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16.05.2024

ERP-Modernisierung: Wann S/4HANA wirklich sinnvoll ist

3 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • SAPs Wartungsende für ECC 6.0 ist 2027 — danach nur noch eingeschränkter Support.
  • S/4HANA-Migration dauert im Mittelstand typischerweise 12-24 Monate.
  • Brownfield (technische Konversion) vs. Greenfield (Neuimplementierung) — die Strategiefrage.
  • Cloud-ERP (RISE with SAP) reduziert Infrastruktur-Aufwand, erfordert aber Standardprozesse.
  • Die Migration ist die Chance, historisch gewachsene Prozesse zu bereinigen — nicht nur Technologie zu tauschen.

2027 endet die Mainstream-Wartung für SAP ECC 6.0. Für tausende Mittelständler bedeutet das: Migration auf S/4HANA oder alternatives ERP. Keine Entscheidung hat in den kommenden Jahren mehr operativen Impact.

 

Die Migration ist kein IT-Projekt — sie ist ein Business-Projekt. Wer nur die Technologie migriert, ohne Prozesse zu hinterfragen, verschenkt die größte Chance zur Modernisierung seit der ERP-Einführung.

 

Brownfield vs. Greenfield: Die Strategiefrage

Brownfield (System Conversion): Das bestehende SAP-System wird technisch auf S/4HANA konvertiert. Customizing, Daten und Prozesse bleiben erhalten. Vorteil: Schneller, günstiger, weniger Disruption. Nachteil: Man migriert auch den historischen Ballast — ungenutzte Customizing-Einstellungen, redundante Prozesse, schlechte Datenqualität.

 

Greenfield (New Implementation): S/4HANA wird von Grund auf neu implementiert. Prozesse werden neu definiert, Best Practices übernommen. Vorteil: Sauberer Start, moderne Prozesse. Nachteil: Länger, teurer, mehr Change Management.

 

Selective Data Transition: Ein Hybridansatz — neues System mit selektiver Datenübernahme. Kombiniert die Vorteile beider Ansätze. Tools wie SNP CrystalBridge und Syniti unterstützen diesen Ansatz.

 

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1,5 Mio. Euro
12-18 Monate. Greenfield 1-3 Mio. Euro, 18-24 Monate. R
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3 Mio. Euro
18-24 Monate. RISE with SAP zusätzlich 50-150 Euro/User/
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30%
des Budgets sollten für Datenqualität, Schulung und Prozess

RISE with SAP: Cloud-ERP als Service

RISE with SAP ist SAPs Cloud-ERP-Angebot: S/4HANA als Managed Service, gehostet bei SAP oder Hyperscalern (AWS, Azure, GCP). Inklusive Business Technology Platform, Business Network und Infrastruktur-Management.

 

Vorteil: Kein eigenes SAP-Basis-Team nötig, regelmäßige Updates, Skalierbarkeit. Nachteil: Weniger Customizing-Freiheit (SAP Clean Core), Abhängigkeit von SAP als Betreiber, laufende Subscription-Kosten statt einmaliger Lizenz.

 

Für den Mittelstand: RISE ist attraktiv, wenn kein SAP-Basis-Team vorhanden ist und standardisierte Prozesse akzeptabel sind. Für Unternehmen mit starkem Customizing ist eine Private-Cloud- oder On-Premise-Installation weiterhin relevant.

 

Kosten und Timeline realistisch planen

Migration im Mittelstand (100-500 User): Brownfield 500.000-1,5 Mio. Euro, 12-18 Monate. Greenfield 1-3 Mio. Euro, 18-24 Monate. RISE with SAP zusätzlich 50-150 Euro/User/Monat Subscription.

 

Die häufigste Budgetüberschreitung: Datenbereinigung und Change Management werden unterschätzt. 20-30% des Budgets sollten für Datenqualität, Schulung und Prozessdokumentation eingeplant werden.

 

Change Management: Der unterschätzte Erfolgsfaktor

Die Technologie ist lösbar. Die Menschen sind die Herausforderung. SAP-User, die seit 15 Jahren dieselben Transaktionen nutzen, reagieren auf Veränderung mit Widerstand. Key-User-Konzepte (Multiplikatoren in den Fachabteilungen), frühzeitige Einbindung und praxisnahe Schulungen sind entscheidend.

 

S/4HANA Fiori — die neue Benutzeroberfläche — ist moderner und intuitiver als SAP GUI, erfordert aber Umgewöhnung. Schulung an realen Prozessen, nicht an der Theorie. Parallelbetrieb (altes und neues System) für eine Übergangsphase reduziert Risiko.

 

Alternativen zu SAP: Wann ein Wechsel Sinn macht

Nicht jeder Mittelständler muss bei SAP bleiben. Alternativen: Microsoft Dynamics 365 für Microsoft-Shops mit standardisierten Prozessen. Oracle NetSuite für Cloud-First-Unternehmen. Infor CloudSuite für branchenspezifische Anforderungen (Fertigung, Distribution). Haufe X360 für kleinere Mittelständler.

 

Ein ERP-Wechsel ist dramatischer als eine SAP-Migration und nur sinnvoll, wenn SAP strukturell nicht zum Unternehmen passt — zu komplex, zu teuer, zu wenig branchenspezifisch.

 

 

Häufige Fragen

Muss man bis 2027 migrieren?

Die Mainstream-Wartung endet 2027, aber Extended Maintenance bis 2030 ist verfügbar (gegen Aufpreis). Danach: nur noch Customer-Specific Maintenance. Unternehmen sollten 2027 als Zieldatum nutzen, aber keine Panik-Migration starten.

Wie lange dauert eine S/4HANA-Migration?

Brownfield: 12-18 Monate. Greenfield: 18-24 Monate. Dazu 3-6 Monate Vorbereitung (Assessment, Prozessanalyse). Der häufigste Fehler: zu aggressive Timeline, die Change Management und Testing kürzt.

Was kostet RISE with SAP im Vergleich zu On-Premise?

RISE Subscription: 50-150 €/User/Monat (inkl. Infrastruktur und Betrieb). On-Premise: Höhere Einmalkosten für Lizenzen und Hardware, aber niedrigere laufende Kosten. Über 5 Jahre ist der TCO oft vergleichbar — die Kostenstruktur ist anders (CapEx vs. OpEx).

Können wir parallel SAP ECC und S/4HANA betreiben?

Ja, Parallelbetrieb ist Standard während der Migration. Typisch 3-6 Monate Überlappung. Danach wird ECC abgeschaltet. Einige Unternehmen betreiben bewusst länger parallel für Fallback-Sicherheit.

Was bedeutet Clean Core?

SAPs Empfehlung, den S/4HANA-Standard möglichst unverändert zu nutzen und Erweiterungen in der Business Technology Platform (BTP) statt im Core zu entwickeln. Ziel: Updatefähigkeit und Wartbarkeit. Für stark customized Systeme ist Clean Core die größte Veränderung.

 

Quelle des Titelbildes: Pexels / Daniil Komov

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