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26.01.2026

Low-Code im Mittelstand: Schnell digitale Prozesse bauen

6 Min. Lesezeit

Gartner prognostiziert, dass bis 2026 rund 80 Prozent der Nutzer von Low-Code-Plattformen keine professionellen Entwickler sein werden. Im deutschen Mittelstand passiert das bereits: Fachabteilungen bauen ihre eigenen Workflows, Dashboards und Automatisierungen. Was als Notlösung gegen den Fachkräftemangel begann, entwickelt sich zum strategischen Vorteil. Aber nur, wenn IT-Governance mitdenkt.

Das Wichtigste in Kürze

  • 80 Prozent Nicht-Entwickler: Gartner erwartet, dass bis 2026 vier von fünf Low-Code-Nutzern Citizen Developer ohne formale IT-Ausbildung sind.
  • Marktvolumen 65 Milliarden US-Dollar: Der globale Low-Code-Markt erreicht 2027 rund 65 Milliarden US-Dollar bei einer CAGR von über 25 Prozent (Gartner).
  • 🇩🇪 48 Prozent erkennen Citizen-Developer-Wert: Laut Precisely-Erhebung stieg der Anteil von 38 auf 48 Prozent zwischen 2023 und 2024.
  • Schatten-IT-Risiko: Ohne Governance entstehen ungesicherte Anwendungen, die Compliance-Anforderungen unterlaufen und Sicherheitslücken öffnen.
  • SAP Build als Katalysator: SAP integriert Low-Code direkt in die BTP und ermöglicht Citizen Development innerhalb der SAP-Landschaft.

Was Low-Code für Fachabteilungen verändert

Low-Code-Plattformen wie Microsoft Power Platform, Mendix, OutSystems und SAP Build Apps ermöglichen es, Anwendungen mit visuellen Editoren statt mit traditionellem Code zu bauen. Drag-and-Drop statt Python. Workflows statt Skripte. Das senkt die Einstiegshürde so weit, dass Mitarbeiter in Einkauf, Controlling oder Produktion eigene Lösungen entwickeln können.

Im Mittelstand ist das besonders relevant, weil die IT-Abteilungen chronisch unterbesetzt sind. Jede Fachanforderung, die in der IT-Queue landet, wartet Wochen oder Monate auf Bearbeitung. Low-Code verkürzt diesen Zyklus auf Tage. Ein Einkäufer baut sich ein Dashboard für Lieferantenbewertungen. Ein Controller automatisiert sein monatliches Reporting. Ein Produktionsleiter erstellt eine App für die Qualitätsprüfung am Band.

Die Zahlen bestätigen den Trend. Laut einer Precisely-Studie zu SAP-Prozessen erkennen 48 Prozent der befragten Unternehmen den strategischen Wert von Citizen Developers, ein Anstieg von zehn Prozentpunkten gegenüber 2023. Gartner geht weiter: Bis 2026 sollen 80 Prozent der Low-Code-Nutzer keine professionellen Entwickler sein.

„Bis 2026 werden Mitarbeiter außerhalb der IT-Abteilung mindestens 80 Prozent der Nutzer von Low-Code-Entwicklungstools ausmachen.“
Gartner, Low-Code Development Technologies Forecast (2023)

Plattform-Landschaft: Wer bietet was

Der Markt teilt sich in drei Kategorien. Erstens die Enterprise-Plattformen wie Mendix (Siemens-Tochter), OutSystems und Appian, die auf komplexe Geschäftsanwendungen mit Integration in bestehende IT-Landschaften ausgerichtet sind. Mendix hat den Vorteil der Siemens-Integration, besonders in der Fertigungsindustrie.

Zweitens Microsoft Power Platform, die im Mittelstand am weitesten verbreitet ist, weil sie nahtlos in Microsoft 365, Dynamics und Azure integriert ist. Power Automate, Power Apps und Power BI bilden ein Ökosystem, das die meisten Mittelständler bereits lizenziert haben, ohne die Low-Code-Fähigkeiten bislang systematisch zu nutzen.

Drittens SAP Build Apps und SAP Build Process Automation auf der Business Technology Platform. Für die rund 440.000 SAP-Kunden weltweit, davon ein überproportional großer Anteil im deutschen Mittelstand, ist das der naheliegendste Einstieg: Low-Code-Anwendungen, die direkt auf SAP-Daten zugreifen und in S/4HANA-Prozesse eingebettet werden können.

65 Mrd.
US-Dollar Markt 2027
80 %
Citizen Developer bis 2026
+25 %
CAGR Low-Code-Markt
Quelle: Gartner, Low-Code Development Technologies (2023)

Das Schatten-IT-Problem: Governance als Pflichtprogramm

Die Kehrseite der Demokratisierung ist Kontrollverlust. Wenn Fachabteilungen eigenständig Anwendungen bauen, entstehen Systeme außerhalb der IT-Governance. Daten fließen in ungesicherte Cloud-Services, Zugriffsrechte werden nicht zentral verwaltet, und Compliance-Anforderungen wie DSGVO oder NIS2 werden unterlaufen, ohne dass es jemand bemerkt.

Die Lösung ist nicht, Low-Code zu verbieten, sondern einen Governance-Rahmen zu schaffen. Das bedeutet konkret: Die IT-Abteilung definiert, welche Plattformen zugelassen sind, welche Datenquellen angebunden werden dürfen und welche Sicherheitsstandards gelten. Citizen Developer bekommen Schulungen und klare Grenzen. Anwendungen, die über einen definierten Komplexitätsgrad hinausgehen, werden an die IT übergeben.

Microsoft bietet dafür mit dem Center of Excellence Toolkit für Power Platform ein fertiges Framework. SAP integriert Governance-Funktionen direkt in die BTP. Der Aufwand für den initialen Setup ist überschaubar, der Nutzen in Form vermiedener Sicherheitsvorfälle und Compliance-Verstöße erheblich.

Praxis: Fünf Schritte zum Citizen-Developer-Programm

1. Champion identifizieren: In jeder Fachabteilung gibt es Mitarbeiter, die bereits Excel-Makros, Power-BI-Dashboards oder Zapier-Automatisierungen bauen. Diese Personen sind die natürlichen Citizen Developer.

2. Plattform wählen: Eine Plattform, nicht fünf. Die meisten Mittelständler fahren mit Microsoft Power Platform oder SAP Build am besten, weil die Integration in bestehende Systeme bereits gegeben ist.

3. Governance definieren: Welche Daten dürfen Citizen Developer verwenden? Welche Anwendungen müssen durch die IT freigegeben werden? Dokumentierte Regeln vor dem Rollout.

4. Schulung statt Handbuch: Zwei bis drei Tage Schulung für die ersten Champions. Nicht in der Plattform, sondern in Datenmodellierung und Prozessdesign. Die Plattform bedienen lernen sie selbst.

5. Erfolgsmessung: Jedes Citizen-Developer-Projekt braucht einen messbaren Nutzen: Zeitersparnis, Fehlerreduktion, eliminierte manuelle Schritte. Ohne Messung keine Skalierung.

Fazit: Low-Code ist kein Spielzeug

Low-Code-Plattformen werden nicht verschwinden. Sie werden zum Standardwerkzeug für Fachabteilungen, die nicht auf die IT warten können und wollen. Für den Mittelstand liegt darin eine Chance, die IT-Engpässe zu überbrücken, die digitale Transformation zu beschleunigen und Prozesswissen dort zu bündeln, wo es entsteht: in der Fachabteilung.

Der Schlüssel liegt in der Balance zwischen Freiheit und Kontrolle. Zu viel Governance erstickt die Innovation. Zu wenig erzeugt Schatten-IT. Wer diesen Balanceakt meistert, gewinnt einen Hebel, der weit über einzelne Automatisierungen hinausgeht.

Häufige Fragen

Was ist Low-Code und wie unterscheidet es sich von No-Code?

Low-Code-Plattformen ermöglichen die Anwendungsentwicklung mit visuellen Editoren und minimalem Code. No-Code geht einen Schritt weiter und erfordert gar keinen Code. In der Praxis verschwimmen die Grenzen: Die meisten Low-Code-Plattformen bieten No-Code-Funktionen für einfache Anwendungen und erlauben Code-Erweiterungen für komplexere Anforderungen.

Ist Low-Code sicher genug für den Unternehmenseinsatz?

Enterprise-Plattformen wie Microsoft Power Platform, Mendix und SAP Build verfügen über umfassende Sicherheitsfunktionen: rollenbasierte Zugriffskontrollen, Datenverschlüsselung und Audit-Trails. Das Risiko liegt nicht in der Plattform, sondern in fehlender Governance. Ohne klare Regeln für Datenzugriff und Freigabeprozesse können unsichere Anwendungen entstehen.

Was kostet Low-Code für den Mittelstand?

Microsoft Power Platform ist in vielen Microsoft-365-Lizenzen enthalten, der Einstieg damit nahezu kostenneutral. Enterprise-Plattformen wie Mendix oder OutSystems starten bei 2.000 bis 5.000 Euro monatlich für kleinere Teams. SAP Build ist in der BTP-Subscription enthalten. Die größeren Kosten liegen in Schulung und Governance-Aufbau, nicht in der Plattformlizenz.

Macht Low-Code professionelle Entwickler überflüssig?

Nein. Low-Code verschiebt die Aufgabenverteilung: Einfache Anwendungen und Workflows können von Fachabteilungen gebaut werden, während professionelle Entwickler sich auf komplexe Integrationen, Architektur und Governance konzentrieren. Die IT-Abteilung wird nicht kleiner, aber ihre Rolle verändert sich von der Umsetzung zur Befähigung.

Welche Prozesse eignen sich am besten für Low-Code?

Gut geeignet sind Prozesse mit klaren Regeln, definierten Datenquellen und überschaubarer Komplexität: Genehmigungsworkflows, Dashboards, Formulare, Berichtswesen, einfache CRUD-Anwendungen. Weniger geeignet sind Prozesse mit hoher Integrationskomplexität, Echtzeit-Anforderungen oder regulatorischen Freigabepflichten.

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Quelle Titelbild: Tima Miroshnichenko / Pexels

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