So verändert Künstliche Intelligenz das Trading

15. Juni 2018, Autor / Redaktion: Ivan Gowan / Lenz Nölkel

Weltweit steigt der Handel mit Derivaten. Täglich werden beträchtliche Summen über verschiedene Finanzmärkte bewegt. Jeder Trader hat dabei vor allem den finanziellen Erfolg im Kopf, doch leider kommt es auch oft zum Verlust des eingesetzten Kapitals. Insbesondere Veränderungen der Aktienkurse durch Unternehmensübernahmen oder marktverändernde Geschehnisse führen häufig zum Verlust. Doch auch Verzerrungen im menschlichen Denken können Trading-Entscheidungen negativ beeinflussen. Diesem Aspekt wurde bislang jedoch wenig Beachtung geschenkt. Das lag vor allen Dinge daran, dass es bislang unmöglich erschien, emotional bedingte Entscheidungen im Trading adäquat zu kontrollieren. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) könnte nun die Lösung sein.

Warum sind Entscheidungen von Tradern häufig verzerrt?

Die Handlungen von Menschen werden von Natur aus größtenteils von Emotionen geleitet. Auch im Bereich des Tradings ist diese Tatsache zu beobachten: Viele Entscheidungen sind von kognitiven Verzerrungen geprägt und werden nicht rational auf der Basis von Fakten getroffen. Selbst wenn Menschen beziehungsweise Trader davon ausgehen, dass ihre Urteile rational begründet sind, so ist das ein großer Irrtum, der zu einem finanziellen Desaster führen kann. Sachliche Informationen werden durch Emotionen im Gehirn verfälscht.

 

Scheinbar valide Informationen können so zu falschen Trading-Entscheidungen. Dabei gibt es unterschiedliche Arten von Verzerrungseffekten, die in unserem Gehirn stattfinden können. Einer der häufigsten ist der sogenannte Dispositionseffekt. Der Trader entschließt sich, Aktien mit stetig steigendem Wert zu verkaufen, und Aktien, deren Kurs fällt bis zu einem erneuten Wertanstieg zu behalten. Erfahrungen und Statistiken belegen jedoch, dass Aktien, die einen Anstieg verzeichnen, dies in den nächsten sechs Monaten auch weiterhin tun. Aktien, die wiederum einen fallenden Kurs verzeichnen, erholen sich in der Regel nicht so schnell. Der Wunsch nach finanziellem Erfolg betrifft neben Amateur-Tradern selbstverständlich auch professionelle Trader.

 

Die Wissenschaftler Ryan Garvey (Duquesne University) Anthony Murphy (University of Oxford) und Fei Wu (Shanghai Jiao Tong University), untersuchten im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit „Do Losses Linger?Evidence from Proprietary Stock Traders“, welchen Einfluss die letzte Handelsperformance auf künftige Trading-Entscheidungen professioneller Trader an der Nasdaq-Börse in New York haben. 

Das Ergebnis überrascht nicht wirklich: Wenn die Trader morgens Verluste erleiden, wollen sie das Minus vor Handelsschluss unbedingt wieder ausgleichen. Das führt zu einem wesentlich aggressiveren Einstieg der Trader in den Handel am Nachmittag. Das dringende Ziel ist es, den Tag mit einem positiven Ergebnis abzuschließen. Ein weiterer Aspekt, der zu Verzerrungen bei Trading-Entscheidungen führt, ist ein übersteigertes Selbstvertrauen der Trader. Der Rat von Experten und Fakten werden ignoriert und den eigenen Emotionen und dem Bauchgefühl zu viel Vertrauen geschenkt. Zudem hält eine Vielzahl an Tradern – insbesondere nicht-professionelle Trader – über Jahre an den selben Derivaten-Portfolios fest, anstatt diese in regelmäßigen Abständen den Marktbedürfnissen anzupassen.

Schluss mit Verzerrungen? KI beim Trading

„KI ist im Gegensatz zum Menschen in der Lage, große Datenmengen zu sammeln und in Echtzeit zu analysieren und abzubilden“, rechtfertigt Ivan Gowan den Einsatz von KI im Trading.

Bereits seit vielen Jahren finden Computer ihren Einsatz bei professionellen Tradern. Die immer komplexer werdenden Finanzmärkte und -Strukturen sind ohne technische Hilfsmittel nicht mehr zu beherrschen. Fast 90 Prozent des globalen Tradings werden heutzutage mit der Unterstützung von Algorithmen realisiert. Im Laufe der Zeit haben sich die technischen Hilfsmittel kontinuierlich weiterentwickelt, was ihren Einsatz für die Trading-Branche äußerst attraktiv macht. Sind hochfrequente Trading-Tools für den Kauf und Verkauf von Finanzinstrumenten in kürzester Zeit konzipiert, suchen KI-basierte Modelle jedoch den besten Handelszeitpunkt in der Zukunft. Das Thema maschinelles Lernen erhält in diesem Kontext eine besondere Aufmerksamkeit und viele Fonds bewegen sich zunehmend in diese Richtung hin.

 

Babak Hodjat, einer der Väter von Apples Siri, entwickelte einen vollständig von KI verwalteten Hedge-Fond. Sein Beweggrund dafür war, dass es für ihn nicht nachvollziehbar ist, bei Trading-Entscheidungen auf menschliche Intuition statt auf Daten und Fakten zu setzen. So findet die KI ihren Einsatz nun auch auf mobilen Trading-Plattformen. Nutzer erhalten durch KI nützliche Funktionalitäten, die sie bei ihren Trading-Entscheidungen bestmöglich unterstützen. Die Anwendungen überwachen und analysieren das Trading-Verhalten und versorgen den Kunden mit allen verfügbaren Daten.

 

Basierend auf Verhaltensanalysen identifizieren die Tools mögliche Verzerrungen, die den Nutzer potentiell in seiner Trading-Entscheidung beeinflussen. Der Anwender erhält umgehend eine Benachrichtigung der App, dass unter Umständen ein Risiko besteht. Durch diese erhöhte Wahrnehmung für mögliche Verzerrungen tritt mittelfristig bei den Tradern ein Selbstlerneffekt ein, der sie voraussichtlich davor bewahrt, falsche Trading-Entscheidungen zu treffen. Zudem erhalten Nutzer bei modernen KI-Lösungen noch die Möglichkeit, an Bildungsangeboten wie Schulungen im Finanzbereich teilzunehmen. Das Fintech Start-Up Capital.com beispielsweise bietet die genannten Funktionalitäten in seiner SmartFeed-App an und verfolgt so das Ziel, dass Trader durch den Einsatz moderner Technologie den höchstmöglichen Erfolg erfahren und zudem lernen ihre Entscheidungen kritisch zu hinterfragen.

KI vertrauen?

KI ist im Gegensatz zum Menschen in der Lage, große Datenmengen zu sammeln und in Echtzeit zu analysieren und abzubilden. Daher kann sie eine wertvolle Unterstützung für das Trading sein. Allerdings lassen die jüngsten Erkenntnisse von Social Media, der Politik und sogar Science-Fiction-Filmen darauf schließen, dass selbst KI nicht immer frei von Verzerrungen ist. Wird bedacht, dass auf KI basierende Technologien ihre Daten vom Menschen erhalten und vom menschlichen Verhalten lernen, ist auch maschinelles Lernen nicht vor dem Risiko der Verzerrung immun.

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Gewisse Kontrollinstanzen sind beim Einsatz von maschinellem Lernen notwendig, um zu verhindern, dass bereits vorhandene Verzerrungen unter Umständen noch verstärkt werden. Schon einmal haben Computer gestützte Handelsprogramme große Verluste an den Börsen verursacht.

 

Der Grund hierfür waren nur in unregelmäßigen Abständen geprüfte Technologien. Ungeachtet dessen, existieren bereits heute Algorithmen, die wesentlich effizienter und effektiver auf den Finanzmärkten handeln als der Mensch. Trotzdem bleibt ein Fazit: Nur wenn Künstliche und menschliche Intelligenz eng verzahnt miteinander eingesetzt werden, können beide ihr volles Potenzial entfalten. 

 

Quelle Titelbild: iStock/ metamorworks



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