Mobile Payment per Smartphone an einem Kassenterminal - symbolisch für den globalen Wandel im Zahlungsverkehr
02.04.2026

Wero, UPI, Pix: Jede große Volkswirtschaft baut eigene Zahlungssysteme – und Visa meldet trotzdem Rekordgewinne

7 Min. Lesezeit

Von Brasilien über Indien bis Europa: Fast jede große Volkswirtschaft baut gerade ein eigenes digitales Zahlungssystem auf, das Visa und Mastercard überflüssig machen soll. Die Systeme funktionieren, die Nutzerzahlen explodieren – und trotzdem melden beide Kartenkonzerne Rekordgewinne. Was wie ein Widerspruch klingt, ist eine Lektion in digitaler Machtpolitik, die auch den Mittelstand betrifft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Indien (UPI), Brasilien (Pix), Europa (Wero) und China (Alipay/WeChat Pay) haben jeweils eigene Instant-Payment-Systeme aufgebaut, die Kartenzahlungen im Inland weitgehend ersetzen.
  • Visa erzielte 2024 rund 35,9 Milliarden US-Dollar Umsatz bei 20 Milliarden Gewinn – trotz weltweiter Konkurrenz (Visa Fiscal Year 2024 Results).
  • Die größte Schwäche aller nationalen Systeme: grenzüberschreitende Zahlungen. Genau dort wachsen Visa und Mastercard am schnellsten.
  • Für den Mittelstand heißt das: Wer international verkauft, kommt an den Kartenkonzernen kaum vorbei. Wer im DACH-Raum operiert, sollte Wero im Blick behalten.

Die globale Revolte gegen das Kartenkartell

Es passiert leise, aber es passiert überall gleichzeitig: Regierungen und Zentralbanken rund um den Globus bauen Zahlungssysteme auf, die zwei amerikanische Konzerne aus dem Zentrum des Geldverkehrs verdrängen sollen. In Großbritannien planen Bankchefs gerade „Delivery Co“, eine nationale Alternative zu Visa und Mastercard. Europas Bankenkonsortium EPI hat mit Wero bereits 47 Millionen registrierte Nutzer. Brasiliens Pix wurde fünf Jahre nach dem Start zum dominanten Zahlungsmittel des Landes. Und in Indien hat UPI das traditionelle Bankwesen praktisch unsichtbar gemacht.

Die Motive sind dabei überall ähnlich: Souveränität über die eigene Zahlungsinfrastruktur, niedrigere Transaktionskosten und Unabhängigkeit von Unternehmen, die im Ernstfall den Geldhahn zudrehen können. Dass Russland nach den Sanktionen 2014 sein eigenes Kartensystem MIR aufbauen musste, nachdem Visa und Mastercard das Land abschalteten, hat weltweit als Warnsignal gewirkt.

35,9 Mrd. USD
Visa-Jahresumsatz 2024 – bei rund 20 Milliarden US-Dollar Nettogewinn. Trotz globaler Konkurrenz.
Quelle: Visa Inc. Fiscal Year 2024 Results

Drei Modelle, eine Richtung

Die erfolgreichsten Alternativen folgen einem gemeinsamen Prinzip: Sie setzen eine benutzerfreundliche Oberfläche auf das bestehende Bankensystem, statt es zu ersetzen. Die Unterschiede liegen im Detail.

Indien – UPI (seit 2016): Das Unified Payment Interface wurde von der staatlichen National Payments Corporation of India als offener Standard gebaut. Jede Bank kann mitmachen, jede App kann UPI integrieren. Eine Zahlung funktioniert über eine einfache ID – ähnlich einer E-Mail-Adresse – oder per QR-Code. Google Pay in Indien ist heute im Kern eine UPI-App, keine Karten-App. Das System verarbeitet mittlerweile Milliarden Transaktionen pro Monat und ist für Privatpersonen kostenlos.

Brasilien – Pix (seit 2020): Die brasilianische Zentralbank hat Pix als verpflichtendes System eingeführt: Jede Finanzinstitution mit mehr als 500.000 aktiven Konten muss teilnehmen. Transaktionen sind für Privatpersonen kostenlos, für Unternehmen liegen die Gebühren deutlich unter einem Prozent – verglichen mit ein bis zwei Prozent bei Kreditkarten. Innerhalb von fünf Jahren wurde Pix zum dominanten Zahlungsmittel des Landes.

China – Alipay und WeChat Pay: China war der Pionier, aber auch das Warnbeispiel. Beide Systeme sind private Plattformen, keine offenen Standards. Alipay-Nutzer konnten jahrelang nicht an WeChat-Pay-Nutzer überweisen. Erst nach staatlichen Eingriffen öffneten sich die Systeme. Für den Rest der Welt wurde China zum Blaupause und Mahnung zugleich: Mobile Payment funktioniert – aber nur wenn der Staat die Spielregeln setzt.

„Die Abhängigkeit von zwei amerikanischen Konzernen für etwas so Grundlegendes wie den Zahlungsverkehr war für viele Volkswirtschaften nie akzeptabel – sie hatten nur keine Alternative. Jetzt haben sie eine.“
– MBF-Redaktion

Europas komplizierter Weg: Wero und der digitale Euro

Europa hat es schwerer als Indien oder Brasilien – und das aus zwei Gründen. Erstens: Kreditkarten und EC-Karten sind hier bereits tief verankert. Es gibt kein Vakuum, das ein neues System füllen könnte. Zweitens: Europa ist kein Land, sondern ein Kontinent mit über 20 regulatorischen Rahmenwerken, eigenen Zentralbanken und bereits existierenden nationalen Systemen wie iDEAL in den Niederlanden, Vipps in Skandinavien oder Blik in Polen.

Trotzdem bewegen sich die Dinge. Die European Payment Initiative (EPI) – ein Konsortium aus 16 großen europäischen Banken, darunter Deutsche Bank, BNP Paribas und ING – hat mit Wero eine Plattform gestartet, die auf dem SEPA-Instant-Standard aufsetzt. Das Konzept ist bekannt: Bezahlen per Telefonnummer, E-Mail oder QR-Code, in Echtzeit, kostenlos. In Belgien, Frankreich und Deutschland ist Wero bereits live, rund 50 von 106 erfassten Banken haben die Funktion aktiviert.

Parallel dazu plant die Europäische Zentralbank den digitalen Euro – eine Zentralbankwährung, bei der Bürger Konten direkt bei der EZB halten könnten. Das wäre deutlich radikaler als Wero, weil es nicht nur Visa und Mastercard, sondern auch die klassischen Geschäftsbanken teilweise überflüssig machen würde. Genau deshalb treiben die Banken Wero so aggressiv voran: Sie wollen die EZB überholen.

Der nächste große Schritt für Wero: Interoperabilität mit 13 nationalen Zahlungssystemen in Europa. Wenn das gelingt, hätte die Plattform Zugang zu deutlich über 100 Millionen zusätzlichen Nutzern. Ob Händler und Verbraucher tatsächlich umsteigen, ist die offene Frage.

15-20 %
Jährliches Wachstum bei grenzüberschreitenden Online-Zahlungen via Kreditkarte – das profitabelste Segment für Visa und Mastercard.
Quelle: Visa/Mastercard Earnings Reports Q1-Q3 2024

Das Paradox: Warum Visa und Mastercard trotzdem wachsen

Hier wird es interessant – und für den Mittelstand relevant. Trotz aller neuen Konkurrenten melden beide Kartenkonzerne weiterhin Rekordergebnisse. Das internationale Geschäft von Mastercard wuchs zuletzt mit rund 13 Prozent pro Jahr – deutlich schneller als das US-Geschäft mit rund 6 Prozent. Das ist genau das Gegenteil von dem, was man erwarten würde.

Vier Faktoren erklären dieses Paradox:

1. Der Gesamtmarkt wächst schneller als die Konkurrenz frisst. Während in Schwellenländern UPI und Pix dominieren, wächst gleichzeitig das Gesamtvolumen digitaler Zahlungen so rasant, dass Visa und Mastercard trotzdem mehr Transaktionen verarbeiten als im Vorjahr.

2. Grenzüberschreitende Zahlungen sind ihr Burggraben. Wenn ein deutscher Mittelständler auf einer US-Plattform einkauft oder ein koreanischer Kunde ein Netflix-Abo bezahlt, läuft das fast immer über Visa oder Mastercard. Nationale Systeme wie UPI oder Pix funktionieren hervorragend im Inland – aber für Cross-Border-Zahlungen sind sie noch nicht gerüstet.

3. Steigende Gebühren pro Transaktion. Beide Konzerne haben ihre Gebührenstruktur über Jahre systematisch erweitert und erhöht – bis hin zu erfolgreichen Klagen von Händlerverbänden. Pro Transaktion wird heute mehr extrahiert als noch vor fünf Jahren.

4. Services jenseits der Karte. Visa und Mastercard sind längst mehr als Kartennetzwerke. Sie bieten Anti-Geldwäsche-Checks, Betrugsprävention, Tokenisierung, Streitschlichtung und Devisenabwicklung an – Services, die ironischerweise auch Institutionen innerhalb von Pix, Wero und UPI nutzen und bezahlen.

„Solange nationale Zahlungssysteme an der Landesgrenze enden, ist der Burggraben von Visa und Mastercard intakt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell Wero, UPI und Pix international werden.“
– MBF-Redaktion

Was das für den Mittelstand bedeutet

Für deutsche Unternehmen ergeben sich drei konkrete Handlungsfelder:

Wero beobachten, nicht ignorieren. SEPA Instant ist seit 2025 verpflichtend für alle Banken in der Eurozone. Wero baut darauf auf. Wer heute einen Online-Shop im DACH-Raum betreibt, sollte prüfen, ob sein Payment-Provider Wero-Zahlungen bereits unterstützt oder wann er das plant. Die Transaktionskosten liegen deutlich unter denen von Kreditkartenzahlungen.

Cross-Border-Kosten kennen. Wer international verkauft oder einkauft, zahlt bei jeder Transaktion über Visa und Mastercard Gebühren, die in den letzten Jahren gestiegen sind. Ob es mittelfristig günstigere Alternativen gibt – etwa über Weros geplante Interoperabilität mit skandinavischen oder polnischen Systemen – hängt davon ab, wie schnell die Vernetzung vorankommt.

Zahlungssouveränität als Risikofaktor ernst nehmen. Die Erfahrungen aus Russland, aber auch Fälle in denen Visa und Mastercard aus politischen oder regulatorischen Gründen Zahlungen blockiert haben, zeigen: Wer sein gesamtes Payment über zwei US-Unternehmen abwickelt, hat ein Klumpenrisiko. Diversifikation der Zahlungsinfrastruktur ist kein Thema nur für Konzerne.

Fazit: Revolution in Zeitlupe

Die Welt baut gerade ein dezentrales Netz nationaler Zahlungssysteme auf, das die Dominanz von Visa und Mastercard langfristig erodieren wird. Kurzfristig profitieren die Kartenkonzerne paradoxerweise sogar davon: Mehr digitale Zahlungen weltweit bedeuten mehr Transaktionen, und im grenzüberschreitenden Geschäft haben sie weiterhin ein De-facto-Monopol.

Für den Mittelstand heißt das: Die Karten verschwinden nicht morgen. Aber wer heute seine Payment-Strategie nur um Visa und Mastercard herum plant, baut auf einem Fundament, das in fünf Jahren anders aussehen wird als heute.

Häufige Fragen

Was ist Wero und wann kann ich damit bezahlen?

Wero ist die Verbrauchermarke der European Payment Initiative (EPI), einem Konsortium aus 16 europäischen Großbanken. Aktuell funktioniert Wero primär für Person-zu-Person-Zahlungen in Deutschland, Frankreich und Belgien. Merchant-Zahlungen und Online-Payments sollen im Laufe von 2026 und 2027 folgen.

Sind UPI und Pix auch in Deutschland nutzbar?

Nein, beide Systeme sind aktuell auf ihre Heimatmärkte (Indien bzw. Brasilien) und einige Partnerländer beschränkt. UPI expandiert vor allem in Länder mit starker indischer Diaspora. Für den DACH-Raum ist Wero die relevante Alternative zu Kartenzahlungen.

Müssen Mittelständler jetzt schon auf Wero umstellen?

Nein, ein sofortiger Handlungsbedarf besteht nicht. Wero ist noch in einer frühen Phase. Sinnvoll ist aber, beim nächsten Gespräch mit dem Payment-Provider nach der Wero-Roadmap zu fragen und die Entwicklung aktiv zu beobachten – besonders wenn das Geschäft primär im DACH-Raum oder der Eurozone liegt.

Warum melden Visa und Mastercard trotz Konkurrenz Rekordgewinne?

Drei Gründe: Der globale Markt für digitale Zahlungen wächst schneller als die nationalen Alternativen Marktanteile nehmen. Grenzüberschreitende Online-Zahlungen – das profitabelste Segment – wachsen mit 15 bis 20 Prozent pro Jahr und laufen fast ausschließlich über Kreditkarten. Und beide Konzerne bieten längst Services über die reine Kartenabwicklung hinaus an, die auch ihre Konkurrenten nutzen.

Was hat Wero mit SEPA Instant zu tun?

Wero setzt technisch auf dem SEPA-Instant-Standard auf – das ist die bereits existierende europäische Infrastruktur für Echtzeit-Banküberweisungen. Seit 2025 müssen alle Banken in der Eurozone SEPA-Instant-Zahlungen unterstützen. Wero macht diese Infrastruktur für Verbraucher und Händler so einfach zugänglich wie heute eine Kartenzahlung.

Quelle Titelbild: Pexels / Tim Douglas (px:6205512)

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