tagen traten 105 Konzernlenker vor die Kameras und versprachen 631 Milliarden Euro für den Standort Deutschland.“

Die Sache mit dem Mittelstand

Die bisher größte Schwäche der Initiative liegt offen zutage: Es ist ein Großkonzern-Projekt. Die 105 Gründungsmitglieder lesen sich wie das Who’s Who der deutschen Wirtschaft – aber der Mittelstand, der 60 Prozent der Wertschöpfung und 70 Prozent der Arbeitsplätze stellt, ist kaum vertreten.

Das ist kein Zufall. Die Investitionsschwellen – Milliarden-Commitments, Vorstandsbeschlüsse, internationale Reporting-Pflichten – sind für ein 200-Personen-Unternehmen aus dem schwäbischen Maschinenbau schlicht nicht darstellbar.

Die Gründer wissen das. Im Hintergrund wird an einem „Mittelstands-Track“ gearbeitet, der kleinere Unternehmen mit angepassten Kriterien einbinden soll. Wie das genau aussehen wird, ist noch offen. Aber eines ist klar: Ohne den Mittelstand wird Made for Germany eine Schlagzeile bleiben. Mit ihm könnte es eine Bewegung werden.

Was Kritiker sagen – und wo sie Recht haben

Die Kritik an der Initiative kommt aus drei Richtungen:

„Das sind Investitionen, die ohnehin geplant waren.“ Teilweise stimmt das. Intel hätte Magdeburg auch ohne Made for Germany gebaut. Aber die Initiative hat den politischen Druck erhöht, Genehmigungen zu beschleunigen. Und sie hat kleinere Projekte sichtbar gemacht, die ohne das Scheinwerferlicht untergegangen wären.

„631 Milliarden klingt nach mehr als es ist.“ Auch das hat einen Kern. Die Summe erstreckt sich über drei Jahre und umfasst nicht nur Neuinvestitionen, sondern auch laufende Capex-Budgets. Aber selbst wenn man konservativ rechnet und nur die echten Zusatzinvestitionen zählt, bleiben dreistellige Milliardenbeträge.

„Die strukturellen Probleme bleiben.“ Das ist der stärkste Einwand. Energiepreise, Bürokratie, Fachkräftemangel – die Initiative kann einzelne Symptome lindern, aber sie ist keine Strukturreform. Und ohne Strukturreformen werden die Investitionen irgendwann an Grenzen stoßen.

Was es braucht, damit aus dem Signal eine Bewegung wird

Die nächsten sechs Monate werden über den Erfolg von Made for Germany entscheiden. Drei Dinge müssen passieren:

  • Mittelstands-Öffnung: Bis Anfang 2026 muss ein Beitrittsformat existieren, das Unternehmen ab 50 Mitarbeitenden einbindet. Ohne den Mittelstand fehlt die Breite.
  • Sichtbare Ergebnisse: Mindestens drei große Projekte müssen bis Q1 2026 in die Bauphase gehen. Nicht Ankündigungen – Bagger.
  • Internationales Echo: Die FDI-Zahlen für H2 2025 werden zeigen, ob die Initiative internationale Investoren tatsächlich beeinflusst hat.

Die größte Leistung der Initiative ist bisher weder die Investitionssumme noch die Mitgliederzahl. Es ist die Tatsache, dass zum ersten Mal seit Jahren eine positive Wirtschaftserzählung existiert, die nicht von der Politik, sondern von der Wirtschaft selbst kommt. Das ist neu. Und es ist mächtig.

Ob daraus ein dauerhafter Turnaround wird, hängt nicht von Pressekonferenzen ab. Sondern von dem, was in den nächsten Monaten in Fabrikhallen, Forschungslaboren und Gewerbegebieten passiert. Dort, wo Deutschland schon immer am stärksten war.

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Häufige Fragen

Was ist die Made-for-Germany-Initiative?
Made for Germany ist eine im Juli 2025 gegründete Wirtschaftsinitiative, initiiert von den CEOs der Deutschen Bank, Siemens und Axel Springer. 105 Gründungsmitglieder – darunter BMW, SAP, Bosch und internationale Konzerne wie Nvidia und BlackRock – haben sich zu konkreten Investitionen am Standort Deutschland verpflichtet. Die Gesamtsumme der Zusagen beläuft sich auf rund 631 Milliarden Euro bis 2028.
Warum wurde die Initiative gerade jetzt gegründet?
Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlichen Vertrauenskrise: steigende Insolvenzzahlen, Abwanderungsdebatten und ein negatives Standort-Narrativ in den Medien. Die Initiative ist eine Gegenreaktion der Privatwirtschaft – der Versuch, durch konkrete Investitionszusagen das Vertrauen in den Standort wiederherzustellen.
Sind die 631 Milliarden Euro neue Investitionen?
Nicht ausschließlich. Die Summe umfasst sowohl Neuinvestitionen als auch laufende Capex- und R&D-Budgets, die explizit an den Standort Deutschland gebunden wurden. Das unterscheidet die Zusagen von reinen Absichtserklärungen: Jedes Mitglied musste konkrete Projekte benennen.
Können auch Mittelständler an Made for Germany teilnehmen?
Derzeit ist die Initiative auf Großunternehmen ausgerichtet. Ein „Mittelstands-Track“ mit angepassten Beitrittskriterien wird aktuell erarbeitet und soll Anfang 2026 starten. Details zu Investitionsschwellen und Reporting-Pflichten stehen noch aus.
Was bedeutet Made for Germany für den IT- und Tech-Sektor?
Der Tech-Sektor profitiert überproportional: Halbleiterfertigung (Intel, Bosch), KI-Forschung (Siemens AI Lab) und Cloud-Infrastruktur gehören zu den größten Investitionsschwerpunkten. Für IT-Entscheider im Mittelstand bedeutet das perspektivisch bessere Verfügbarkeit lokaler Technologie-Partner und Infrastruktur.
Wie unterscheidet sich Made for Germany von staatlichen Förderprogrammen?
Die Initiative kommt aus der Privatwirtschaft, nicht von der Politik. Es handelt sich um freiwillige Investitionszusagen, nicht um subventionierte Programme. Das Sekretariat überwacht die Einhaltung der Zusagen – ein Kontrollmechanismus, den staatliche Programme oft vermissen lassen.

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Quelle Titelbild: Pexels / Pixabay

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