ePA als B2B-Wachstumsmarkt: Wie IT-Dienstleister, Softwareanbieter und Berater von der Gesundheitssystem-Digitalisierung 2026 profitieren
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85 Prozent aller rund 160.000 Leistungserbringer-Einrichtungen nutzen die ePA heute aktiv – vor sieben Monaten waren es noch 60 Prozent. Über 70 Millionen gesetzlich Versicherte haben eine Akte. Die Logins haben sich seit Mai 2025 auf 4,5 Millionen vervierfacht. Wer IT-Dienstleistungen oder Softwareprodukte im Gesundheitsumfeld anbietet und diesen Rollout noch als „läuft noch an“ bewertet, hat die Kurve möglicherweise verpasst.
Das Wichtigste in Kürze
- Adoption läuft schneller als erwartet. Von 60 auf 85 Prozent aktive Einrichtungen in 7 Monaten, Logins vervierfacht. Der Markt wartet nicht auf finale Produktreife.
- Integrationsprojekte sind der Engpass. Primärsystem-Hersteller, DiGA-Anbieter und Kliniken brauchen Integrationsinfrastruktur, Beratung zu TI-Konnektoren und FHIR-Implementierungen. Das ist die Nachfrage.
- Interoperabilität ist das ungelöste Problem. Deutsche Krankenhausgesellschaft nennt fehlende Interoperabilität und instabile Systeme als Haupthindernisse. Wer das löst, hat Marktpotenzial.
- 2026 bringt neue Pflichten. Elektronischer Medikationsplan (eMP) und DiGAV-Interoperabilitätspflicht treiben neue Ausschreibungsrunden bei Leistungserbringern und Krankenkassen.
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Was die ePA-Adoption 2026 für den B2B-Markt bedeutet
Was ist die elektronische Patientenakte? Die ePA ist eine zentrale digitale Akte, in der gesetzlich Versicherte ihre Gesundheitsdaten speichern, verwalten und mit Leistungserbringern teilen können. Sie läuft über die Telematikinfrastruktur (TI), wird von Krankenkassen bereitgestellt und ist für alle gesetzlich Versicherten in Deutschland seit Anfang 2025 automatisch angelegt – außer sie haben aktiv widersprochen.
Der Rollout ist kein Pilotprojekt mehr. Er ist operative Realität für 160.000 Einrichtungen, für Bitmarck als IT-Infrastrukturanbieter für ein Drittel der Versicherten und für DiGA-Hersteller, die per DiGAV zur Anbindung an die ePA verpflichtet sind. Was sich jetzt ändert, ist die Struktur der Nachfrage – und damit das Bild für IT-Dienstleister, Softwareanbieter und Berater im Gesundheitsumfeld.
Marktdaten 2026
- 70+ Millionen gesetzlich Versicherte haben eine ePA
- 4,5 Millionen Logins bei Bitmarck (vervierfacht seit Mai 2025)
- 85 Prozent der ~160.000 Leistungserbringer-Einrichtungen aktiv (vs. 60 Prozent im September 2025)
- Bitmarck betreibt ePA-Infrastruktur für rund ein Drittel der gesetzlich Versicherten
Wo die Nachfrage für IT-Anbieter heute konkret entsteht
Die DMEA 2026 im April in Berlin hat gezeigt, wo die Diskussion steht: nicht mehr bei Grundsatzfragen zur ePA, sondern bei der Implementierungsrealität. Fachkonferenzen mit Titeln wie „Arztpraxen auf dem Weg zum digitalen Ökosystem“ und „Umsetzung vor Vision“ zeigen die Verschiebung vom Konzept zur Infrastrukturfrage.
Die gematik hat auf der DMEA konkrete Zukunftspläne kommuniziert: ePA als zentrale Plattform der Primärversorgung. Das ist nicht nur Strategie-Kommunikation. Es ist eine Leitplanke für Investitionsentscheidungen auf Softwareanbieter-Seite. Wer heute Primärsysteme, Labor-IT oder DiGA-Software entwickelt, baut auf eine Infrastruktur, deren Anforderungsprofil die gematik über die nächsten Jahre schrittweise erweitert.
Für IT-Anbieter bedeutet das drei konkrete Nachfragefelder:
Primärsystem-Integration: Praxissoftware, Krankenhausinformationssysteme und Laborlösungen müssen ePA-Daten lesen und schreiben können. Das erfordert TI-Konnektoren, FHIR-Implementierungen und zertifizierte Schnittstellen. Hersteller, die hier noch nacharbeiten, stehen unter Zeitdruck.
DiGA-Anbindung: Die DiGA-Verordnung verpflichtet Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen zur ePA-Integration. Das schafft einen klaren Auftragsrahmen für Beratungsunternehmen mit Gesundheits-IT-Fokus, die bei Umsetzung und Zertifizierung unterstützen.
Interoperabilitätsprojekte: Fehlende semantische und organisatorische Interoperabilität ist das laut DMEA meistdiskutierte Problem. Wer Standards-basierte Integrationslösungen auf FHIR-Basis anbietet oder dabei berät, hat eine Nachfrage, die nicht kleiner wird.
Was für IT-Anbieter funktioniert und was noch bremst
Das Bild ist gemischt. Einige Segmente profitieren klar – andere stehen vor Problemen, die sich nicht durch bessere Marktkommunikation lösen lassen.
Was funktioniert
- Adoption geht schneller als die Anbieter-Pipeline
- Klare regulatorische Pflichten schaffen Projektrahmen
- Bitmarck, IBM und spezialisierte TI-Dienstleister haben Referenzprojekte
- eMP 2026 treibt neue Ausschreibungsrunden
Was bremst
- Fehlende Interoperabilität auf allen vier Ebenen
- Instabile ePA-Module einzelner IT-Hersteller
- Inbetriebnahme-Komplexität laut DKG weiterhin hoch
- Medienbrüche bleiben ein strukturelles Problem
Das ist keine Aussage darüber, dass der Markt nicht funktioniert. Es ist eine Aussage darüber, was die realistisch messbaren Engpässe sind. Wer als Anbieter an diesen Stellen ansetzt, hat bessere Ausgangsbedingungen als wer versucht, das große ePA-Ökosystem als Ganzes zu adressieren.
Was Berater und Softwareanbieter konkret tun können
Es gibt ein Muster, das bei großen Digitalisierungsprojekten im öffentlich-regulierten Bereich zuverlässig funktioniert: spezialisiert einsteigen, früh skalieren. Die ePA ist kein Projekt, das jemand als Generalunternehmer gewinnt. Es ist ein Ökosystem, das aus vielen spezialisierten Einzelbausteinen besteht.
Für Beratungsunternehmen ohne bestehenden Gesundheits-IT-Fokus ist der pragmatischste Einstiegspfad eine Partnerschaft mit einem zertifizierten TI-Dienstleister. Gematik-Zertifizierungen, Primärsystem-Spezifikationen und DiGAV-Compliance sind Hürden, die sich nicht durch guten Willen überbrücken lassen. Aber ein Beratungsunternehmen mit Change-Management-Kompetenz, das neben einem zertifizierten TI-Partner arbeitet, hat ein differenziertes Angebot für Kliniken und Praxisverbünde, die mit der Inbetriebnahme-Komplexität kämpfen.
Für Softwareanbieter ist die Frage eine andere: Nicht ob ePA-Integration sinnvoll ist – sie ist regulatorisch in vielen Segmenten bereits Pflicht oder wird es. Die Frage ist, in welcher Reihenfolge man die Integrationsschichten angeht und wie man die Zertifizierungszyklen plant, ohne das Kernprodukt zu blockieren. Das ist ein Architektur- und Roadmap-Problem, kein Marktentscheidungsproblem.
Häufige Fragen
Welche IT-Dienstleister profitieren am stärksten vom ePA-Rollout 2026?
Primär Anbieter von TI-Konnektoren, Primärsystem-Integrationen und FHIR-basierter Interoperabilitätsinfrastruktur. Daneben Beratungsunternehmen mit Erfahrung in DiGA-Zertifizierung und Change-Management für Leistungserbringer. Generische IT-Systemhäuser ohne Gesundheits-IT-Fokus haben es schwerer, da Zertifizierungsanforderungen hohe Spezifikationshürden setzen.
Was ist der elektronische Medikationsplan (eMP) und warum ist er für IT-Anbieter relevant?
Der eMP ist Teil der 2026er ePA-Erweiterung: ein strukturiertes Dokument mit allen aktuellen Medikationen, das über die ePA für Leistungserbringer zugänglich wird. Für IT-Anbieter bedeutet das neue Integrationsprojekte bei Apothekensoftware, Krankenhausinformationssystemen und Arztpraxis-Software, die den eMP lesen und schreiben müssen.
Welche Pflichten entstehen für DiGA-Hersteller durch die DiGAV-Interoperabilitätspflicht?
DiGA-Hersteller müssen auf Wunsch der Nutzer versorgungsrelevante Daten in die ePA übertragen. Behandelnde Leistungserbringer sollen diese Daten aus ihrem Primärsystem heraus einsehen können, ohne eine DiGA-spezifische Schnittstelle zu bedienen. Das erfordert standardisierte Datenformate (FHIR) und eine Zertifizierung der Übertragungsschnittstelle über die Gematik-Spezifikationen.
Warum ist fehlende Interoperabilität das zentrale Problem statt mangelnde Adoption?
Die Adoption-Zahlen sind gut. Das Problem ist nicht, dass niemand die ePA nutzt – es ist, dass Systeme untereinander nicht konsistent kommunizieren. Strukturelle, syntaktische, semantische und organisatorische Interoperabilität sind laut Fachkonsens ungelöst. Das führt zu Medienbrüchen: Dokumente kommen in der Akte an, sind aber nicht maschinell auswertbar, weil Datenmodelle divergieren.
Lohnt sich der Einstieg in den Gesundheits-IT-Markt für IT-Beratungsunternehmen ohne Health-Fokus?
Nur mit klarer Spezialisierungsstrategie. Regulatorische Anforderungen (Gematik-Zertifizierungen, DiGAV, DSGVO-Gesundheitsdaten) setzen hohe Einstiegshürden. Generisches IT-Consulting ohne Gesundheitskontext hat kaum Differenzierungspotenzial gegenüber etablierten Anbietern wie Bitmarck, CompuGroup und KPMG Health. Empfehlenswerter Einstiegspfad: Partnerschaft mit einem zertifizierten TI-Dienstleister statt Eigenaufbau der Zulassungsinfrastruktur.
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Quelle Titelbild: Wikimedia Commons / Gerda Schimpf (CC BY 4.0)
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