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24.10.2024

Low-Code: Citizen Development

4 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Low-Code/No-Code-Plattformen ermöglichen Fachabteilungen, eigene Anwendungen zu bauen.
  • Der globale Low-Code-Markt wächst auf geschätzte 65 Milliarden Dollar bis 2027.
  • Microsoft Power Platform dominiert im Enterprise-Segment mit 33 Millionen monatlich aktiven Nutzern.
  • Citizen Developer bauen 70% der Anwendungen – aber Governance verhindert Schatten-IT.
  • Die typische Entwicklungszeit sinkt von Wochen auf Tage für Standard-Business-Anwendungen.

Die IT-Abteilung hat einen Backlog von 6 Monaten. Die Marketing-Managerin braucht ein Dashboard nächste Woche. Der Vertriebsleiter wartet seit Quartalen auf eine Angebotskonfigurator-App. Low-Code und No-Code lösen dieses Dilemma: Fachabteilungen bauen eigene Anwendungen – ohne klassische Programmierung, aber mit Governance.

 

Der Trend ist keine Nische mehr: Gartner prognostiziert, dass bis 2027 über 70% aller neuen Business-Anwendungen mit Low-Code oder No-Code gebaut werden. Für den Mittelstand, der chronisch unter IT-Fachkräftemangel leidet, ist das eine strategische Chance.

 

Low-Code vs. No-Code: Der Unterschied

No-Code-Plattformen erfordern null Programmierung. Anwendungen werden per Drag-and-Drop aus vorgefertigten Komponenten zusammengesetzt. Zielgruppe: Business-User ohne IT-Hintergrund. Beispiele: Airtable, Glide, Softr, Bubble.

 

Low-Code-Plattformen bieten visuelle Entwicklung mit der Option, eigenen Code für komplexe Logik einzufügen. Zielgruppe: Power-User und Entwickler, die schneller sein wollen. Beispiele: Microsoft Power Platform, Mendix, OutSystems, Retool.

 

Die Grenze ist fließend: Power Apps (Microsoft) ist No-Code für einfache Formulare und Low-Code für komplexe Business-Logik mit Power Fx-Formeln.

 

KENNZAHL
65 Milliarden Dollar
bis 2027. Microsoft Power Platform dominiert im Enterpris
KENNZAHL
70%
der Anwendungen – aber Governance verhindert Schatten-IT
KENNZAHL
80%
Entwicklungszeit. Nicht geeignet ist Low-Code für: Ho

Die Microsoft Power Platform als Enterprise-Standard

Mit 33 Millionen monatlich aktiven Nutzern dominiert die Microsoft Power Platform den Enterprise-Markt: Power Apps für Anwendungen, Power Automate für Workflows, Power BI für Dashboards, Copilot Studio für KI-gestützte Bots.

 

Der strategische Vorteil: Tiefe Integration in Microsoft 365, Dynamics 365 und Azure. Daten aus SharePoint, Teams und Outlook können direkt in Power Apps genutzt werden. Für Unternehmen, die bereits Microsoft nutzen, ist Power Platform der natürlichste Einstieg.

 

Kosten: Power Apps Premium ab 18,70 €/User/Monat. Für Unternehmensweite Nutzung gibt es Pay-per-App-Modelle ab 4,70 €/User/Monat. Power Automate Premium ab 14 €/User/Monat.

 

Citizen Development: Fachabteilungen als Entwickler

Citizen Developer sind Mitarbeitende ohne IT-Ausbildung, die mit Low-Code/No-Code-Tools eigene Anwendungen erstellen. Der Marketing-Manager baut sein eigenes Campaign-Dashboard. Die HR-Leiterin erstellt einen Onboarding-Workflow. Der Vertriebsleiter automatisiert die Angebotserstellung.

 

Die Produktivitätsgewinne sind erheblich: Was mit der IT-Abteilung 8 Wochen gedauert hätte, ist als Citizen Developer in 3-5 Tagen fertig. Nicht weil Citizen Developer schneller programmieren, sondern weil die Abstimmungs- und Priorisierungsschleifen entfallen.

 

Die Kehrseite: Ohne Governance entsteht App-Wildwuchs. 50 Power Apps, die niemand wartet, keine Dokumentation, keine Security-Reviews – die neue Schatten-IT.

 

Governance: Die Grenze zwischen Innovation und Chaos

Erfolgreiche Citizen-Development-Programme balancieren Freiheit und Kontrolle:

 

Environment-Strategie: Separate Power Platform Environments für Entwicklung und Produktion. Citizen Developer arbeiten in der Dev-Umgebung, Apps werden nach Review in Produktion promotet.

 

Data Loss Prevention (DLP) Policies: Definieren, welche Connectors in welcher Umgebung genutzt werden dürfen. Verhindert, dass eine Power App ungeprüft auf sensible Datenquellen zugreift.

 

Center of Excellence (CoE): Ein kleines Team (2-3 Personen) das Standards setzt, Best Practices vermittelt, Code-Reviews durchführt und die App-Landschaft überwacht. Microsoft bietet ein kostenloses CoE Starter Kit.

 

Schulungsprogramm: Citizen Developer brauchen Training – nicht nur im Tool, sondern in Grundlagen von Datenmodellierung, Security und Testing.

 

Wo Low-Code an Grenzen stößt

Low-Code ist optimal für Standard-Business-Anwendungen: CRUD-Apps, Formulare, Workflows, Dashboards, einfache Integrationen. Hier spart es 70-80% Entwicklungszeit.

 

Nicht geeignet ist Low-Code für: Hochperformante Anwendungen (Gaming, Echtzeit-Streaming), komplexe Algorithmen (ML-Training, Simulationen), tief integrierte System-Software (Betriebssysteme, Datenbanken) und Anwendungen mit spezifischen Compliance-Anforderungen (medizinische Software, Avionik).

 

Der Hybrid-Ansatz funktioniert am besten: Citizen Developer bauen 80% der Business-Anwendungen mit Low-Code. Die IT-Abteilung fokussiert sich auf die 20%, die Custom Development erfordern – und gewinnt Kapazität dafür, weil der Low-Code-Backlog wegfällt.

 

Häufige Fragen

Ist Low-Code sicher genug für Unternehmensdaten?

Enterprise-Plattformen (Power Platform, Mendix, OutSystems) bieten rollenbasierte Zugriffskontrolle, Verschlüsselung, Audit-Logs und DLP-Policies. Die Sicherheit ist vergleichbar mit klassischer Entwicklung – vorausgesetzt, die Governance ist implementiert. Risiko entsteht nicht durch die Technologie, sondern durch fehlende Governance.

Wie schnell kann ein Citizen Developer produktiv sein?

Für einfache Power Apps (Formulare, Listen) reichen 1-2 Tage Schulung. Für komplexere Anwendungen (Workflows, Integrationen) 1-2 Wochen. Die meisten Plattformen bieten kostenlose Lernpfade (Microsoft Learn, Mendix Academy). Der typische Citizen Developer baut seine erste produktive App innerhalb von 2-4 Wochen nach Schulungsbeginn.

Was passiert mit Low-Code-Apps wenn der Ersteller das Unternehmen verlässt?

Das ist ein reales Risiko. Governance muss das adressieren: App-Ownership an Teams statt Einzelpersonen, Dokumentationspflicht, regelmäßige Reviews der App-Landschaft und ein Prozess für App-Übergabe bei Personalwechsel. Das CoE-Toolkit von Microsoft automatisiert die Erkennung verwaister Apps.

Ersetzt Low-Code professionelle Entwickler?

Nein. Low-Code verschiebt die Grenze: Routine-Anwendungen werden demokratisiert, professionelle Entwickler fokussieren auf komplexe, geschäftskritische Systeme. In der Praxis steigt die Nachfrage nach Entwicklern sogar, weil Low-Code den Appetit auf digitale Lösungen weckt und die komplexen Integrationen zunehmen.

Welche Low-Code-Plattform eignet sich für den Mittelstand?

Microsoft Power Platform wenn Microsoft 365 bereits genutzt wird (niedrigste Einstiegshürde). Mendix oder OutSystems für komplexere Anwendungen mit höheren Anforderungen an Skalierung und Customization. Retool für interne Tools mit Datenbank-Integration. Bubble oder Glide für schnelle Prototypen ohne Microsoft-Ökosystem.

 

Quelle des Titelbildes: Pexels / Pixabay

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