24.01.2026

Quantum Computing in Deutschland: Vom Forschungslabor in die Wirtschaft

7 Min. Lesezeit

Deutschland hat in den letzten Jahren fast drei Milliarden Euro in Quantencomputing investiert. 2025 war das erste Jahr, in dem aus Forschungsversprechen echte Wirtschaftsprojekte wurden — mit einem Münchner Startup als Gewinner des Deutschen Gründerpreises, dem schnellsten Supercomputer Europas in Jülich und einem Industriekonsortium, das konkrete Logistik- und Mobilitätsprobleme löst. Aber wie nah ist der wirtschaftliche Durchbruch wirklich?

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bundesregierung fördert Quantentechnologien mit rund drei Milliarden Euro bis 2026 — eines der größten öffentlichen QC-Programme weltweit.
  • Das Münchner Startup planqc gewann 2025 den Deutschen Gründerpreis und baut am Leibniz-Rechenzentrum einen 1.000-Qubit-Rechner.
  • IQM Quantum Computers (München/Espoo) strebt 2026 als erstes europäisches QC-Unternehmen den Börsengang an — Bewertung: 1,8 Milliarden Dollar.
  • JUPITER in Jülich ist seit September 2025 Europas schnellster Supercomputer und wird mit einem D-Wave-Quantencomputer gekoppelt.
  • Deutsche Konzerne wie BMW, Volkswagen und SAP arbeiten im Konsortium QUTAC an konkreten Anwendungen.

Was 2025 tatsächlich passiert ist

Die Vereinten Nationen haben 2025 zum Internationalen Jahr der Quantenwissenschaft ausgerufen — 100 Jahre nach den Grundlagenarbeiten, die Quantenmechanik überhaupt erst möglich machten. Aber während Wissenschaft und Politik feiern, interessiert Entscheider in deutschen Unternehmen eine andere Frage: Wann lässt sich damit Geld verdienen oder Geld sparen?

Die ehrliche Antwort lautet: Nicht morgen, aber früher als viele glauben. Und wer heute nicht anfängt, die eigene Organisation vorzubereiten, wird in drei bis fünf Jahren aufholen müssen.

Deutschlands öffentliche Quantenstrategie ist dabei bemerkenswert. Die Bundesregierung hat rund drei Milliarden Euro bis 2026 für Quantentechnologien vorgesehen — verteilt über mehrere Bundesministerien, mit dem BMBF als größtem Förderer. Das Ziel: technologische Souveränität, ein eigenes Ökosystem aus Forschung und Industrie, und am Ende ein wettbewerbsfähiger universeller Quantencomputer „Made in Germany“.

Ob dieses Ziel bis 2026 vollständig erreicht wird, darf diskutiert werden. Was nicht diskutiert werden kann: Das Ökosystem ist real, und die ersten wirtschaftlich relevanten Projekte laufen.

Globaler Markt 2035
bis 97 Mrd. $
Gesamtvolumen Quantentechnologien laut McKinsey Quantum Technology Monitor 2025
QT-Startup-Investitionen 2024
2,0 Mrd. $
+50 % gegenüber 2023 — weltweites VC-Volumen in Quantentechnologie (McKinsey 2025)
Deutsche Förderung
~3 Mrd. €
Bundesregierung Handlungskonzept Quantentechnologien bis 2026

Die deutschen Akteure: Wer baut was

Drei Unternehmen verdienen im deutschen Quantenökosystem besondere Aufmerksamkeit — weil sie nicht nur forschen, sondern bereits liefern oder kurz davor stehen.

planqc (Garching bei München) ist 2022 als erstes Spin-off des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik aus der Munich Quantum Valley Initiative hervorgegangen. Das Unternehmen entwickelt Quantenprozessoren auf Basis neutraler Atome — ein Ansatz, der sich von den Supraleitungs-Chips der großen US-Player unterscheidet und theoretisch besser skalierbar ist.

Im Juli 2024 schloss planqc eine Series-A-Runde über 50 Millionen Euro ab, angeführt von CATRON Holding und DTCF, mit Beteiligung von Bayern Kapital und dem BMBF. Ende 2024 erhielt das Unternehmen den Zuschlag für ein mit 20 Millionen Euro gefördertes Projekt am Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) in Garching: Bis etwa 2027 soll dort ein universell programmierbares Quantensystem mit über 1.000 Qubits entstehen. 2025 gewann planqc den Deutschen Gründerpreis als bestes Startup des Jahres.

Parallel ist planqc zusammen mit der Beratungsfirma d-fine in das QCMobility-Programm des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) eingebunden. Dabei geht es um konkrete Optimierungsprobleme im intermodalen Güterverkehr — genau die Art von hochkomplexen Planungsaufgaben, bei denen klassische Rechner an ihre Grenzen stoßen.

IQM Quantum Computers hat seinen europäischen Entwicklungsstandort in München (Hauptsitz in Espoo, Finnland). Das Unternehmen baut supraleitende Quantenprozessoren und hat im September 2025 eine Series-B-Runde über rund 315 Millionen Euro abgeschlossen. Die Bewertung lag bei über einer Milliarde Dollar. Im Februar 2026 wurde bekannt, dass IQM über einen SPAC-Deal an die Nasdaq gehen will — bei einer Bewertung von 1,8 Milliarden Dollar. Das wäre der erste Börsengang eines europäischen Quantencomputer-Unternehmens.

Das Forschungszentrum Jülich betreibt seit September 2025 mit JUPITER Europas schnellsten Supercomputer. JUPITER belegt Platz 4 der globalen TOP500-Liste und überschreitet erstmals in Europa die Marke von einem ExaFLOP. Parallel hat das Zentrum im Februar 2025 einen D-Wave Annealing-Quantencomputer integriert, der künftig direkt mit JUPITER gekoppelt werden soll. Was das bedeutet: Hybrid-Computing — klassische Hochleistungsrechner und Quantensysteme arbeiten für dieselbe Berechnung zusammen. Das ist keine Theorie mehr, das ist Infrastruktur.

„Die praktische Anwendung von Quantencomputing in der Industrie steht noch am Anfang — aber wer heute nicht in die Vorbereitung investiert, verpasst das Zeitfenster.“

— BMW Group, Quantum Computing Jahresbericht 2025

QUTAC: Wenn DAX-Konzerne gemeinsam experimentieren

Das Quantum Technology and Application Consortium (QUTAC) zeigt, wie deutsche Großunternehmen mit Quantencomputing umgehen: kollaborativ statt konkurrierend, weil der Markt noch zu früh ist für proprietäre Insellösungen.

Gründungsmitglieder sind BASF, BMW Group, Boehringer Ingelheim, Bosch, Infineon, Merck, Munich Re, SAP, Siemens und Volkswagen. Deutsche Telekom und Lufthansa Industry Solutions sind als neue Mitglieder hinzugekommen. Das Konsortium hat einen QC-Monitor entwickelt — ein Modell mit 24 regelmäßig aktualisierten Indikatoren, das den Fortschritt bei industriellen Quantenanwendungen messbar macht.

BMW nutzt das Konsortium unter anderem für Projekte in Materialwissenschaft, Aerodynamik-Simulation und Roboterpfadplanung. Konkrete Kooperationen laufen mit Classiq und Nvidia (Antriebsstrang- und Kühlsystemoptimierung) sowie mit Airbus (Quantum Computing Challenge). Deutsche Telekom arbeitet an Quantenalgorithmen für Netzwerkoptimierung und Quantenkryptographie-Plattformen.

Die ehrliche Einschätzung von BMW selbst: Industriell relevante Ergebnisse stehen noch aus — aber die Richtung ist klar.

Der Elefant im Raum: Post-Quantum-Kryptographie

Während die meisten Diskussionen um Quantencomputing auf dem „Wann kommt der Durchbruch?“-Narrativ hängen, gibt es ein Quantum-Thema, das bereits jetzt für jede Organisation relevant ist: Post-Quantum-Kryptographie (PQC).

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat eine klare Position: Klassische asymmetrische Verschlüsselung sollte bis Ende 2031 durch quantenresistente Verfahren ersetzt sein. Das US-amerikanische NIST hat bereits 2024 die ersten standardisierten Post-Quantum-Algorithmen verabschiedet: FIPS-203, FIPS-204 und FIPS-205. Das BSI hat gemeinsam mit 17 europäischen Partnern aufgerufen, die sensitivsten Anwendungen bis 2030 umgestellt zu haben.

Das Problem: „Harvest Now, Decrypt Later“. Staatliche Akteure und gut ausgestattete Angreifer können heute verschlüsselte Daten abfangen und aufbewahren — in der Erwartung, sie mit einem zukünftigen Quantencomputer zu entschlüsseln. Gesundheitsdaten, Verträge, geistiges Eigentum, das heute mit RSA oder ECC verschlüsselt ist, könnte in zehn Jahren lesbar sein.

Das bedeutet: Die Frist ist nicht 2031. Die Frist ist jetzt. Wer sensible Daten mit langer Schutzfrist verarbeitet — Banken, Versicherungen, Pharmaunternehmen, Behörden — muss heute mit der Inventur seiner kryptographischen Systeme beginnen. Das ist kein Quantencomputing-Projekt. Das ist IT-Security-Hygiene.

Was Entscheider jetzt konkret tun können

Quantencomputing ist kein Thema, das Unternehmenslenker an die Forschungsabteilung delegieren und in fünf Jahren wieder aufgreifen können. McKinsey hat die Investitionen in QT-Startups 2024 auf 2,0 Milliarden Dollar beziffert, ein Plus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wer heute beginnt, baut einen Informationsvorsprung auf, der sich auszahlt.

Drei konkrete Handlungsfelder:

1. Kryptographie-Inventur starten. Welche Systeme im Unternehmen verwenden RSA oder elliptische Kurven? Welche Daten haben eine lange Schutzfrist? Das sind die kritischen Punkte für PQC-Migration. BSI und NIST haben Leitfäden veröffentlicht — die Migration selbst dauert Jahre, nicht Monate.

2. Den QUTAC-Ansatz beobachten. Das Konsortiumsmodell zeigt, wie Unternehmen gemeinsam Quantenkompetenz aufbauen, ohne alleine die vollen F&E-Kosten zu tragen. Branchenverbände, Kammern und Forschungseinrichtungen bieten ähnliche Einstiegspunkte — besonders für den Mittelstand.

3. Anwendungsfälle identifizieren. Quantencomputer lösen bestimmte Optimierungsprobleme effizienter als klassische Systeme — Routenplanung, Portfoliooptimierung, Simulation von Molekülstrukturen. Wer seine eigenen Optimierungsprobleme kennt, kann Pilotprojekte gezielt prüfen.

Der Fehler wäre, auf den „großen Durchbruch“ zu warten und dann zu reagieren. Der Wettbewerbsvorteil liegt nicht im Quantencomputer selbst — sondern im frühen Verständnis, wo er relevant wird.

Häufige Fragen

Wann sind Quantencomputer für normale Unternehmen nutzbar?

Für spezifische Optimierungsprobleme (Logistik, Finanzportfolios, molekulare Simulationen) gibt es bereits heute funktionierende Pilotprojekte. Universell einsetzbare Quantencomputer werden frühestens ab Mitte bis Ende der 2030er Jahre erwartet. Der Einstieg lohnt sich trotzdem jetzt — über Kryptographie-Migration und Anwendungs-Scouting.

Was ist Post-Quantum-Kryptographie und warum ist sie dringend?

PQC bezeichnet Verschlüsselungsverfahren, die auch gegen Angriffe mit Quantencomputern sicher sind. Das BSI empfiehlt, klassische asymmetrische Verschlüsselung bis 2031 zu ersetzen. Dringend ist das Thema wegen „Harvest Now, Decrypt Later“ — Angreifer sammeln heute verschlüsselte Daten für spätere Entschlüsselung. NIST hat 2024 die ersten offiziellen PQC-Standards verabschiedet.

Was unterscheidet den deutschen Quantenansatz vom US-amerikanischen?

US-Player wie IBM, Google und IonQ setzen stark auf supraleitende Qubits und schnelle Skalierung. Deutsche Startups wie planqc experimentieren mit neutralen Atomen — ein Ansatz, der potenziell besser skalierbar ist. Außerdem setzt Deutschland stärker auf Konsortien und öffentliche Förderung, mit dem Ziel technologischer Souveränität.

Wie können mittelständische Unternehmen ohne eigene QC-Expertise einsteigen?

Der niedrigschwelligste Einstieg ist die Kryptographie-Inventur — das erfordert keine Quantenexpertise, nur klassisches IT-Security-Know-how. Darüber hinaus bieten das Fraunhofer Kompetenznetzwerk Quantencomputing sowie IHK-Netzwerke Orientierung. Cloud-Anbieter wie IBM Quantum (via Fraunhofer Ehningen) oder Microsoft Azure Quantum ermöglichen erste Pilotexperimente ohne eigene Hardware.

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Quelle Titelbild: Pachon in Motion / Pexels

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