Quante-Startup aus Bayern
19.11.2024

Quanten-Startup aus Bayern verspricht „echte“ Anwendungen

8 Min. Lesezeit

Das bayerische Startup Planqc hat einen 20 Millionen Euro Auftrag vom Leibniz-Rechenzentrum erhalten, um bis 2027 einen Quantencomputer mit 1.000 Qubits zu entwickeln. Ergänzt durch eine 29 Millionen Euro Förderung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zielt das Projekt nicht auf bloße Rekorde, sondern auf die nahtlose Integration in bestehende High-Performance Computing Systeme. Damit positioniert sich Deutschland im globalen Wettlauf um praxistaugliche Quantentechnologie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Planqc erhält einen 20 Millionen Euro Auftrag vom Leibniz-Rechenzentrum für die Entwicklung eines skalierbaren Quantensystems.
  • Zusätzliche 29 Millionen Euro Förderung sichern die Forschung und Entwicklung bis zur Marktreife ab.
  • Das Ziel ist ein System mit 1.000 hochwertigen Qubits, das bis 2027 operative Einsätze in der Industrie ermöglicht.
  • Deutschland festigt seine Führungsposition, nachdem bereits seit 2022 ein 5.000-Qubit-System in Jülich läuft.
  • Der Fokus liegt auf der Hybrid-Architektur: Quantenprozessoren als Co-Prozessoren in klassischen Rechenzentren.
5.000
Qubits im Quantencomputer in Jülich seit 2022
273,15°C
Kühlung nahe dem absoluten Nullpunkt erforderlich

„Um Letzteres zu erreichen, braucht es eine hohe Anzahl von Qubits – aber noch viel mehr braucht es Stabilität und geringe Fehlerquoten“, sagt Sebastian Blatt, CTO von Planqc.

Quantenbits revolutionieren die Rechenleistung

Klassische Computer stoßen bei komplexen Optimierungsproblemen an physikalische Grenzen. Ein herkömmlicher Prozessor arbeitet mit Bits, die entweder den Zustand 0 oder 1 haben. Quantencomputer hingegen nutzen Quantencomputer Qubits – Quantenbits. Wie der Name andeutet, handelt es sich um eine andere Art von Bits, die durch die Prinzipien der Quantenmechanik definiert sind. Diese Eigenschaft erlaubt es den Qubits, sich in einer Superposition zu befinden. Sie sind nicht festgelegt auf null oder eins, sondern können beide Zustände gleichzeitig einnehmen.

Wenn Qubits miteinander verschränkt werden, steigt die Rechenkapazität nicht linear, sondern exponentiell an. Ein System aus acht verschränkten Qubits kann theoretisch 256 Zustände parallel verarbeiten. Das entspricht allen Zahlen von 0 bis 255. Bei einer Skalierung auf 1.000 Qubits ergibt sich eine Zustandsmenge von 2 hoch 1000. Diese Zahl übersteigt die geschätzte Anzahl der Atome im sichtbaren Universum bei weitem. Diese Rechenleistung Quantenprozessoren und -computer eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Simulation von Molekülen in der Pharmaforschung oder die Optimierung globaler Lieferketten.

Die reine Anzahl von Qubits ist jedoch nur ein Teil der Gleichung. In der Praxis leiden Quantensysteme unter Dekohärenz. Äußere Störungen wie Temperaturschwankungen oder elektromagnetische Felder zerstören den empfindlichen Quantenzustand. Wenn Qubits ihre Kohärenz verlieren, wird das Rechenergebnis wertlos. Daher konzentriert sich das Startup Planqc nicht primär auf die maximale Skalierung der Qubit-Zahl, sondern auf Qualität und Integration. Nur stabile Qubits mit langen Kohärenzzeiten liefern Ergebnisse, die in der industriellen Anwendung verwertbar sind.

Für Mittelständler bedeutet dies: Die Technologie ist noch nicht plug-and-play-fähig. Doch die Entwicklung schreitet rasch voran. Unternehmen, die heute beginnen, Use-Cases zu identifizieren, die von dieser exponentiellen Rechenpower profitieren, werden morgen einen Wettbewerbsvorteil haben. Es geht nicht darum, den eigenen Serverraum sofort umzurüsten, sondern zu verstehen, welche Probleme klassische Computer nicht lösen können. Materialforschung und Logistik sind hier die Vorreiter.

Deutschland führt im Bereich Quantencomputing

Deutschland spielt im globalen Rennen um die Quantenüberlegenheit eine zentrale Rolle. Dies ist kein Zufall, sondern das Resultat einer langen wissenschaftlichen Tradition. Der deutsche Physiker Max Planck gilt als Begründer der Quantentheorie. Es ist daher keine Überraschung, dass das Startup Planqc seinen Namen bewusst an diese Geschichte der Physik anlehnt. Die Marke steht für die Kontinuität deutscher Forschungsexzellenz im Gebiet des Quantencomputing.

Ein entscheidender Meilenstein wurde 2005 gesetzt. Der Experimentalphysiker Rainer Blatt an der Universität Innsbruck verschränkte erstmals erfolgreich acht Qubits. Dieser Durchbruch bewies, dass Quantenoperationen kontrollierbar sind. Rainer Blatt wurde später zum Direktor des Munich Quantum Valley ernannt. Diese Initiative ging aus dem Institut für Quantenoptik hervor und bündelt heute die Kräfte der führenden deutschen Forschungseinrichtungen. Die enge Verzahnung von akademischer Forschung und industrieller Anwendung ist das Markenzeichen des deutschen Ansatzes.

Seit 2022 betreibt das Forschungszentrum Jülich im Rahmen des JUNIQ-Programms Europas ersten Quantencomputer mit über 5.000 Qubits. Dieses Rechenzentrum für Quantencomputer dient als Testfeld für Algorithmen und Anwendungen. Während andere Nationen oft auf isolierte Insellösungen setzen, verfolgt Deutschland eine integrative Strategie. Quantencomputer sollen als Beschleuniger in bestehende High-Performance Computing Systeme eingebettet werden. Diese Architektur ermöglicht es, die Stärken klassischer und quantenbasierter Rechnertechnologien zu kombinieren.

Die politische Unterstützung ist erheblich. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) stellt eine Millionen Euro Förderung für strategische Projekte bereit. Dazu gehört auch das MAQCS-Projekt, an dem Planqc maßgeblich beteiligt ist. Diese finanziellen Mittel sind kein Selbstzweck, sondern dienen dem Aufbau einer souveränen Technologiebasis. Für deutsche Industrieunternehmen ist dies eine Versicherung gegen Abhängigkeiten von ausländischen Tech-Giganten. Wer heute in lokale Quantenkompetenz investiert, sichert sich morgen Zugang zu proprietären Lösungen.

Planqc entwickelt Qubits mit hoher Qualität

Das Startup Planqc aus Bayern hat einen klaren technologischen Fokus. Statt auf supraleitende Schaltkreise zu setzen, die extrem anfällig für Störungen sind, nutzt das Unternehmen Fallen-Ionen-Technologie. Bei diesem Ansatz werden einzelne Ionen in elektromagnetischen Feldern gefangen. Diese Methode bietet eine der höchsten Präzisionsraten auf dem Markt. Die Qubits sind nahezu identisch und weisen eine sehr lange Kohärenzzeit auf. Das reduziert die Fehlerquote drastisch und minimiert den Aufwand für Fehlerkorrektur.

Für diese Entwicklung hat Planqc einen 20 Millionen Euro Auftrag vom Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) erhalten. Dieser Millionen Euro Auftrag ist ein starkes Signal des Vertrauens in die technische Machbarkeit. Das LRZ sucht nicht nach Spielzeugen für das Labor, sondern nach robusten Systemen für den Dauerbetrieb. Parallel dazu wurde eine weitere 29 Millionen Euro Förderung zugesagt. Diese Kombination aus Auftrag und Förderung gibt dem Startup die nötige Planungssicherheit, um die Entwicklungsziele bis 2027 zu erreichen.

Sebastian Blatt, CTO von Planqc, betont die Bedeutung der Stabilität. „Um Letzteres zu erreichen, braucht es eine hohe Anzahl von Qubits – aber noch viel mehr braucht es Stabilität und geringe Fehlerquoten“, erklärt er. Die Kürze Planqc steht dabei für Precision And Quality Quantum Computing. Das Unternehmen verzichtet bewusst auf übertriebene Marketingversprechen bezüglich der Qubit-Zahl. Stattdessen liegt der Fokus auf der Zuverlässigkeit jeder einzelnen Rechenoperation. Ein fehlerhaftes Ergebnis nützt keinem Kunden, egal wie schnell es berechnet wurde.

Die Technologie profitiert direkt von der Forschung am Max-Planck-Institut für Quantenoptik. Die Wissenschaftler dort haben die Grundlagen der Ionenfallen-Technologie jahrelang verfeinert. Planqc bringt dieses Know-how nun in die industrielle Anwendung. Das Ziel ist ein System mit 1.000 logischen Qubits. Diese Größe gilt als Schwelle, ab der Quantencomputer Probleme lösen können, die für klassische Supercomputer unmöglich sind. Für einen 200-Mann-Fertiger in Baden-Württemberg mag das weit weg klingen, doch die Auswirkungen auf die Materialentwicklung werden die gesamte Wertschöpfungskette verändern.

Integration in bestehende Rechenzentren als Schlüssel

Der größte Hebel für den Erfolg von Quantencomputing liegt in der Integration. Ein isolierter Quantencomputer ist für die meisten Unternehmen nutzlos. Planqc entwickelt daher sein System als Quanten-Co-Prozessor. Das bedeutet, dass der Quantenchip direkt in die Infrastruktur des Leibniz-Rechenzentrums eingebunden wird. Klassische Prozessoren übernehmen die Steuerung, die Datenvorbereitung und die Nachbearbeitung. Der Quantenprozessor übernimmt nur die spezifischen Teilaufgaben, bei denen er einen Vorteil bietet. Dieser Schlüssel für praktische Anwendungen macht die Technologie zugänglich.

Diese Hybrid-Architektur erfordert minimale Latenzzeiten. Die Daten müssen blitzschnell zwischen dem klassischen Cluster und dem Quantensystem hin und her fließen. Jede Verzögerung würde den Quantenzustand gefährden oder den Rechenvorteil zunichtemachen. Das Leibniz-Rechenzentrum in Garching ist dafür der ideale Partner. Es betreibt eines der leistungsfähigsten Performance Computing Systeme Europas. Die Expertise des LRZ in der Vernetzung heterogener Systeme ist unverzichtbar für den Erfolg des Projekts.

Die technischen Anforderungen an die Umgebung sind extrem. Um die empfindlichen Quanteneigenschaften zu erhalten, müssen die Ionenfallen auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt von minus 273,15 Grad Celsius gekühlt werden. Thermische Bewegung würde die Qubits sofort destabilisieren. Diese Kühlung ist energieintensiv und technisch anspruchsvoll. Doch durch die Zentralisierung im Rechenzentrum können diese Ressourcen effizient genutzt werden. Einzelne Unternehmen müssten diese Infrastruktur nie selbst vorhalten.

Für IT-Leiter und Geschäftsführer ist diese Entwicklung relevant. In wenigen Jahren werden Quanten-Dienste als Cloud-Service verfügbar sein. Unternehmen, die heute ihre Datenstrukturen und Prozesse analysieren, werden früher profitieren. Die Frage ist nicht, ob Quantencomputing kommt, sondern wann es wettbewerbsentscheidend wird. Branchen wie die Chemie, die Finanzdienstleistung und die Automobilindustrie stehen an der Schwelle. Wer jetzt die Schnittstellen definiert, bestimmt morgen die Standards. Die Zusammenarbeit von Planqc und dem LRZ zeigt, wie dieser Übergang gelingen kann.

Die Bundesregierung unterstützt diesen Weg aktiv. Durch die Bündelung von Ressourcen in Zentren wie Jülich und Garching entsteht ein Ökosystem, das international konkurrenzfähig ist. Es geht nicht nur um Hardware, sondern um Software, Algorithmen und Anwendungs-Know-how. Deutschland hat die Chance, zum Leitmarkt für sichere und zuverlässige Quantenlösungen zu werden. Das Startup Planqc ist dabei ein wichtiger Baustein. Mit seinem Fokus auf Qualität statt Quantität setzt es Maßstäbe, die für den industriellen Einsatz entscheidend sind.

Häufige Fragen

Was unterscheidet Planqcs Ansatz von anderen Quantencomputern?

Planqc entwickelt Quantenprozessoren speziell für die Integration in bestehende High-Performance Computing Systeme, anstatt isolierte Quantencomputer zu bauen. Dies ermöglicht Hybrid-Berechnungen und praktische Anwendungen.

Warum sind 1.000 Qubits ein wichtiger Meilenstein?

Ab etwa 1.000 Qubits wird erwartet, dass Quantencomputer bei bestimmten Problemstellungen einen praktischen Vorteil gegenüber klassischen Computern bieten können. Dies gilt als Schwelle für kommerzielle Anwendungen.

Welche Branchen profitieren zuerst von Quantencomputern?

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