Sea E1716892966923 - RWE plant Offshore-Windparks mit fast 1,6 GW Leistung vor Juist
01.07.2024

RWE RWE plant Offshore-Windparks mit fast 1,6 GW Leistung

12 Min. Lesezeit

RWE hat Ende Mai 2024 die finale Investitionsentscheidung für die Nordseecluster A und B getroffen. Dieser strategische Schritt markiert einen entscheidenden Meilenstein für die deutsche Energiewende und sichert dem Konzern eine dominante Position im Offshore-Segment. Mit einer geplanten Gesamtleistung von 1,6 Gigawatt vor der Nordseeinsel Juist entsteht bis 2029 eines der größten Offshore-Projekte Deutschlands.

Das Wichtigste in Kürze

  • RWE trifft Ende Mai 2024 die verbindliche Investitionsentscheidung für die Nordseecluster A und B vor Juist.
  • Die beiden Windparks erreichen eine kombinierte installierte Leistung von 1,6 Gigawatt durch 104 Turbinen.
  • Ab 2027 liefern die Anlagen jährlich rund 6,5 Terawattstunden Strom, primär für industrielle Abnehmer.
  • Die Inbetriebnahme erfolgt gestaffelt: Cluster A startet Anfang 2027, Cluster B folgt bis Anfang 2029.
  • Das Projekt deckt rechnerisch den Bedarf von 1,6 Millionen Haushalten oder großen Industriekomplexen.
1,6 GW
Geplante Gesamtleistung der beiden Windparks vor Juist
6,5 TWh
Jährliche Stromproduktion zur Deckung des Bedarfs

„Diese Entscheidung ist ein klares Bekenntnis zu Deutschland als Offshore-Standort“, sagt Sven Utermöhlen, CEO von RWE Offshore Wind.

Die Weichen für eine neue Ära der deutschen Offshore-Windenergie sind gestellt. Mit der offiziellen Bestätigung Ende Mai 2024 setzt RWE ein starkes Signal an den Markt. Die Investitionsentscheidung für Nordseecluster A und B ist mehr als nur ein weiterer Park im Portfolio. Sie verdoppelt die eigene Offshore-Kapazität des Unternehmens nahezu und festigt die Rolle als technologischer Vorreiter. Die Anlagen entstehen in einem Abstand von rund 50 Kilometern nördlich der Nordseeinsel Juist. Bis Anfang 2029 sollen sie insgesamt 1,6 Gigawatt Leistung ins Netz speisen. Diese Zahl ist beeindruckend, wenn man sie in den Kontext stellt: Sie entspricht fast 19 Prozent der gesamten bisherigen Offshore-Kapazität Deutschlands, die Ende 2023 bei 8,4 Gigawatt lag.

Die Jährliche Stromproduktion von 6,5 Terawattstunden ist eine Größe, die schwer greifbar ist. Rein rechnerisch könnte diese Menge bis zu 1,6 Millionen Haushalte mit Energie versorgen. Das entspricht dem jährlichen Verbrauch einer Metropole wie Hamburg. Doch RWE verfolgt hier eine andere Strategie. Der Strom ist nicht für den klassischen Retailmarkt oder private Endkunden gedacht. Stattdessen zielt das Unternehmen auf langfristige Lieferverträge mit der Industrie ab. Stahlwerke, Chemieparks und Aluminiumhütten benötigen massive Mengen an grünem Strom, um ihre Dekarbonisierung der Industrie voranzutreiben. Ohne solche Großprojekte wäre das Ziel der Bundesregierung, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen, rein mathematisch nicht erreichbar. Die Versorgung von Industriebetrieben wird zum Engpassfaktor der kommenden Jahre.

Projektstruktur und technische Umsetzung

Die Aufteilung des Gesamtprojekts in zwei separate Cluster ist kein willkürlicher Entscheid, sondern Ergebnis eines sorgfältigen Risikomanagements. Nordseecluster A umfasst 44 Windkraftanlagen mit einer installierten Leistung von 660 Megawatt. Der Baubeginn für diesen Abschnitt erfolgte bereits im Jahr 2025. Die Inbetriebnahme ist fest für Anfang 2027 geplant. Nordseecluster B folgt zeitlich versetzt. Es besteht aus 60 Anlagen und bringt weitere 900 Megawatt auf die Waage. Diese zweite Phase soll bis Anfang 2029 vollständig ans Netz gehen. Diese Staffelung bietet RWE entscheidende Vorteile. Das Unternehmen kann aus den Erfahrungen der ersten Bauphase lernen, Lieferketten optimieren und Personal schulen, bevor der zweite, größere Abschnitt startet. Diese Flexibilität reduziert das Risiko von Verzögerungen und erhöht die Planungssicherheit erheblich. Bei Projekten mit einer Laufzeit von über einem Jahrzehnt ist diese Stabilität Gold wert.

Die technischen Anforderungen an die Infrastruktur sind extrem. Die verwendeten Turbinen gehören zur neuesten Generation. Ihre Rotorblätter haben eine Länge von über 100 Metern. Sie müssen in Wassertiefen von bis zu 40 Metern auf massiven Fundamenten verankert werden. Diese Fundamente müssen Stürmen standhalten, bei denen Windgeschwindigkeiten von über 150 km/h auftreten. Für den Transport und die Montage dieser Giganten werden spezialisierte Offshore-Installationsschiffe benötigt. Der Markt für diese Schiffe ist angespannt. Weltweit gibt es nur etwa 30 dieser hochspezialisierten vessels. Engpässe sind daher keine theoretische Gefahr, sondern eine reale Herausforderung im Projektmanagement. Die Verlegung der Unterwasserkabel erfolgt durch spezielle Kabellegschiffe. Sie stellen die rund 100 Kilometer lange Verbindung zum Umspannwerk an Land her, das in Wilhelmshaven angesiedelt ist.

Die Wartungsstrategie unterscheidet sich fundamental von Onshore-Anlagen. Regelmäßige Besuche vor Ort sind auf hoher See oft unmöglich oder wirtschaftlich ineffizient. Stattdessen setzen RWE und andere Betreiber auf fortschrittliche Condition Monitoring Systems (CMS). Diese Systeme überwachen jede Turbine permanent in Echtzeit. Sensoren erfassen Vibrationen, Temperatur, Windrichtung und mechanische Belastungen der Komponenten. Bei kleinsten Abweichungen vom Normalzustand wird automatisch ein Service-Team alarmiert. Dennoch bleibt die physische Erreichbarkeit ein Problemfaktor. Bei Sturmflut oder dichtem Nebel können Helikopter oder Serviceboote nicht ausrücken. Aus diesem Grund werden planbare Wartungsarbeiten in der Regel auf die Monate April bis Oktober konzentriert. In diesem Fenster sind die Wetterbedingungen in der Nordsee statistisch am stabilsten.

Die Fertigung der Komponenten läuft bereits auf Hochtouren. Wie RWE bestätigt, wurden wichtige Aufträge an europäische Hersteller vergeben. Dazu zählen der dänische Marktführer Vestas und der deutsche Zulieferer Enercon. Die Produktion von Rotorblättern, Generatoren und Türmen hat im Jahr 2024 begonnen. Dies ist ein positives Signal für die gesamte Branche. Es zeigt, dass die Lieferketten funktionieren und das Projekt nicht an Materialengpässen scheitern wird. Die deutsche Industrie profitiert direkt von diesem Investitionsvolumen. Schätzungen zufolge entstehen durch den Bau und den späteren Betrieb der beiden Windparks rund 1.563 Arbeitsplätze. Diese Jobs entstehen sowohl direkt bei RWE als auch in der umfangreichen Zulieferkette.

Vergleich mit dem bestehenden Energiemix

Um die tatsächliche Dimension dieses Projekts zu verstehen, muss man es in Relation zum gesamten deutschen Energiemix setzen. Bis Mitte 2023 betrug die installierte Offshore-Leistung vor Deutschlands Küsten insgesamt 8,4 Gigawatt. Diese Kapazität verteilte sich auf 1.563 einzelne Anlagen. Die von RWE geplanten 1,6 Gigawatt entsprechen damit fast 19 Prozent der gesamten bestehenden Kapazität. Das ist kein inkrementeller Schritt. Es ist ein Quantensprung in der nationalen Energieinfrastruktur. Selbst im europäischen Vergleich ist das Projekt herausragend. Nur wenige Länder haben in den letzten Jahren so viel Kapazität in einem einzigen genehmigten Cluster realisiert. Deutschland holt hier deutlich auf.

Der Vergleich zur Onshore-Windenergie zeigt weitere interessante Disparitäten. Insgesamt verfügt Deutschland über 28.667 Onshore-Anlagen. Diese bringen es auf eine Gesamtleistung von 61.010 Megawatt. Der Offshore-Anteil liegt damit aktuell bei etwa 13,9 Prozent der Gesamtkapazität. Doch die Effizienz pro Anlage ist auf See deutlich höher. Eine moderne Offshore-Turbine erzeugt im Schnitt 3.300 Volllaststunden pro Jahr. Eine Onshore-Anlage kommt dagegen nur auf etwa 2.200 Volllaststunden. Der Grund liegt in den stärkeren und vor allem konstanteren Winden auf hoher See. Die Terawattstunden Strom, die RWE mit den beiden neuen Parks produzieren will, entsprechen etwa 1,5 Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs des Jahres 2023. Das klingt nach wenig, ist aber für einen einzelnen Standort enorm.

Der Beitrag zur Versorgungssicherheit ist nicht zu unterschätzen. Während Solaranlagen nachts keinen Strom liefern und Onshore-Wind oft flaut, liefert die Offshore-Windenergie auch in dunklen, windreichen Nächten zuverlässig Energie. Dies macht sie ideal für die Grundlastversorgung. Besonders in Kombination mit Speichern oder Wasserstoff-Elektrolyseuren entfaltet sie ihr volles Potenzial. Diese Menge an grünem Strom könnte beispielsweise ausreichen, um jährlich 61.000 Tonnen grünen Wasserstoff zu produzieren. Das würde genügen, um 900 schwere Lkw oder 20 große chemische Produktionsanlagen nachhaltig zu betreiben. Die Industrie wartet genau auf solche Volumina.

Dennoch bleibt die Diversifizierung des Energiemix unverzichtbar. Ein System, das zu stark auf eine einzige Quelle setzt, ist anfällig. Extreme Wetterlagen können auch die Nordsee betreffen. Deshalb müssen Parallelentwicklungen in der Solarenergie, der Speichertechnologie und dem Netzausbau zwingend voranschreiten. Die Bundesregierung hat hier klare Vorgaben gemacht. Bis 2030 sollen 30 Gigawatt Offshore-Windleistung installiert sein. RWE trägt mit diesem Projekt bereits mehr als 5 Prozent dieses nationalen Ziels allein bei. Das unterstreicht die systemrelevante Rolle des Konzerns.

Strategische Vorteile und Marktposition

RWE profitiert von einer langjährigen und tiefen Erfahrung im Offshore-Bereich. Das Unternehmen betreibt bereits sechs Windparks vor der deutschen Küste. In den letzten 20 Jahren hat es weltweit 19 Projekte realisiert. Diese Expertise ist kein Selbstläufer. Sie entstand durch harte Lernerfahrungen, insbesondere in den frühen 2000er Jahren. Damals führten technische Defekte und Lieferverzögerungen zu erheblichen Kostensteigerungen. Heute ist RWE einer der wenigen europäischen Energiekonzerne, die Planung, Bau und Betrieb aus einer Hand steuern können. Diese vertikale Integration senkt Kosten und erhöht die Kontrolle über den Projekterfolg.

Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil liegt in der Kostenstruktur. RWE muss für die Nutzung der See keine Pacht an die Bundesnetzagentur zahlen. Im Gegensatz zu Onshore-Projekten, bei denen Flächen oft versteigert werden, erfolgt die Zuteilung im Offshore-Bereich über Planfeststellungsverfahren. Das spart dem Unternehmen jährlich Millionen an Fixkosten und verbessert die Wirtschaftlichkeit des Projekts erheblich. Bei einem durchschnittlichen Strompreis von 60 Euro pro Megawattstunde amortisiert sich das Projekt voraussichtlich innerhalb von 12 bis 15 Jahren. Das ist ein akzeptables Risiko bei einer geplanten technischen Laufzeit von 25 Jahren. Die Renditeerwartungen sind somit solide kalkuliert.

Die Ambition des Unternehmens geht weit über Deutschland hinaus. RWE will seine globale Offshore-Kapazität von aktuell 3,3 Gigawatt auf 10 Gigawatt bis zum Jahr 2030 ausbauen. Das ist mehr als eine Verdopplung. Es ist eine strategische Neuausrichtung hin zu erneuerbaren Energien als Kerngeschäft. Neben Deutschland plant das Unternehmen weitere Großprojekte in den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Taiwan. Die Ziele der Bundesregierung im Bereich Klimaschutz und Energieunabhängigkeit spielen dabei eine zentrale Rolle für den Heimatmarkt. Aber RWE denkt global und nutzt Skaleneffekte über Ländergrenzen hinweg.

Die Zusammenarbeit mit Behörden, Umweltverbänden und der Fischereiindustrie bleibt eine ständige Herausforderung. Die Stiftung Offshore Windenergie betont regelmäßig, dass jeder neue Windpark gründlich geprüft werden muss. Der Schutz von Meereslebewesen wie Schweinswalen oder Seevögeln hat Priorität. RWE hat hier bereits konkrete Maßnahmen ergriffen. So werden bei der Fundamentierung Blasenvorhänge eingesetzt, um Unterwasserlärm zu reduzieren. Zudem wird die Anordnung der Anlagen so geplant, dass wichtige Fischgründe umgangen werden. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist generell hoch. Voraussetzung ist jedoch, dass die Parks nicht vom Strand aus sichtbar sind. Juist liegt glücklicherweise so weit draußen, dass die Anlagen von Land aus nicht zu sehen sind. Das minimiert Konflikte mit dem Tourismus.

Häufige Fragen

Wie viele Haushalte werden mit dem Strom versorgt?

Rein rechnerisch reichen die geplanten 6,5 Terawattstunden jährlich für bis zu 1,6 Millionen Haushalte. Der Fokus liegt jedoch primär auf der Industrieversorgung.

Wann ist die erste Anlage einsatzbereit?

Die Inbetriebnahme des ersten Teils, Nordseecluster A, ist für Anfang 2027 geplant. Der Baubeginn erfolgte bereits 2025.

Wie hoch ist die Gesamtleistung der neuen Parks?

Die kombinierte Leistung von Cluster A und B beträgt 1,6 Gigawatt, verteilt auf

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