Rauchen 2.0: Wie sich das schädlichste Hobby der Welt digitalisiert

03. März 2019, Redaktion: MyBusinessFuture

Viele Raucher haben als Jugendliche angefangen und fanden es wohl besonders cool, heimlich im Gebüsch zu paffen. Der Trend geht heute zur E-Zigarette, aber nicht, weil sie cooler ist, sondern weil sie kaum stinkt, weniger schädlich und gesellschafts- oder gar kneipenfähiger ist.

Die Weimarer Republik mit Gaststätten und Nachtklubs, wie das in der Krimiserie „Babylon Berlin“ zu neuem Leben erweckte Moka Feit, hat die Raucherkultur in Deutschland geprägt wie keine andere Ära. Lasziv zündete sich damals auch so manch feine Dame mit Charlestonkleid und Bubikopf eine Zigarette an, stilvol am langstieligen Filter natürlich. In den Schützengräben galt der Glimmstängel längst als Seelennahrung. Unvorstellbar lange hielt er sich auch in Bundestagsdebatten, genauer bis September 2007. Aber so richtig krass vernebelt waren sie zu Schwarzweiß-Zeiten, schaut man sich die Fernsehaufnahmen von früher an.

Der qualmende Bundestag ist passé

Das Bild vom coolen Raucher wurde im 20. Jahrhundert auch von Stars wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, James Dean und Marlon Brando hochgehalten – und in vielen US-Serien auch noch bis Anfang des neuen Jahrtausends. Bis die strengen Nichtraucherschutzgesetze in einigen US-Staaten das Paffen in Bundesbehörden und der Gastronomie immer unrealistischer erscheinen ließ, wie es in einem FAZ-Artikel heißt. Zu sehr wogen mehr und mehr die gesundheitlichen Folgen mit, von Tabaccoatlas.org geschätzten 7,1 Millionen Todesfällen weltweit, 5,1 Millionen davon bei Männern und 884.000 bei Passivrauchern im Jahr 2016, die meisten davon in Amerika und Asien.

Konnte man bis Ende der 1990er sogar noch im Flugzeug rauchen, war damit jäh Schluss und fühlte man sich in den engen, stickigen und stinkenden Raucherkabinen plötzlich wie ein Aussätziger. Weltweite zum Teil drastische Preiserhöhungen, Kampagnen und Verbote bewirkten, dass der Anteil der Raucher in vielen Industrienationen zum Teil drastisch nach unten gegangen ist, obwohl er mit 1,1 Milliarden Konsumenten aufgrund starker Zunahme in Entwicklungsländern weltweit gestiegen ist.

Quelle: iStock/mustafagull

Kneipenverbote zeigen Wirkung, Trend geht zur E-Zigarette

Was zunächst niemand glaubte: Massive Steuererhöhungen und die zuerst in Bayern losgetretenen Kneipenverbote, die Anfang 2007 bei klirrender Kälte zu spontanen Verbrüderung unter den Rauchern führte, haben tatsächlich Wirkung gezeigt. In Deutschland ist der Männeranteil zwischen 1995 und 2015 von rund 43 auf 28 Prozent gesunken, der Frauenanteil von 29 auf etwas über 23 Prozent. Rund 17 Prozent der Deutschen paffen nur noch täglich, acht Prozent gelegentlich. Das geht aus Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und rauchfrei-info.de hervor.

Derweil geht der Trend zur E-Zigarette oder dem Tabakerhitzer, zumal sie in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel je nach Art durchaus kneipenfähig ist und nicht zwingend außen vor bleiben muss. 2010 waren es heise.de zufolge nur gerade 0,3 Millionen Konsumenten in Deutschland, 2016 bereits 3,5 Millionen. Studien in den USA und im Vereinigten Königreich attestieren, dass der elektronische Glimmstängel zu 95 Prozent weniger gesundheitsschädigend sei. Kritiker sorgten sich prompt, dass damit ehemalige Nichtraucher gelockt werden könnten. In Deutschland ist der Anteil mit 1,0 Prozent aber laut Heise sehr gering. Die Zahlen stammen von Statista, dem Verband des Zigarettenhandels (VdeH) und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Tabakerhitzer – eine Alternative zur (E-)Zigarette?

Tabakerhitzer sind eine relativ junge Antwort großer Tabakkonzerne auf den Wandel des Rauchens. Viele Modelle wurden über Jahre entwickelt und erst seit kurzer Zeit auf dem Markt erhältlich. Nach Deutschland hat es bisher beispielsweise nur das model „IQOS“ von Philip Morris geschafft.

 

Während in den meisten E-Zigaretten der Tabak wie bei echten Zigaretten auf bis zu 800 Grad Celsius erhitzt wird, werden bei Tabakerhitzern wie der IQOS Tabaksubstanzen nur bei 250 bis 350 Grad erhitzt und nicht verbrannt. Das entbindet zwar nicht von der möglichen Nikotinabhängigkeit, senkt aber die Krebsgefahr deutlich, weil dabei kein Kohlenmonoxid, Arsen und keine Blausäure entstehen. Wirklich gesund ist die IQOS wie alle Transportmittel von Nikotin aber nicht. Sie ist dennoch weniger schädlich und dabei mit der dritten Generation IQOS 3 stilvoller als der normale Glimmstängel.

Digitales Rauchen scheint sich demnach zu lohnen. Mit der IQOS bringt Philip Morris mittlerweile drei Generationen seiner Elektro-Kippe auf den Markt – Kostenpunkt 119 Euro. Verschiedene Farben bei den Modellen stehen natürlich zur Wahl. Und so fühlt sich der digitale Raucher fast wie beim Kauf eines Apple-Produktes – alles ist clean, smart und elegant. Ist das das „neue Rauchen“?

 

Befüllt wird IQOS mit „Heets“ getauftenTabakhülsen, die aus komprimiertem Tabak und patentiertem Polymer-Filter bestehen. Verschiedene Tabakgeschmacksrichtungen sind erhältlich und orientieren sich an der Auswahl von Marlboro. Auch preislich stehen die Heets der echten Zigarette in nichts nach. Eine Packung kostet 6 Euro, eine Stange mit 200 Heets liegt bei 60 Euro.

Abgesehen von der Freigabe ab 18 wurde damit eine zusätzliche Einstiegshürde geschaffen, um Kinder und Jugendliche davon abzuhalten, der Preis. Denn IQOS kostet viel Geld. Wo der normale Raucher mit einem Papier und einer Packung Tabak schon loslegen kann, braucht der „Heeter“ erst einmal eine vollständige Ausrüstung – ähnlich wie das die Anhänger von Pfeifen kennen.

Rauchen 2.0 – Innovationen kommen, Konsum bleibt

IQOS, E-Zigarette und Co. haben den etablierten Rauchermarkt etwas aufgerüttelt. Und das ist auch gut so, sowohl für die Industrie als auch für den Konsumenten. Die Industrie sieht sich beispielsweise immer größerem Druck seitens vieler Regierungen ausgesetzt – Großbritannien, Neuseeland oder Australien sind hier seit Jahren Verfechter eine No-Smoking Policy, die Preise für eine Schachtel Tabak steigen regelmäßig in astronomische Höhen. Hier kommt eine E-Zigarette, ein Vaporizer oder eben ein Tabakerhitzer gerade recht, um Konsumenten einen neuen Markt zu bieten.

 

Aber auch Raucher ziehen ihre Vorteile. Während Rauchen verschiedene Klischees, Zielgruppen und gar Einkommensklassen bedient und zuweist, liefern die elektronischen Pendants frischen Wind auf dem Markt. Denn sind wir ehrlich, Rauchen hat bis heute in vielerlei Hinsicht etwas mit Lebensgefühl zu tun – denken Sie an die Testimonials Bogart und Brando oder eben an den „Hipster“, der heute noch gerne seine American Spirit per Hand dreht, ohne Filter versteht sich.

Rauchen ist und bleibt nun mal ein Laster und ist nach internationaler Definition „tödlich“. Auch auf den IQOS-Packungen mit den Heets ist das klar und deutlich zu sehen. Aber 95 Prozent weniger Gesundheitsschäden ist ein Argument, für Raucher wohlgemerkt, nicht für solche, die aufgehört haben oder aufhören wollen. Cool ist eben heute anders.

„More doctors smoke Camel than any other Cigarette” lautete eine Camel Werbung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute könnte es lauten „der genussvolle Raucher achtet auf seine Mitmenschen und raucht elektronisch“. So verändert sich das Rauchen, wie alle paar Jahrzehnte und erfindet sich neu. Mit IQOS und Co. zeitgemäß wird es dieses Mal eben digital. Und bleibt dabei wie eh und je schädlich.

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Quelle: Titelbild: iStock/licsiren



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